Begrabbeln bitte
Begrabbeln bitteFoto-Quelle: munich-airport

Am Flughafen: Farbe, Temperatur und der Ladestand des Handys

Hans-Herbert Holzamer
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Wenn einer eine Reise tut ... Eigentlich sollte niemand mehr eine Reise tun, denn Reisen ist gefährlich. Und unnötig dazu, denn was man braucht liefern Ebay oder Amazon, was man sehen will, gibt es im Fernsehen oder auf DVD oder als Stream in der Ausleihe. Also wozu? Und ja, gefährlich ist es dazu! All dieser Terror und diese Seuchen. Da ist nicht mit zu spaßen. Und weil der Reisende, wie man weiß, ein Bruder Leichtfuß ist, der doch schon immer exotische Pflanzen und unerwünschte Krankheiten ins eigene Heim nach Dinkelfingham mit gebracht hat, wenn nicht gar irgendwelche Urlaubsbekanntschaften aus Pattaya, deswegen hat die Obrigkeit sich dieses Problems angenommen und schickt sich an, die Schotten in unser schönes Land dichtzumachen, und die Schotten aus diesem Land heraus gleich mit. Eine wichtige Schotte wird gerade mit der Maut gezimmert. Selbst die kleinste Nebenstraße geht da nicht aus!

Schotten dicht!

Die allerwichtigste Schotte aber befindet sich auf dem Flughafen. Mit schönen Worten beschreibt zum Beispiel der Münchner unter "munich-airport.de" welches "Prinzip am Flughafen München oberste Priorität" hat. Und meint damit nicht die Verwendung der englischen Sprache, sondern die "Sicherheit": "Deshalb sind Personenkontrollen, die manchmal lästig sind, doch notwendig." Wenn der Mitarbeiter ein Zeichen gibt, soll man "bitte zügig" durch den Metalldetektor gehen. Zunächst also wird einem ein Befehl gegeben, dann gehetzt, mit dem Risiko, einen "Alarm" auszulösen. Und "zusätzlich werden alle Körperpartien per Hand abgetastet." Eigentlich möchte ich das nicht, und besser ist´s, die Reise direkt abzubrechen. Zumal ich mir die Person, die "alle Körperpartien" abtastet, nicht aussuchen darf. Und nun muss ich "Fotoapparate, Laptops oder andere elektronische Gegenstände kurz einschalten" um die Funktionsfähigkeit nachzuweisen. Kurz geht nicht, wenn der Rechner hochfahren soll, und dass von mir ein Nachweis verlangt wird, ob irgendein Teil funktioniert, passt mir auch nicht. "Die Leute werden wirklich gequält", sagt Thomas Ross, der Leiter des Konzernbereichs Recht und Sicherheit beim Flughafen München. Der hat gut reden, er steht auf der Seite der Quäler. Und künftig muss ich, der gequälte Reisende, auch noch nachweisen, dass mein Handys einen "aufgeladenem Akku" hat. Denn, so erklärt der Terrorismus-Experte der ARD Holger Schmidt, weil "Sprengsätze als elektronische Geräte getarnt werden können". Die Frage sei, wie "das Sicherheitspersonal am Flughafen oder an anderen sensiblen Punkten schnell geklärt" bekommt, ob etwas wirklich ein Akku ist oder möglicherweise Sprengstoff oder etwas anderes?" Was könnte das sein, das andere? Es gruselt mich. Dabei hatte ich doch in der Werbung gelesen, dass man künftig im Flugzeug sein Handy und seinen Laptop nutzen dürfe? Wer spielt da gegeneinander? Ist die Bedrohung schon viel größer als angenommen. "Al-Kaida baut solche Konstruktionen", sagte Schmidt im WDR. Die Mitarbeiter von munich-airport haben aber Trost bereit: In der "westlichen Welt entwickeln die Röntgenapparate keine schädliche Strahlung für Ihre Geräte", teilen sie mir mit. Danke! Röntgenapparate sind die Gegenstände, die ich auf das Förderband legen muss. Aber sie warnen zugleich: "Das ist in exotischeren und weniger industrialisierten Ländern nicht immer sicher. Dort bieten die Behörden und Sicherheitsleute meistens an, Ihre Geräte ohne das Röntgen zu überprüfen. Dabei kann Ihr Laptop schon einmal mit einer Art Staubsauger bearbeitet werden, der nach Sprengstoff im Innenleben der Maschine fahndet." Meine Güte, Fahndung im Innenleben, und das noch mit einem Staubsauger! Da vergeht einem wirklich die Lust auf die geplante Urlaubsreise. Und wer interessiert sich eigentlich dafür, für meine teuer bezahlte Reise? Niemand, man soll ja gar nicht verreisen: "Das Sicherheitspersonal ist nur der ordnungsgemäßen Kontrolle verpflichtet und interessiert sich nicht für Ihre Abflugzeit." Sagt munich-airport.
Na danke, nur Herr Schmidt, scheint die Sache auf die fröhliche Schulter zu nehmen: "Das Lustige gerade bei US-Sicherheitsbehörden ist ja, dass die sich jetzt nicht immer wörtlich an jede Bestimmung halten", dort würde man ohnehin das machen, was man persönlich für richtig hält, meint er. Das sind ja Zeiten wie im wilden Westen. Aber was habe ich mit Al-Kaida zu tun? Ja, noch nie etwas vom Profiling gehört? Und der individuellen Wahrscheinlichkeit, in eine Kontrolle zu geraten? Man kann nicht sicher sein, ob Ihre dunklere Gesichtsfarbe nicht doch kein Sommer-Relikt ist, sondern den Genen geschuldet.

Der Farb-Check

Das sogenannte "Racial/Ethnic Profiling" ist eine anerkannte Methode der Polizei, bei der Merkmale wie Hautfarbe oder Gesichtszüge einer Person entscheidend dafür sind, ob sie kontrolliert oder überwacht wird. Das funktioniert auch bei uns. In Deutschland kommen solche mutmaßlich ethnischen Merkmale zur Anwendung im Rahmen von "verdachtsunabhängigen Personenkontrollen". Ich weiß zwar nichts und habe nichts in der Hand gegen dich, aber ich kontrolliere dich doch. Das Ziel ist, die unerlaubte Einreise von Ausländern nach Deutschland zu verhindern. Das bedeutet in meinem Fall, ich könnte München verlassen, käme vielleicht aber nicht zurück? Doch, bestimmt, aber nur nach Kontrolle. Wohin willst du reisen? Westafrika. Dann nur nach Kontrolle der Temperatur. Die USA planen bereits an fünf Flughäfen Fieberkontrollen für Flugreisende aus Westafrika einzuführen. Und das so genannte Thermoscreening kommt in Europa bestimmt auch, London macht den Vorreiter. Schon heute greift bei Verdacht bei einigen Airlines, darunter die Lufthansa, ein "Notfallprogramm". Die CDC, Centers for Disease Control and Prevention, eine Behörde der Vereinigten Staaten mit Sitz in Druid Hills bei Atlanta, überlegen fieberhaft (sorry - wrong word), was zu tun ist: "Ganz gleich welche Maßnahmen wir ergreifen - solange wir den Ausbruch in Westafrika nicht unter Kontrolle bringen, werden wir das Risiko einer Ausbreitung in andere Länder nicht auf null bringen", sagt Thomas Frieden, Direktor der CDC. Trotzdem wurden in den vergangenen zwei Monaten mehr als 36 000 Passagiere kontrolliert. Bei 77 wurden Fieber oder andere Symptome festgestellt worden. Ihnen wurde die Ausreise untersagt. Keiner von ihnen war mit Ebola infiziert.

Lustig ist das nicht. Aber die Panikmache ist auch nicht so lustig, etwa das Verbot von Tennisschlägern, die Aufforderung die Flasche Wodka im Handgepäck auszutrinken. Nun gut, der Mann tat´s freiwillig und dann noch 20 Schritte. Ein Blitzrausch als gerechte Strafe für das strenge Personal, das dann auch den Passagier entsorgen musste.

Begrabbeln oder nicht

Thomas Ross, der von munich-airport, setzt auf die moderne Technik, um Flüssigkeiten auch in ungeöffneten Gepäckstücken aus der Ferne zu analysieren. Und der Ganzkörper-Scan könne das "Begrabbeln" ersetzen. Nach seiner Einschätzung "wimmelt es von losen Enden in der Sicherheitsphilosophie". Warum müssten Piloten an der Sicherheitskontrolle ihre Taschenmesser abgeben - wo doch in jedem Cockpit eine Notfall-Axt montiert ist, fragt er.

Aber die Antwort kann nicht die Technik liefern, denn die Angst vor dem Risiko ist etwas zutiefst Menschliches. Selbst wenn sie sich zur Paranoia steigert.
Und wenn einer eine Reise tut, dann kann er auch dann eine Menge erzählen, wenn er in seinem Schrebergarten eine Runde dreht. Die Piloten und die Zugführer streiken eh wieder.