„Inklusion ist für uns kein Thema – wir leben sie einfach“
„Inklusion ist für uns kein Thema – wir leben sie einfach“

„Inklusion ist für uns kein Thema – wir leben sie einfach“

Sozialverband VdK Bayern e.V.

Das Textilunternehmen Manomama beschäftigt viele Mitarbeiter, die auf dem Arbeitsmarkt schon längst abgeschrieben waren


Freitagvormittag bei Manomama: Die Nähmaschinen rattern, die Nadeln sausen über die Stoffe. Dutzende Frauen und einige Männer arbeiten dem Wochenende entgegen. Die meisten haben den Beruf des Nähers nicht gelernt, viele sind über 50, manche haben eine Behinderung. Doch das kümmert hier niemanden: „Inklusion ist für uns kein Thema. Wir leben sie einfach“, sagt Firmengründerin Sina Trinkwalder.

2010 hat die 36-Jährige das Textilunternehmen Manomama gegründet, weil sie etwas Sinnvolles machen wollte: „Mit Menschen arbeiten, die keiner mehr will: Ältere, Menschen mit Behinderung, Menschen mit Migrationshintergrund – all denjenigen, denen der Zutritt zum Arbeitsmarkt verwehrt wird.“ Für diese Vision gab sie von heute auf morgen ihren Job in einer gut gehenden Werbeagentur auf. In ihrer Heimatstadt, der ehemaligen Textilstadt Augsburg, beschloss sie: „Wir fangen wieder an zu nähen.“

Von Anfang an hatte sie sich vorgenommen, ausschließlich ökologische Bekleidung zu produzieren und faire Stundenlöhne zu bezahlen. „Die Leute hielten mich für verrückt“, erinnert sie sich. Weil sie von den Banken kein Geld bekam, steckte sie ihr gesamtes Privatvermögen in die Firma. Später halfen „Maschinenpaten“, die notwendigen Nähmaschinen zu finanzieren. Der Mut zahlte sich aus: Bereits ein Jahr nach der Gründung erhielt Manomama den Deutschen Nachhaltigkeitspreis, weitere Preise folgten. Heute beschäftigt Trinkwalder 150 Mitarbeiter, das Unternehmen schreibt schwarze Zahlen, die Textilien sind von Bioland zertifiziert.

In Talkshows zum Thema Mindestlohn ist sie Dauergast, und so ganz nebenbei hat sie auch ein Buch geschrieben mit dem Titel „Wunder muss man selber machen“. Für viele der Beschäftigten ist Manomama tatsächlich ein kleines Wunder. Für Monika Gierseg etwa, die nach einer Schulter-OP ihren Beruf als Altenpflegerin nicht mehr ausüben konnte. Die 54-Jährige weiß aus eigener Erfahrung: „Es ist ganz schwierig, in diesem Alter noch einen Job zu bekommen.“ Nähen hat sie zwar nicht gelernt, aber bei Manomama ist sie so etwas wie das „Mädchen für alles“: „Ich mache alles, vom Bügeln bis hin zum Zuschneiden.“

Auch Hannelore Dressler macht alles außer Nähen: Die 62-Jährige schneidet Etiketten für Einkaufstaschen zu, dreht Taschen um und packt an, wo immer sie gebraucht wird. Vor einigen Jahren war sie nach einem langen Auslandsaufenthalt nach Deutschland zurückgekehrt und hatte Schwierigkeiten, einen Job zu finden. Als Selbstständige pflückte und verkaufte sie eine Zeitlang Äpfel – ein Knochenjob. Wie ihre Kollegin schätzt sie das gute Betriebsklima und freut sich vor allem über eins: „Wir dürfen hier alle bis zur Rente arbeiten. Das hat uns Sina versprochen.“

An den Ruhestand denkt Feridun Mikiroglu noch nicht. Er ist 45 Jahre alt und kann weder lesen noch schreiben. Die Zahlen aber kennt er, deshalb bedient er die Maschine, die die Henkel der Einkaufstaschen gleichmäßig abschneidet. Mikiroglu hat vier Kinder, die er über alles liebt – drei von ihnen haben eine Behinderung. Den Job bei Manomama wollte er unbedingt, dafür hat er wochenlang zu Hause Nähen geübt. „Ich habe noch nie aufgegeben“, sagt er.

„Die Verantwortung eines Unternehmers darf nicht am Werktor enden“, fordert Trinkwalder. „Es geht auch darum, dass man der Gesellschaft etwas zurückgibt.“ Bei Manomama erhält jeder Mitarbeiter zehn Euro Stundenlohn. Wer viel für die Gemeinschaft leistet, bekommt zusätzlich einen Bonus. Entschieden wird das im Team. Andere Textilfirmen kalkulieren mit Gewinn. Trinkwalder will möglichst viele Menschen in Beschäftigung bringen. Der schönste Lohn für ihre Mühe ist, wenn die „Ladys“, wie sie ihre Mitarbeiterinnen nennt, aufblühen, weil sie mal wieder Kaffee trinken oder ins Kino gehen können. (Annette Liebmann)