Social Fäulnis
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Social Fäulnis

Hans-Herbert Holzamer
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Social Freezing ist das Wort des Tages. Es hat alle Voraussetzungen als Unwort des Jahrzehnts in die Geschichte einzugehen. Arbeitgeber wie Google und Amazon bieten ihren weiblichen Mitarbeitern an, Eizellen einfrieren zu lassen, auf Kosten der Firma natürlich, damit kein Babygeschrei und keine Windel die Karriere behindern können. Davon hat der Unternehmer etwas, und was die Frau davon hat, darüber zerbricht sich das Land nun den Kopf. Prominent die Sendung mit Gerhard Jauch, der indes besser bei "Wer wird Millionär" aufgehoben ist als bei einer Diskussion "Wer wird Mutter?"

Wenn man ein Mann wie Jauch ist

Social Freezing ist ein Thema, das in den nächsten Tagen und Wochen soziologisch, arbeitsrechtlich, ethisch, vor allem aber medial diskutiert werden wird. Frauen, wie Uta Rasche in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, sagen, "es ist leicht die Angebote von Apple und Facebook an ihre Mitarbeiterinnen für unmoralisch zu halten", wenn man ein Mann wie Jauch und der Diskutant Ranga Yogeshwar ist "und beides hat: große Familien und coole Jobs." Rasche fragt: "Warum gibt es auch in seinem (Jauchs) Gewerbe keine Frau mit vier Kindern? Es liegt auf der Hand: Hier gibt es keine Vereinbarkeit von Familie und Beruf."
Doch wenn sie (wie andere Frauen aus Jauchs Runde) meint, die Angebote von Facebook und Google seien Beiträge zur Familienfreundlichkeit im Unternehmen, irrt sie sich, selbst wenn diese Firmen behaupten, sie seien von Frauen zu diesem Angebot gedrängt worden.

Es ist richtig, es handelt sich "nur" um Angebote, keine Frau braucht sie anzunehmen. Aber wie naiv muss man sein, um zu glauben, der Arbeitgeber, zumal in der IT-Branche, begegnete einem als barmherziger Samariter? Mark Elliot Zuckerberg, Chef von Facebook, ist bekennender Atheist, sucht die künstliche Intelligenz und vor allem den unternehmerischen Erfolg. Und Google-Konzernchef Larry Page wurde bislang nicht dadurch bekannt, ein "Herz für Kinder" zu haben. Was wird in diesen Unternehmen und den anderen, die das Eisschrankangebot machen, passieren? Bei der Einstellung von Frauen, bei der Besetzung der Karriereleitern wird in einem Gespräch "in freundlicher, entspannter, geradezu familiärer" Umgebung danach gefragt, wie "frau" ganz allgemein natürlich zum Social Freezing stünde. Anschließend werden die entsprechenden Vermerke in der Personalakte gemacht. Das ist doch logisch! Heute schon wird in Deutschland danach gefragt, wie es mit dem Kinderwunsch aussähe. Ob die Bewerberin schwanger ist, darf nicht gefragt werden, nach der Familienplanung schon. Jetzt bald fügt man - zunächst in einem Nebensatz - dann laut und vernehmlich, wenn der Empörungssturm verhallt ist, hinzu: "Übrigens, wir bieten Social Freezing an." Und "frau" bekommt kein Angebot zur work-life-balance, sie bekommt einen Klumpen an den Hals. Erstens wird sie geächtet, wenn sie doch schwanger wird, zweitens wird ihr das Risiko aufgelastet, ob die Entnahme der Eizellen funktioniert, und ob die spätere Befruchtung Erfolg hat. Dass die Menschwerdung inzwischen kommerzialisiert wird, ist eklig. Es ist kein Zeichen sozialen Fortschritts, sondern "sozialer Fäulnis", wie es die Künstlerin Eva-Sophia Holzamer in "unmodern art" nennt.

Aus der Arbeitswelt wird Social Freezing in die Gesellschaft schwappen

Aus der Arbeitswelt wird Social Freezing in die Gesellschaft schwappen. Bemühungen um Chancengerechtigkeit von Mann und Frau werden zurückgefahren. Für eine ehrgeizige Frau passt ein Kind nie, wird es salopp heißen, aber dafür haben wir jetzt den Eisschrank. Elisabeth Niejahr, Korrespondentin der ZEIT sagte bei Jauch, die Arbeitswelt müsse sich ändern, "damit beides geht, Kinder und Beruf - und zwar gleichzeitig, nicht hintereinander." Sie ist jetzt schon eine Ruferin in der Wüste, demnächst wird man über sie spotten. Und natürlich wird mit den Eiern ein Geschäft gemacht werden, es werden sich Frauen zum Austragen anbieten, es werden sich Preise und Märkte für nicht gebrauchte Exemplare bilden. Man muss es sich nicht weiter ausmalen, Fäulnis beschreibt dieses Gesellschaftsmodell einer vermeintlich schöneren neuen Welt treffend. „Es ist wie Geld auf der Bank“, sagte die Werbefilmerin Sharon Berkal bei Jauch. "Was passiert eigentlich, wenn der Strom ausfällt?" wollte dieser wissen. Das wird dann das Hauptproblem sein, die Ethik wurde längst mitgefroren. Ursprünglich war die Eizell-Konservierung für junge, an Krebs erkrankte Patientinnen gedacht, die sich einer Chemotherapie unterziehen müssen, das ist ein ethisch nicht zu beanstandendes Angebot. Sogar generell kann jede Frau über ihre Fruchtbarkeit frei verfügen. Aber in dem Moment, wo diese zu einer Währung in Unternehmen wird, führt Social Freezing zu einer Entwürdigung der Frau. Im Oktober 2014 kam eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid zu dem Ergebnis kam, dass 37 Prozent der befragten Deutschen Social Freezing als Angebot für grundsätzlich richtig halten. Carl Djerassi, der Erfinder der Anti-Baby-Pille, meint: „Es wird bald gang und gäbe sein, dass Männer und Frauen ihre Spermien und Eizellen in jungen Jahren einfrieren und sich danach sterilisieren lassen." Ihre ein bis zwei Kinder würden sie einfach später mithilfe von künstlicher Befruchtung bekommen. Und Jörg Puchta, Reproduktionsmediziner in München will "die Wechseljahre der Frau abschaffen," wie er der "tz" anvertraute, und redete von "Baby-Take Home-Raten".

Kommerzialisierung und reine Lehre

Nicht nur Zuckerberg und Page sind schon soweit, einige - auch hierzulande - machen sich darüber hinaus schon Gedanken, wie man nicht nur den Lebensanfang sondern auch das Lebensende kommerzialisieren kann. Und dann wundert man sich, dass angesichts dieser gesellschaftlichen Fäulnis einige nach der reinen Lehre fragen?