AKW Gundremmingen
AKW GundremmingenFoto-Quelle: wikipedia

Geschichte der deutschen Stromkonzerne - interessante Doku der ARD

Beitrag von wize.life-Nutzer

Solche Beiträge kommen natürlich immer erst ziemlich spät (Mo., 27.10.2014. 23.45 Uhr), aber das Aufbleiben hat sich gelohnt:

Seit 130 Jahren schon, von allem Anfang an, ist Stromwirtschaft in Deutschland das durch Monopole und Kartelle sorgsam gesicherte Geschäft weniger Großkonzerne.


Strompioniere sichern sich das Geschäft


Am Anfang stand ein "genialer Deal", wie einer der die Doku kommentierenden Experten sagt: Emil Rathenau, der Unternehmer und spätere AEG-Chef, erkennt die Chancen der aus Amerika kommenden neuen Technologie und sichert sich die Patente für die Anwendung von Edisons Erfindungen in Deutschland. Die Banken zwingen ihn zu einer frühen Einigung mit seinem Konkurrenten Wernher von Siemens: Die AEG wird der große Stromversorger, Siemens liefert die Generatoren dafür. Zuerst wird Berlin auch die erste deutsche Strom-Hauptstadt. Aber auch überall sonst im Reich ist der Bedarf an Strom da und es entwickelt sich das Geschäft.

In Essen steigen die Kohle- und Stahlunternehmer ein. Führend ist Hugo Stinnes, der den Dampf aus seinen Werken für die Stromerzeugung nutzen will. Hier entsteht der bedeutendste deutsche Stromkonzern RWE. Stinnes und Thyssen sichern sich die Aktienmehrheit. Aber auch in anderen Teilen Deutschlands entstehen Stromkonzerne unter Länderregie: Die Badenwerke, die Bayernwerke und Preußen Elektra. Als sie nach dem Ersten Weltkrieg in der Weimarer Republik die Verstaatlichung der Stromwirtschaft befürchten müssen, lassen sie die Städte Anteilseigner werden, außerdem werden die Bürgermeister im Aufsichtsrat mit einem Automobil beschenkt. Seitdem sind die Interessen der Stromversorger und der Politik synchronisiert. Der Nationalsozialismus wird ebenfalls keine Gefahr für die Stromkonzerne, da die alte Industrieelite die Nähe zum neuen Regime sucht und findet. Im Gegenteil, durch Hitlers Energiewirtschaftsgesetz wird aus Staatsinteresse die Stromwirtschaft geschützt. Das Gesetz hat sehr zum Nutzen der großen Versorger bis 1998 Bestand.

Enge Verbindungen zur Politik

Hatten die Alliierten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vor, die großen deutschen Industrieunternehmen zu zerschlagen, da sie so wichtig für die nationalsozialistische Rüstungs.- und Kriegspolitik waren, so werden doch die Stromversorger schon recht bald wieder geschont und wieder mächtig.

In den 50er Jahren im einsetzenden Kalten Krieg erschließt sich mit der friedlichen Nutzung der Atomenergie ein neues lukratives Geschäftsfeld. Kanzler Adenauer und Bundesminister Franz-Josef Strauß wollen auch Atomwaffen, die sie nicht bekommen, und so doch jedenfalls Atomforschung und das Atomgeschäft. Trotz der Proteste der Bevölkerung baut die Bundesrepublik die Atomkraft zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig aus, in den sie Hunderte Millionen Mark pumpt. Interessanterweise ist RWE nur auf politischen Druck zum Einstieg in diesen Sektor bereit, denn man erschließt sich im Westen Deutschlands soviele Braunkohletagebaue und hat ja auch noch die Steinkohle der Ruhr, dass man auf Jahrzehnte Energie produzieren könnte ohne Atom. Die BRD lässt sich aber die Atomenergie sehr viel kosten, kein Konzern kann sich das entgehen lassen. Es werden Reaktoren gebaut.

Der Staat subventioniert die Atomkraft mit Abermillionen


Die Ölkrise löst eine weitere Welle der Subventionen für die Atomkraft aus. Gleichzeitig entsteht der Widerstand in der Bevölkerung. Es sollen dennoch über vierzig neue Reaktoren und Wiederaufbereitungsanlagen entstehen. Die Entwicklung kommt in den 80er Jahren an ihr Ende. Die Konzerne verdienen so gigantisch gut, sie haben keinen Bedarf an weiterem Ausbau. Auch eine geplante Wiederaufbereitungsanlage lässt sich nicht durchsetzen, selbst in der Oberpfalz in Bayern nahe der tschechischen Grenze nicht. Die Interessen der Stromindustrie und der Politik sind nicht mehr ganz deckungsgleich. Die Kernschmelze im Atomkraftwerk Tschernobyl verändert den Blick auf die Atomkraft.

Konkurrenzlose Gewinne für die Großen Vier


1990 wittern die bundesdeutschen Konzerne wiederum Morgenluft und kaufen das Recht der Stromversorgung der gesamten DDR. Erst durch eine aufsehenerregende Klage vor dem Bundesverfassungsgericht erringen die Städte der ehemaligen DDR die Rückgabe ihrer Netze zum Gründen von Stadtwerken.
In den 90er Jahren privatisieren die Bundesländer die Stromkonzerne, die Aktiengewinne sprudeln. Jeder abbezahlte Reaktor bringt 1 Million täglich an Gewinn. Die rot-grüne Bundesregierung hilft gegen die europäischen Forderungen nach einem Zugang zum deutschen Strommarkt bei der Fusion der acht großen Energiekonzerne zu den auch heute noch beherrschenden "Großen Vier": RWE, e-on, EnBW und Vattenfall. Aber Rot-Grün steht auch für den Ausstieg Deutschlands aus der Atomenergie mit langen Restlaufzeiten für die Konzerne. Diese warten auf den Regierungswechsel, und richtig verkündet die Regierung Union/FDP den "Ausstieg aus dem Ausstieg".

Und nach Fukushima?


Die Situation ändert sich dramatisch nach dem Erdbeben und Tsunami, die im japanischen Reaktorpark Fukushima zur Kernschmelze führen. Die Bundesregierung reagiert und verkündet erneut den Ausstieg aus der Kernenergie. Auch wird durch die Energiewende offenbar, dass die großen Stromkonzerne den Wechsel auf die Erneuerbaren Energien hin verschlafen haben. Tausende kleine Versorger machen den Großen ernsthaft Konkurrenz. Wiederum werden die alten Druckmittel der Konzerne auf die Politik eingesetzt: Drohung mit dem Blackout, mit dem Wegfall zehntausender Arbeitsplätze und der Forderung nach Steuergeld für das Betreiben von nicht rentablen Gaskraftwerken. Regisseur und Autor Florian Opitz fragt am Ende des Films, ob die Konzerne wieder die Sieger sein werden, wie seit 130 Jahren, oder ob diesmal die Politik die Richtung vorgibt. Der Ausgang, meint er, sei offen.

Das Video zu dieser Sendung können Sie auf ARD.de bis zum 3. Nov. sehen.
http://www.daserste.de/information/r...ne-100.html
Foto: Atomkraftwerk Gundremmingen
http://de.wikipedia.org/wiki/Kernkra...B1966-2.JPG