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WeihnachtenFoto-Quelle: Goldachmarkt.de

Was uns heilig ist: Fronten und Bruchlinien

Hans-Herbert Holzamer
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

"Wir machen es wir die Israelis", diese russische ErklĂ€rung war heute in den Nachrichten zu lesen, "wir sprengen die HĂ€user der Angehörigen der Terroristen." Eine militante Islamistengruppe namens "Kaukasus-Kalifat" hatte sich vergangene Woche in der tschetschenischen Hauptstadt Gefechte mit der Polizei geliefert. Diese Bezugnahme auf Israel ist bemerkenswert, weil Putin vor wenigen Tagen verkĂŒndete, die Krim sei Russland "so heilig wie der Tempelberg den Israelis."
Stehen Russland und Israel plötzlich auf einer Seite der Front, die derzeit die Welt in viele kleine Kriege zerreißt? Nein. Es gibt zwar an die zwei Millionen russischstĂ€mmige Juden im Land, und man kann davon ausgehen, dass es eine intensive Kommunikation gibt, aber politisch sind beide LĂ€nder weit auseinander. Sie haben nur einen Feind gemeinsam: den radikalen Islam.

Tschetschenien kehrt in die Schlagzeilen zurĂŒck

Von einem Kaukasus-Kalifat hatten bislang nur Eingeweihte gehört. Mit dem Ende des zweiten Tschetschenien-Kriegs, den Putin 2004 gewonnen zu haben vorgab, schien Ruhe in dem Land am Nordrand des Kaukasus eingekehrt zu sein. Ramsan Achmatowitsch Kadyrow ist seit 2. September 2010 Oberhaupt dieser Teilrepublik und Chef der Sicherheitstruppe Kadyrowzy, der verschiedene Verbrechen gegen Zivilisten zur Last gelegt werden. Tschetschenische Einheiten kÀmpfen zum Dank in der Ostukraine, und so sah es so aus, als hÀtte Moskau die unruhige Jugend des Landes so gut beschÀftigt. So wie manche im Westen der Meinung sind, man solle die Salafisten ruhig ziehen lassen, je weniger wieder kommen, desto besser.

Dass Tschetschenien wieder in die Schlagzeilen rĂŒckt, ist so verwunderbar nicht. Denn deines Gegners Feind ist dein Freund. Und da bekanntlich die Hauptkampflinie zwischen dem Westen und Russland durch die östliche Ukraine lĂ€uft, empfiehlt sich den westlichen Strategen, dort anzusetzen, wo es Putin richtig wehtut: Und das ist in Grosny und bei den Tschetschenen die zu tausenden in der russischen Diaspora leben.

Dass diese Empfehlung umgesetzt wird, mag eine Spekulation sein, aber logisch wĂ€re es, und zum anderen scheint jetzt tatsĂ€chlich so etwas wie Waffenruhe in Donezk zu herrschen. Ein Zufall? Wohl eher nicht, eher das Ergebnis. Und wohl eher hat der russische PrĂ€sident jetzt seinen Fehler erkannt, der dachte, das Tschetschenien-Problem mit Hilfe seines Satrapen Kadyrow im Griff und Luft fĂŒr neue geographische Abenteuer zu haben.

Bringt das den IS, der sich Kalifat nennende Mörderstaat, der Köpfe abschneidet, plötzlich auf die antirussische Seite? Im Kaukasus sieht es so aus.

Welche Front verlÀuft denn um den IS?

Welche Front verlĂ€uft denn um den IS? Die TĂŒrken unterstĂŒtzen ihn, weil er Assad in Syrien Ärger macht und weil er die Kurden beschĂ€ftigt. Doch die TĂŒrkei ist in der NATO. Und die USA, die auch in der NATO sind, kĂ€mpfen in einem BĂŒndnis, in dem Saudi-Arabien offen und der Iran heimlich dabei ist, gegen den IS. Die Saudis, weil Sunniten, und die Iraner, weil Schiiten, hassen sich wie die Pest. Der IS scheint schlimmer zu sein als diese Seuche. Doch die Fronten sind Bruchlinien, die nicht logisch sind. Sie sind auch nicht nur geographisch zu verstehen, sie sind religiös, ethisch oder pathologisch. Das ist verwirrend und macht es schwer verstĂ€ndlich. Und KomplexitĂ€t ist dem Menschen generell unheimlich. Der Westen versucht so verzweifelt, die Atom-Probleme mit dem Iran auszurĂ€umen, um hier eine Front-Begradigung vorzunehmen. Doch der Iran spielt da nicht mit, weil er sich nur ĂŒber den Besitz von Atomwaffen sicher weiß. Das ist logisch.

Wenn die Ukraine nicht feierlich ihre Atomwaffen den Russen ausgehĂ€ndigt hĂ€tte, stĂŒnden heute vermutlich keine russischen Truppen auf der Krim.

Die BarttrĂ€ger von Teheran sind informiert und nicht blöd. Daher sind sie gegen den Westen, der ihnen die Bombe nehmen will, und gegen den radikal-sunnitischen IS auch. Sie haben den General Soleimani in den Irak geschickt, er ist Spezialist fĂŒr geheime AuslandseinsĂ€tze und fĂŒhrt die Kuds-Einheiten an. Seine Mission: Schulungen im Kampf gegen die IS-Milizen. Aber die Regel, wir sind Freunde, weil wir den gleichen Gegner haben, gilt fĂŒr ihn nicht.

Pathologisiertes Amerika

Und die Amerikaner? FĂŒr Obama zĂ€hlt in den letzten beiden Jahren seiner Amtszeit nur noch die Innenpolitik. Er schickt Drohnen und Flugzeuge, aber keine Soldaten mehr. Damit wĂ€scht er seinen Freunden bestenfalls den Pelz, aber er macht sich nicht nass. Jeder Stratege weiß, dass Kriege nur mit Bodentruppen zu gewinnen sind. Sein VorgĂ€nger schickte noch Panzer und Soldaten, aber Bush hatte noch echte Interessen: das Öl.

Heute fracken die Amerikaner und sind selbst Ölmacht. Ihr Interesse am Golf ist gering geworden. Es hat ihnen eh kaum einer die vielen Toten und die vergeudeten Milliarden gedankt. Und der Krieg gegen den Terror nach dem 11. September findet nicht mehr in der arabischen WĂŒste statt. Die Front des war on terror lĂ€uft mitten durch eine traumatisierte amerikanische Gesellschaft, die VerdĂ€chtige foltert, jeden Fremden ausspioniert, egal ob Freund oder Feind, sich an ihre Gewehre im Schrank klammert und stand your ground praktiziert. Wer einer kranken, paranoiden Gesellschaft Angst macht, wird erschossen. Weil er schwarz ist oder eine private Garage betritt. Ein schwarzer PrĂ€sident, der angetreten ist, die Gesellschaft zum Positiven zu verĂ€ndern, kann es nicht gut aushalten, mit dieser Pathologisierung der USA in Verbindung gebracht zu werden.

Und unsere Frontlinien?

Und unsere Frontlinien? Die EuropĂ€ische Union verspricht und realisiert ihren Mitgliedern das, wonach sich jeder Mensch auf dieser Welt sehnt, oder sehnen sollte: Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Wohlstand. NatĂŒrlich schafft sie nicht das Paradies, wer auf dieses angebliche Versprechen pocht ist ein Idiot.
Aber sie gibt den Staaten Sicherheit und jedem einzelnen eine Chance zum Erfolg. Wer das kleinredet ist dumm oder böswillig.

Ihre Fronten verlaufen dort, wo andere Staaten genau das fĂŒr sich haben wollen: EuropĂ€ische Hilfe zur Selbsthilfe, den Zugang. Und nicht nur fĂŒr Staaten, auch fĂŒr Einzelpersonen. Das ist der Grund fĂŒr die FlĂŒchtlingsproblematik. Diese Front verlĂ€uft an den Außengrenzen, aber auch innerhalb der EU gegenĂŒber denen, die Asylantenheime abfackeln, und denen, die das gut finden.

Auch die Front in der Ukraine ist dadurch entstanden, dass die Menschen nach Europa wollten. Wer meint, die EU wolle Russland einkreisen, hat ĂŒbersehen, dass die EU keine Zwangsmitgliedschaft und daher auch keine Annektion kennt.

Dann haben wir eine Front um unsere Werte herum, um den Respekt vor den Menschenrechten. Wir haben im Innern Gerichte, die das durchsetzen, und außen werden deswegen die Kurden militĂ€risch unterstĂŒtzt. Aber deswegen haben wir zugleich ein Problem mit den USA, ein Land, das sich den gleichen Werten verpflichtet hat, dieser Verpflichtung aber aufgrund seiner Pathologie nicht mehr unbedingt nachkommt. Wir brauchen aber die militĂ€rische StĂ€rke der USA an anderen Fronten.

Wir sollten Amerika und Russland helfen

Und entweder wir machen die USA machtpolitisch entbehrlich, was nicht geht, oder helfen ihr zurĂŒck ins wirkliche Leben. Und ebenso mĂŒssen wir Russland helfen, die sowjetzaristische Verblendung eines PrĂ€sidenten Putin zu ĂŒberwinden und wieder zurĂŒck auf unsere Seite der Front zu kommen. Und das geht nur, indem wir nichts so machen wie andere, sondern alles genau so, wie wir es gut und richtig finden. Oder wie es uns heilig ist.

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