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25 Jahre Mauerfall - Gedanken eines Zeitzeugen

Von wize.life-Nutzer - Donnerstag, 06.11.2014 - 14:59 Uhr

6.11.2014
Es wurde ja dazu schon viel geredet und geschrieben in den letzten Tagen besonders wieder. Ich möchte aber doch nochmal einige meiner Gedanken dazu in einem eigenen Beitrag zusammenfassen, basierend ausschliesslich auf persönlich erlebtem in dieser sehr speziellen Zeit, davor und bis heute.

Vorab: Meine Heimat war und ist Thüringen. Ich lebe gern hier und bin froh, dass 1989 die Mauer fiel. Möglicherweise würde ich sonst heute gar nix mehr schreiben.

Ich gehörte nicht zu den Begründern der Protestbewegung, kann mich aber noch seehr gut an die Zeit erinnern, als wir in Dachwohnungen und Hinterzimmern mit heute vorsintflutlichen Mitteln Info-Texte und Flugblätter vervielfältigten, gemeinsam mit gleichgesinnten über eine Alternative zur herrschenden Ordnung nachzudenken sowie an die Demos, speziell in Jena.
Strukturen bildeten sich wie Neues Forum, bei dem ich eher zufällig landete, weil da im Nachbarhaus eine Zelle war. Erstmal gestaltete ich mit Freude Aushänge auf Arbeit, Chefs waren ängstlich zu Gesprächen bereit und sahen ihre Felle davon schwimmen.

Plötzlich war es soweit, völlig überraschend zu diesem Zeitpunkt und die Ereignisse überschlugen sich. Ich sass heulend vor dem Fernseher bei den Bildern aus Berlin. Es folgte eine Zeit höchsten Glücks voller Hoffnung, dass nun endlich alles sich zum Guten wendet. Dies dauerte nur einige Wochen und dann kam die Ernüchterung.

Statt der gewünschten Reformen folgte eine Überstülpung des westlichen Systems, Ausverkauf durch Treuhend - für mich die größte legale organisierte Verbrecherorganisation aller Zeiten - und wesentlich dadurch, aber auch durch die vorschnelle Einführung der D-Mark extreme plötzliche Währungsaufwertung die Pleite und ein riesen Schuldenberg. Zuvor waren nämlich entgegen weit verbreiter Ansicht die Staatsverschuldung der DDR gemessen an heutigen Summen vergleichsweise lächerlich.
Ein Bruchteil eines Aufbauplanes wie seinerzeit der Marschallplan im Westen hätte genügt bei besonnenem Vorgehen.
Schliesslich trug der Ostteil nahezu die gesamte Kriegslast und es dauerte z.b. Jahrzehnte, bis das von den Russen abmontierte 2. Gleis auf der Strecke Nürnberg über Jena Richtung Berlin wieder gelegt wurde, während im Westen eben der Marschallplan seine Wirkung entfaltete.

Die Mauer in den Köpfen ist noch sehr präsent und das ist auch kein Wunder, wo doch im alltäglichen Leben die Unterschiede Ost-West weiterhin wirken. Lohn- und Rentenniveau, Arbeitszeiten sind nach wie vor recht unterschiedlich.
Nur ein Beispiel: Man verdient bei der AWO mit Tagespflege in Berlin-Kreuzberg mit weniger Arbeitszeit deutlich mehr als in Friedrichshain bei sonst genau gleicher Arbeit (es waren so ca. 3 Euro/Stunde) - und dabei bilden die beiden Stadtteile einen Verwaltungsbezirk - nur mitten durch stand da halt mal ne Mauer, von der noch einige Reste am Spreeufer zu sehen sind. Und das nach 25 Jahren!!!

Hinzu kommt, dass augenscheinlich viele über die ehemalige DDR reden, die dort nie gelebt haben und auch in den 25 Jahren eher kaum oder ggar nicht dort waren und nur irgendwelche Schlagzeilen und Medienberichte als Grundlage haben.
Wenn von Vereinigung und Einheit und vor allem wie da geredet wird, kann einem schon mal das Messer in der Tasche aufgehen, natürlich nur symbolisch.

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6 Kommentare

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Geschichten aus der Heimat:

Heute die blühenden Landschaften von Seifhennersdorf

"alte Villen, Umgebindehäuser, wie sie typisch sind für die Gegend, Holzhäuser, mal mehr, mal etwas weniger Gartenland dahinter. Keines ist teurer als 150 Euro, alle sind beschädigt bis verfallen. "Nehmen Sie ruhig eines davon. Ich habe mir auch drei gekauft." ....

Quelle und mehr:
http://www.badische-zeitung.de/deuts...213990.html
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Leider Gottes ist es so wie beschrieben.Wir sassen in der Petrikirche damals um den Juni 1989 und machten uns unsere Gedanken.Uns war damals schon klar das es eine Vereinnahmung der DDR geben würde.
War auch zu erwarten da die SED und ihre willfährigen Blockflöten sich nicht von innen her reformieren konnten und auch nicht wollten.Somit war es schier unmöglich auf Augenhöhe mit der noch existenten BRD in der alten Grössenordnung zu verhandeln.Einige Wenige hatten dann die Aufgabe die DDR zu verkaufen auf Teufel komm raus.Es blieb dann beim Überstülpen der BRD über die DDR.Und es gab genug Warner aber zu viele die die DDR untergehen lassen wollten.Und das waren komischerweise nicht mal der harte Kern der Regimegegner sonder Profilsüchtige.Siehe unseren heuten Gaukler der jetzt Bundespräsident ist.Solche Menschen die sich als Regimegegner selber bezeichneten aber nix absolut nix dafür getan haben hat es nach oben gespült.auch ein Peter Michael Diestel oder ein Lothar de Mezaire sind alles Menschen die irgendwie nach oben gespült wurden.Die die damals als Widerstandskämpfer bezeichnet werden konnten sind so gut wie alle in der Versenkung verschwunden.
Leider haben viele DDR Bürger, damals ob ihrer gewonnenen(Reise)Freiheit übersehen das Freiheit etwas anderes ist.Ich meine nicht DIE Freiheit die Gauck immer im Munde führt
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elefantenrunde nach dem mauerfall : lafontaine befürchtet genau die dinge , die du bemängelst ! kohl geht eher hemdsärmelig an die dinge ran ! ich sitze vorm fernseher und weiss , lafontaine hat "mehr" recht ! aber heute wie damals weiss ich , es wäre nie ohne probleme gegangen - weil es eine komplizierte situation war und allen recht machen......! ich bin wessi , habe mir noch nie gedanken über den soli gemacht ( sollte aber wirklich zum aufbau ost eingesetzt werden ) , unterscheide nach nett oder unnett und nicht nach ost - west ! den mauerfall habe auch ich weinend vor dem fernseher erlebt ! ich werde das gefühl nie vergessen : freiheit für so viele menschen ! das es auch um malboro und golf gtx ging , nun gut..............! 2 dinge machen mir probleme : die genaue geographische zuordnung von städten / bundesländern und das ihr - in diesem fall muss ich "ihr" sagen , weil "wir" keinen verdienst daran haben - euch den 9. november als feiertag habt nehmen lassen..............
Nunja diese 2 probleme sind keine wirklichen. Geografie kann man leicht im Netz nachschauen und ob nun ein offizieller Feiertag ist, ändert nich das geringste an den Gegebenheiten.
Man kann übrigens auch mal herkommen und sich umschauen. Das würde so einige ihre Meinungen überdenken lassen.
Von mir aus könnt man speziell die ganzen regionalen religiösen Zusatzfeiertage abschaffen und den Erlös zielgerichtet einsetzen, um echte Probleme in Ost und West zu lösen.
Christel, das mag so sein. Ich hab ja nur ein paar Gedanken aufgeschrieben, die mir beim Erinnern hoch kamen anlässlich der aktuellen Berichterstattungen über das Thema und ich befürchte nichts (mehr).
"Von mir aus könnt man speziell die ganzen regionalen religiösen Zusatzfeiertage abschaffen und den Erlös zielgerichtet einsetzen, um echte Probleme in Ost und West zu lösen."aber nicht in diesem System.Die Unternehmen verdienen sich dabei dumm und dämlich aber es wird keine müde Mark mehr da sein
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