Eine Seefahrt, die ist lustig
Eine Seefahrt, die ist lustigFoto-Quelle: Rike / www.pixelio.de

Mein Wort zum Sonntag: Wie man einen Verlag zugrunde richtet

News Team
Beitrag von News Team

Der Kapitalismus frisst sich selber auf - an Hand des Niedergangs eines Verlags beispielhaft geschildert.
Fast ein Vierteljahrhundert war ich Redaktör beim Verlag "Gruner + Jahr", abgekürzt G&J, und es ging mir gut, wie auch den anderen Redaktören. Der Verlag legte Wert auf Qualität, wusste um das kreative Potential seiner Mitarbeiter, beschützte sie nach außen und zahlte gut. Die einzelnen Titel waren Markennamen, zum Teil seit Jahrzehnten: Brigitte, Stern, Geo, Schöner Wohnen, und das P.M.-Magazin, benannt nach seinem Gründer Peter Moosleitner, der einmal sagte (und praktizierte): Mit einem Chefredaktör kann man nur zweierlei machen. Man kann ihn heuern, und man kann ihn feuern. Mit anderen Worten: Keiner redet mir drein. So wurde das Magazin zu einem Erfolg.

Der große Rausschmiss beginnt

Die Zeiten haben sich geändert. G&J wurde von Bertelmann aufgekauft, und jetzt beginnt das große Sparen. Bei Brigitte wurden sämtliche schreibenden Mitarbeiter entlassen, bei GEO waren es 14, als nächstes ist der Stern dran. Wolf Schneider, langjähriger Leiter der Journalistenschule des Verlags in Hamburg, sagte zu dem Kahlschlag: "Das tut mir weh. In meinen 16 Jahren an der Journalistenschule habe ich regelmäßig zur Begrüßung verkündet, Gruner + Jahr ist unter Deutschlands großen Verlagen der angenehmste und unter den angenehmen der größte. Der Größte ist er ja sowieso nicht mehr und offenbar hört er gegenwärtig auf, der Angenehmste zu sein."
Der Mediaplaner Thomas Koch drückt es in einem Blog noch drastischer aus: "Meine Damen und Herren, Sie erleben gerade den Untergang der deutschen Zeitschriftenkultur." Denn "Zeitschriften macht man mit Herzblut und Leidenschaft, nicht mit dem Rotstift des Controllers. Und das können externe Schreiber nicht tun." Denn das Klima einer Redaktion und damit das Bild der Zeitschrift wird über Jahrzehnte gestaltet und von der Redaktion getragen, also von den Insidern, nicht von den Externen. Mithin verliert jede Zeitschrift ihre Individualität und damit ihre Qualität (und das Ganze gilt natürlich im übertragenen Sinn auch für andere Firmen und deren Produkte).

Das große Sparen findet nicht statt

Unser Exchef Moosleitner, ebenso wie sein Chef, der Verlagsleiter, hatte Verständnis für uns. Wir waren exaltiert, unangepasst, renitent und kreativ. Wir erzählten nicht das, was alle erzählen, sondern das, was sonst niemand sagt. Und das macht den Wert einer Zeitschrift eben aus. Unsere Chefs verstanden das und ließen uns gewähren.
Vorbei. Aber, so könnte man einwenden, die Verlage müssen eben auch sparen, und am teuersten sind nun mal die Mitarbeiter. Es wäre in Ordnung, würden die Oberen danach handeln. Aber das tun sie nicht. Anstatt der entlassenen Arbeiter werden nämlich Leute im "Mittelmanagement" mit hohen Gehältern eingestellt, Controller, Aufpasser, Kostenrechner, Nörgler und Besserwisser. Diese Betriebswirtschaftsstudenten haben keine Ahnung von der eigentlichen Arbeit, reden aber überall drein. Sonst hätten sie ja nichts zu tun. Ergebnis: Jedwege Kreativität wird von vornherein unterdrückt, um jedes Detail von Text und Bild wird von vornherein gestritten, kein Redaktör kann in Ruhe seinen Beitrag formulieren. Das führt zu einem journalistischen Einheitsbrei, der nun auch die (immer noch) angesehenen Zeitschriften von G&J erfasst.

Ein positives Beispiel

Wie man es anders machen kann, zeigt Deutschlands erfolgreichste Computerzeitschrift c't. Die FAZ hat zum 25-jährigen Jubiläum von c't folgendes geschrieben: "Die Redakteure der „c't“ sind eigenständige Köpfe. Die bunte Mischung jeder Ausgabe entspringt den vielfältigen Interessen der Mannschaft, die man so arbeiten lässt, wie sie es mag. Nur so können gute Geschichten entstehen, die in die Tiefe gehen, originell und spannend sind, die sich absetzen gegenüber dem Einerlei des überall obwaltenden Fastfood-Journalismus auf verlegerischer Sparflamme."
Die Zeitschrift ist, trotz ihrer gnadenlosen Kritik an schlechten Produkten, zudem hoch angesehen, auch bei Werbekunden. Und die Leser wissen: Was dort geschrieben steht, entspricht nicht irgendwelchen Werbeblättern irgendwelcher Anzeigenkunden. Kein Wunder, dass beim Niedergang des Journalismus die Menschen lieber das lesen, was Blogger aus eigener Erfahrung von sich geben. Aber das ist kein Journalismus, das sind Dauer-Feuilletonisten. Zur Informationsübermittlung reicht das bei weitem nicht.