Kobane
KobaneFoto-Quelle: Human Rights Watch

Letzte Nachricht aus der Heldenstadt Kobane

Hans-Herbert Holzamer
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Während dieser Text ins Netz gestellt wird, könnte Kobane, die kurdische Stadt in Syrien an der Grenze zur Türkei schon an die IS-Terrormiliz gefallen sein. Diese selbsternannten Gotteskrieger haben offenbar einen strategisch wichtigen Hügel am Stadtrand erobert, mehrere Bezirke eingenommen, ihre schwarzen Fahnen wehen im Wind, sind von der türkischen Grenze aus gut zu sehen. Jeder weiß, was das bedeutet: Männer werden enthauptet, Frauen vergewaltigt, zwangsverheiratet, verkauft. 600 Dollar soll eine Jugendliche bringen. Man weiß das von Zeugenaussagen, und die Welt war sich einig, dass diese Wahnsinnigen gestoppt werden müssten. Einig waren sich wohl alle, und es fühlte sich gut an, dass die Zivilisation sich anschickte, gemeinsam gegen die Menschenfeinde vorzugehen. Man war auf der richtigen Seite, alle waren auf der richtigen Seite. Aber es war wohl nur eine Illusion.

Es ist nicht zu glauben

Es soll nicht möglich gewesen sein, den staubigen, heftig umkämpften Mistenur-Hügel für die Verteidiger Kobanes gegen alle Eroberungsversuche des IS zu schützen? Die USA, die Weltmacht mit ihren Drohnen, Bombern, dem ganzen Hightech-Kriegsapparat gegen ein paar Kämpfer mit Pickups und von der irakischen Armee requirierten Panzerfahrzeugen? Es ist nicht zu glauben. Und die Türkei hat ihre Panzer aufgereiht an der Grenze wie einst Stalin beim Warschauer Aufstand seine Panzer am 1. August 1944 am östlichen Weichselufer. Hilferufe nutzten und nutzen nichts, weil man abwarten will, wie die Kombattanten ausbluten und sich gegenseitig massakrieren.

Also gab und gibt es keinen Marschbefehl. Der Kurden-Sprecher Idriss Nassan sagte laut BBC, die Stadt werde "zweifellos bald fallen". Wie Warschau fiel. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon hat dazu aufgerufen, sofort zum Schutz der Bevölkerung zu handeln. Er verfolge die IS-Offensive gegen Kobane mit erheblicher Sorge, sagte sein Sprecher in New York. Die Terroristengruppe sei auf einem "barbarischen Feldzug". Und natürlich hatte die türkische Regierung den Menschen in Kobane ihre Unterstützung zugesichert.

Phrasen, nichts als Phrasen

Das zu den Phrasen, den leeren Beteuerungen. Und nun zurück zur Realpolitik. Die Türkei wollte schon im März 2014 in den Krieg gegen Assad ziehen. Der schien reif für den Fall, und osmanische Träume schwebten im Topkapi von Istanbul. Regierungschef Recep Tayyip Erdogan ließ daher europäische Fanatiker und Anhänger der Isis ins Land und schickte sie nach Syrien weiter. Die Isis, wie sich damals nannte, bekam aus Ankara Geld, aus Riad, aus Khatar. Der damalige türkische Außenminister Ahmet Davutoglu erwog sogar, einen syrischen Angriff zu fingieren, um damit einen Kriegsgrund zu haben. So wie weiland Adolf Hitler mit dem angeblichen Angriff auf den Sender im oberschlesischen Gleiwitz.

Das Kalifat gewinnt Ausstrahlung

Inzwischen hat der Islamisch Staat eine schlagkräftige Armee, hat halb Irak mit der Millionenstadt Mossul und einen großen Teil Syriens erobert, verfügt über Einnahmen aus dem Ölgeschäft und wird zur Last für seine Paten. Das gegründete Kalifat gewinnt Ausstrahlung nicht nur auf die Sunniten, sondern auf viele Moslems, die sich als gesellschaftliche Verlierer in ihren Ländern fühlen, bis nach Kempten in Bayern. Eben noch ein Loser, jetzt ein Dschihadist, vor dem alle zittern. Wenn das keine Karriere ist. Und die Türkei? Ankara solle sich an der internationalen Koalition gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" beteiligen, fordert die von den USA geführte Allianz. Und Erdogan, inzwischen Präsident, lässt sich vom Parlament die notwendigen Vollmachten erteilen. Um gelobt zu werden, doch er tut nichts. Weil er sich überlegt, was ihm nützt. Hilft er den Kurden, bereitet er der Gründung Kurdistans den Boden, hebt er die in der Türkei verbotene PKK in den Rang einer Partners. Dann werden sehr bald die Kurden der Türkei sich diesem freien Kurdistan anschließen wollen. Vielleicht hat er dem IS auch versprochen nichts zu tun, weil die Dschihadisten die 46 Mitarbeiter des türkischen Generalkonsulats in Mossul aus ihrer Geiselhaft befreiten und versprochen haben, auf Anschläge in der Türkei zu verzichten. Man glaube nicht, dass es keine Kontakte gäbe. Man glaube nicht, dass es ausgemacht ist, dass hier im Islamischen Staat das Böse regiert, während um ihn herum die Guten eine Allianz geschmiedet haben. Selbst angesichts enthaupteter Journalisten ist nichts absolut, alles relativ und ein Spiel der Kräfte. Mehr als 1,5 Millionen Menschen haben sich in die Türkei in Sicherheit gebracht. Das soll an gutem Willen genügen. So viele hat zum Beispiel Deutschland nicht aufgenommen.

Und die USA, warum halten sie sich zurück? Zum einen, das ist evident, weil die Türkei als Bundesgenosse zu wichtig ist, um sie zu düpieren. Mehr als freundlich bitten ist da nicht drin. Und wenn die Türkei erlaubt, die Incirlik Air Base im Süden der Türkei zu benutzen, ist das schon eine Menge. Zum anderen, wenn der IS ein Machtfaktor in der Region ist, warum soll sich Washington nicht diese Option auch offenhalten? Die anderen tun es ja auch. Sie schicken ein paar Bomber wegen des internationalen Applauses - und um das militärische Gerät zu testen, ansonsten bleibt man im Gespräch und im Geschäft.

Es ist auch nicht so, dass die Kurden einmütig die Türken um Hilfe anflehen würden. Abdulla Öcalan, inhaftierter Führer der verbotenen PKK, fordert ein Eingreifen, und droht damit, ansonsten die "Friedensverhandlungen" mit der türkischen Regierung stoppen zu wollen. Natürlich will er sich zurück ins politische Zentrum bringen, aber Ankara hat längst eigene Vorstellungen, was das für Verhandlungen seien. Man ist den Kurden entgegen gekommen, erlaubt den Gebrauch der Sprache, Schulen, Sender, Zeitungen. Das ist es aber auch. Und die "Schwester" der PKK, die Oppositionspartei HDP, sprach sich offen gegen eine Beteiligung der Türkei an einer Militäroperation gegen den IS aus, weil das ihr Streben nach Kurdistan beenden und die Türkei Besatzungsmacht kurdischen Landes im Irak und in Syrien werden könne. Da nimmt man dann lieber hin, dass aus Kobane eine tote Stadt, aber dann doch eine Heldenstadt der Kurden wird, um die sich dann viele Mythen ranken, aus denen die Politiker Kraft gewinnen, für die Freiheit Kurdistans zu predigen. Die Bewohner sind dann tot, und von Toten war noch nie eine Anklage zu hören.