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Ein Tag im Altenheim,oder "Die Würde des Menschen ist unantastbar"

Von wize.life-Nutzer - Dienstag, 27.01.2015 - 15:31 Uhr

[k][/k]Aus der Sicht einer Schlaganfall Patientin, die in einem Altenheim hier irgendwo in Deutschland lebt.


Früh 6.30 Uhr kommt eine Schwester in mein Zimmer und weckt mich mit kurzem Gruß.

"Frau P., wir müssen aufstehen, aber schnell, ich habe noch 11 andere Heimbewohner zu waschen.
Was ist denn das?? Ihr Bett ist doch schon wieder nass und die Windelhose schwer wie Blei. Das hat mir gerade noch gefehlt!"

Ich fühle mich elend und habe schlechtes Gewissen, mein Mund ist trocken und ich zeige auf die Wasserflasche. Glücklicherweise versteht mich die Schwester und gibt mir einen Schluck zum trinken. Ich verschlucke mich.

"Na, ein bisschen anstrengen müssen sie sich schon."

Sie stellt das Glas bei Seite und zerrt mich aus dem Bett auf den Nachtstuhl. Meine Glieder schmerzen.

"Nun machen sie sich doch nicht so schwer und denken mal an meinen Rücken, wenn das alle so machen würden, könnte ich Mittag nach Hause gehen, oder gleich zum Arzt.!"

Ich werde nackt ins Bad vor das Waschbecken geschoben, dieses war bereits mit lauwarmen Wasser gefüllt und mir wurde der Waschlappen in die Hand gedrückt.

"Nun waschen sie sich schon immer mal selbst, ich muss ihr nasses Bett neu beziehen."

Mit zittriger Hand versuche ich mich zu waschen, aber es gelingt mir nicht so richtig. Die Zeit vergeht und ich friere, kein Handtuch in Sicht. Meine Beine sind eiskalt und jegliches Gefühl ist gewichen.

"Tut mir leid, musste weg, Notfall! Füße und Rücken waschen, lassen wir heut weg."

Ich werde schnell abgetrocknet, in Windeseile angezogen und in den Rollstuhl gesetzt. Mit schmerzverzerrtem Gesicht, lasse ich die Prozedur über mich ergehen und ernte einen bösen und unverständlichen Blick der Schwester. Ich werde in den Frühstücksraum neben Herrn K. und Frau B. geschoben. Das Frühstück steht schon da (schon wieder Butterbrot), eine hälfte des Brotes wird mir in die Hand gedrückt und ein Schluck lauwarmer Kaffee gereicht, dann ist die Schwester weg.
Ich versuche von dem Brot abzubeißen, aber das zittern meiner Hände macht es mir fast unmöglich.
Herr K. hat sein Gebiss neben seinen Teller gelegt, was meinen Appetit enorm bremst. Frau B. findet das wohl witzig, sie lacht und kreischt, dass mir die Ohren schmerzen. Mein Hunger ist in Ekel und Wut umgeschlagen. Ich will die Schwester rufen, aber es kommt nur ein Krächzen aus meinem Mund.

"Was ist denn hier los, was machen ihre Zähne auf dem Tisch, Herr K. und sie müssen auch nicht gleich so lamentieren Frau B. Denken sie eigentlich, wir hätten nichts anderes zu tun, als neben ihnen zu stehen und aufzupassen?"

Herr K. bekommt sein Gebiss wieder in den Mund und wird in sein Zimmer geschoben. Nach einer dreiviertel Stunde kommt der FSJ den Tisch abräumen.

"Sie haben ja gar nichts gegessen, so geht das aber nicht Frau P.!"

Ich werde von ihm in den Gemeinschaftsraum vor den Fernseher geschoben.

"So Frau P., jetzt schauen sie ein wenig Fern und dann gibt es auch bald Mittagessen."

Im Fernsehen wechseln die Bilder, dass es mir schwindlig wird, die Sprache ist zu schnell für mein Gedächtnis. Also schließe ich meine Augen und denke an die Zeit, als ich noch jünger war und alles tun konnte, was ich wollte. Erinnerungen an vergangene Zeiten zauberten ein Lächeln auf mein Gesicht. Es war ein schweres arbeitsreiches Leben, in dem Freude und Leid oft wechselten.
Mein Mann ist früh gestorben und ich musste vier Kinder allein durch bringen. Eigenartigerweise dachte ich heute an schöne Stunden, als meine Kinder geboren wurden und mein Mann und ich uns immer wieder sagten, dass wir es schaffen, weil wir uns liebten...Meine vier Söhne wohnen weit weg, sie sind ihrer Arbeit hinterher gezogen, haben Familie und meine Enkelkinder sind mir mehr fremd, als es für eine Oma- Enkel Beziehung gut ist. Schön, dass es Feiertage, wie Ostern oder Weihnachten gibt, dann kann ich auf Besuch hoffen und bisher war es so, dass an solchen Tagen immer jemand von ihnen da war.....

"Sie schlafen ja schon wieder, dann liegen sie wieder die halbe Nacht wach und sind unruhig, die Nachtschwester hat weiß Gott genug zu tun. Kommen sie, wir fahren in ihr Zimmer, ihre Windel muss gewechselt werden. Auf das Klo setzen ist jetzt aber keine Zeit, wenn Stuhlgang kommen sollte, haben sie ja eine Windelhose um!"

Mir wird schlecht und ich denke noch mit Grauen an das Gezeter, als mich Schwester R. vorgestern von der "vollen" Windelhose befreien musste.
Frisch umgepackt wurde ich wieder an den Tisch gesetzt. Frau B. saß schon da und spielte mit meinem Löffel.-- "Brauchst gar nicht so dumm gucken, blöde Kuh", das wiederum amüsierte Herrn K. und er lachte sich ins Fäustchen.

"Jetzt ist hier aber Ruhe", schellte die Schwester, wechselte den Löffel und ging. Kurz darauf kam die Küchen Frau mit dem Mittagessen. Mir wurde ein undefinierbarer Brei auf einem Teller serviert, dessen Geruch nichts über seine Inhaltsstoffe preis gab.

"Eigentlich bekommt Frau P. normale Kost", hörte ich die Schwester sagen, "aber lass mal, ich füttere sie dann, das geht schneller."

Nach einer viertel Stunde Wartezeit stopfte dann die Schwester diesen lauen geschmacklosen Brei in mich rein, dass es mir nach jedem Bissen wieder hoch zu kommen drohte.

"Nun stellen sie sich mal nicht so an und beeilen sich mal mit dem schlucken, andere Bewohner wollen auch noch etwas zum Essen bekommen."

Nach einer gefühlten Ewigkeit kam der FSJ und wollte mich ins Bett zur Mittagsruhe bringen. Endlich, dachte ich, den ganzen Vormittag im Rollstuhl, im Bett werden mir mein Steiß und mein Rücken nicht mehr so schmerzen.

"Frau P. kommt jetzt aber nicht ins Bett, kam uns die Schwester entgegen, "sie hat schon den ganzen Vormittag im Rollstuhl geschlafen. Schiebe sie in den Gemeinschaftsraum, dort kann sie sitzen. Es gibt eh gleich Kaffee und so sparen wir die Zeit um sie in das Bett rein und wieder raus zu wuchten. Außerdem soll sie lieber in der Nacht schlafen.

Ich wollte sagen:" das könnt ihr doch nicht machen, ich will mich jetzt hinlegen", aber es kam wieder nur dieses krächzen aus meinem Mund. Tränen liefen mir übers Gesicht und für einen kurzen Moment dachte ich, die Schwester hätte so etwas wie Mitleid in ihrem Blick, ja ich glaubte fast, dass sich ihre Augen mit Tränen füllten. Doch sie drehte sich schnell um und verschwand in einem Heimbewohner Zimmer.
Mir blieb nichts anderes übrig, als mich auf einen langen Nachmittag im Rollstuhl mit viel Schmerzen abzufinden.

Ich saß ganz allein im Gemeinschaftsraum, die anderen Bewohner waren sicher alle in ihren Zimmern. Die große Uhr an der gegenüber liegenden Wand schien in Zeitlupe voran zu rücken. Meine Schmerzen wurden fast unerträglich. Endlich kam der FSJ und holte mich zum Kaffee trinken in den Speiseraum, dann hatte er Feierabend. Es war Schichtwechsel und Schwester M. hatte Dienst, Freude überkam mich, denn ich mochte sie gern.

"Guten Tag Frau P., ich hoffe es geht ihnen gut. Heut Nachmittag kümmere ich und unsere ehrenamtliche Mitarbeiterin Frau W. um sie."


Schwester M.reichte mir das Brot und den Kaffee, strich mir über mein Haar und brachte mich wieder in den Gemeinschaftsraum.

Ich saß mit sieben weiteren Heimbewohnern im Halbkreis vor dem großen Fenster und schaute jedem Auto nach, welches die Straße vorüber fuhr, als wäre es das Jahres Ereignis überhaupt. Einige schliefen auf ihren Stühlen, andere Heimbewohner schienen ihre Umwelt, trotz offener Augen nicht wahr zu nehmen. Es dauerte nicht lange und es wurden zwei, drei andere Bewohner wieder in ihre Zimmer gebracht um sie "Bettfertig" zu machen, sie bekamen dann dort ihr Abendbrot und dann war für sie Nachtruhe.

Mein Abendbrot bekam ich im Speiseraum, Schwester M. hat mir das Essen gereicht. Sie sah sehr geschafft aus und roch nach Schweiß. Trotz dem war sie freundlich zu mir und brachte mich dann in mein Zimmer. Sie half mir bei der Abendtoilette, zog mich aus und brachte mich ins Bett.

"Kommst du nun endlich", hörte ich die Stationsschwester rufen. "Wenn du bei jedem so lange brauchst, dann stehen wir morgen früh noch hier."

Ich nahm meine ganze Kraft und Energie zusammen, ergriff ihre Hand und sagte- wenn auch nur sehr leise--"danke".

Mit Tränen im Gesicht strich sie mir flüchtig über meine Wange und eilte aus meinem Zimmer.

Dieser Augenblick hat mir den heutigen Tag erträglich gemacht. Wie viele Tage müssen noch vergehen, bis ich endlich meinen Frieden habe...

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8 Kommentare

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Bei diesem Beitrag kann man nur weinen und hoffen das es nicht ganz so schlimm in den Heimen zugeht
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Ja, genauso ist es leider. Das ist der gewollte Pflegealltag in Altenheimen. Ob die Politik wohl jemals umdenkt?
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Ja Marita, so ist es leider noch immer.
Sehr gut beobachtet
Danke Margarethe, ich habe diesen Text schon 2009 geschrieben, leider ist er heut genau so aktuell wie damals.
Wenn man sich ersteinmal auf das Thema einläßt wird man es nicht mehr los. Gut, dass du es hier eingesetzt hast.
Arbeitest du noch im Altenheim?
nicht mehr, bin auf Rente
Schreib deine Geschichten auf. Es ist für alle wichtig
https://www.seniorbook.de/themen/kat...g-an-hedwig
Die Geschichte ist sehr traurig, aber leider Realität. Ich arbeite im Pflegeheim als Betreuungsassistentin. Erst nur für Bewohner mit Demenz und ab diesem Jahr für alle Bewohner. In meinem Bereich betreue ich 52 Bewohner. Wir sind zu dritt und jeder arbeitet 6 Stunden. Auch wenn wir "nur betreuen" fehlt uns oft die Zeit für den einzelnen. Das Pflegepersonal nimmt uns meist nicht ernst weil wir nach deren Meinung ja nur rumspielen. Aber wenn wir mal nicht da sind, dann wird gemeckert. Und ja auch wir müssen mehr dokumentieren als vorher und das geht von der Betreuung ab.
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