Kassensturz
Kassensturz

Kassensturz

Beitrag von wize.life-Nutzer

Soll und Haben. Die Inventur treibt mich um in diesen Tagen. Tag der Einheit.
Sonne wie im Hochsommer und ein laues Lüftchen, das eher an eine Sommernacht als an den Herbst erinnert. Da, wo vor einem Viertel Jahrhundert schwarzer Staub die Fenstersimse überzog, die Hausfrauen ihre Wäsche nie draußen zum Trocknen aufhängten und die Nächte vom Kreischen der Schaufelradbagger begleitet wurden, liegt heute ein Schatz.

Nahe der Stadtgrenze von Leipzig aalt sich der Cospudener See. Der Sonne entgegen radle ich an seiner Westseite entlang, zwischen naturbelassenem Ufer und purpurnen Früchten des Herbstes. Der kleine Italiener kommt mir entgegen. Auf engsten Raum und vier Rädern tourt er mit süßer Fracht um den See, macht ab und zu Halt, um Leckermäulchen zu befriedigen. Seine Glocke am Office kommt nie zum Einsatz.

Vorbei an der Bistumshöhe und ihrem 35 Meter hohen Aussichtsturm mit Blick über Leipzig oder über das Land, das ohne großes Brimborium seinen Namen Neuseenland erhielt. Wenn alles still ist, höre ich das Gekreische des nahen Belantis mit seinen 60 Attraktionen mit grünem Strom.
Am Südufer fällt mir das Lied von Bison Zottelhaar ein. Irgendwer hat seine neun Tiere hier zum Weiden eingezäunt. Bei Kilometer 7 mache ich Halt, werfe alles von mir und nehme ein letztes Bad. Ein Handtuch wäre nicht schlecht, aber die noch warme Sonne dieses wunderbaren 3. Oktobers streichelt meine Haut trocken. In der Ferne erkenne ich die Silhouette des Citiyhochhauses und des Rathausturms. Fern und doch nah die Stadt. Meine Stadt.

Weiter. Urlaubsfeeling zum Nulltarfif. Aus -und Einfahrt kleiner Segelboote oder fein aneinandergereiht. Pier1 zum Einkehren oder Vorbeifahren. Ich fahre vorbei. Vorbei an den protzigen Bauten, dahinter das Städtchen Markkleeberg. Den Golfplatz und den künstlich angelegten Strand am Ostufer lasse ich links liegen. Der kleine Italiener kommt mir entgegen. Elf Kilometer, eine Belohnung ist fällig. Ich fingere nach Kleingeld in meinem Rucksack und hoffe, dass es reicht für eine Tüte mit Schoki und Joghurt. Ich schlecke genüsslich, sitze auf der Seebrücke am Nordstrand und warte, bis die Sonne ins Wasser fällt. Nicht wirklich, schließlich sitze ich am Braunkohletagebau und nicht am Meer.

Text und Fotos (außer Titel) : Connie B.

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