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Sagrada Familia

Kein Dom wie der andere und der Absturz der Wahrheit

Von Deutscher Evangelischer Frauenbund Bayern - Mittwoch, 06.05.2015 - 15:57 Uhr

Inzwischen ist der Todessturz der Germanwingsmaschine in den französischen Alpen schon wieder aus unseren schnelllebigen Medien verschwunden. Es ist auch richtig und wichtig, dass wieder Ruhe einkehrt, denn es muss nun weitergelebt werden. Den direkt Betroffenen kann das vielleicht sehr schwer fallen. Sehr weite Kreise hat dieses Unglück gezogen, und die Trauer über den Verlust von 150 Menschenleben bleibt. Was bleibt noch?

Am heutigen Tag kam die Nachricht, dass der Pilot schon auf dem Hinflug den Sinkflug probiert hat, sei es, um sicherzugehen, dass alles klappt, oder aber weil er es eventuell schon auf der Hinreise hat durchführen wollen. Das Detail ist erschreckend, aber es ändert nicht mehr viel. Zufall und Affekt scheiden aus, da der Täter offenkundig nichts dem Zufall überlassen wollte.

Zwei Dinge und weitere Details fehlen noch, die auch mit dem Fliegen und den Zyklen medialer Berichterstattung unseres westlichen Zuschnitts zu tun haben:

Vergesslichkeit: Ostukraine


Dies Unglück ist nicht so frisch, jedoch ist es noch kein Jahr. Wie auf einem Schlachtfeld lagen die Trümmerteile. Die Leute waren arm, offenbar waren die Besitztümer der Reisenden nach brauchbaren Gütern durchsucht worden, Kameras, Computer, Handys, Kreditkarten, wer weiß, was noch. Moderne Leichenfledderei im Gelände. Nur wenige Bilder konnten die Stationen übermitteln, dann kam ein Soldat ins Bild, der die Kameraleute verjagte, den OSZE-Beobachtern den Zutritt zur Unglücksstelle verwehrte. Der Abschuss der indonesischen Verkehrsmaschine, von Amsterdam her kommend, war ein katastrophales MIssverständnis. Ein entsetzlicher Nebeneffekt des Ukrainekrieges. Da Wahrheit nicht gesagt werden darf in diesem noch immer scharfen Konflikt, von dem wir alle fürchten müssen und es auch fürchten sollen, er könne wieder hochgehen, ist es bis heute umstritten, ob es von Russland mit Waffen und Menschen versehene ostukrainische prorussische Kräfte waren, die die Boden-Luft-Rakete zündeten und das Flugzeug hoch vom Himmel holten. Die Rohheit und Rücksichtslosigkeit im Umgang mit diesem Flugzeugunglück ist ein bleibender Eindruck. Es war Krieg da unten, kein Raum und keine Zeit für eine würdevolle Einholung und Rückführung der Toten. Um diese hat man vor allem in den Niederlanden getrauert, aber auch in dem auch von anderen Unglücken getroffenen Indonesien.

Hätte uns das nicht alles wieder einfallen müssen angesichts des neuen Flugzeugunglücks mit ebenfalls im Gelände verstreuten Wrackteilen? War ein medial unterstütztes Sich Erinnern politisch nicht opportun? Hat es das, drücken wir es mal so aus, nicht gelitten? Oder sind Holland und Indonesien nicht so wichtig? Und die Ukraine ist ja weitab, der verarmte und kriegszerstörte Osten noch mehr. Da gucken wir erst wieder hin, wenn es Kämpfe gibt um Mariupol und den Landzugang zur Krim. Oder verlieren ein paar Sätze hierüber bei der Berichterstattung der Feiern zum 70. Jahrestag des Kriesgendes. Des Zweiten Weltkriegs. Wenn in Moskau die Panzer rollen und es eine gewaltige Parade des Sieges geben wird und viel Demonstration einer bestimmten Stärke.

Vergesslichkeit: Barcelona


Sie brennen noch in meiner Erinnerung, die 150 Kerzen im Kölner Dom. Das größte Gotteshaus für den größten Schmerz, ein Trauergottesdienst, ein Staatsakt. Dass nicht nur die Autorität der hohen kirchlichen und weltlichen Würdenträger dem gedenkenden Ganzen Gewicht verlieh, sondern Menschen in ihrer Anteilnahme berührend waren und die richtigen Worte fanden, machte es so weit überhaupt möglich gut.

Aber es fand nicht nur im Kölner Dom ein großer Gedenkgottesdienst statt, sondern auch in der Sagrada Familia in Barcelona. Ebenso hoch und gewaltig die Halle, und haben die einen einen Turmzwilling, so streben hier vier Pfeilertürme in den Himmel über der großen Stadt am Meer. Dort gedachte Spanien, das nach Deutschland die meisten Opfer zu beklagen hatte, der Opfer des Unglücks. Zudem war die Mittelmeermetropole der Abflugsort der Maschine gewesen, die nirgends mehr ankommen sollte.

Auch hier waren hohe Würdenträger zusammengekommen und wurde auch vor der Kathedrale gewartet und der Gottesdienst verfolgt. Der Premierminister Mariano Rajoy war mit seiner Ehefrau und Regierungsmitgliedern zum Gedenken erschienen, dem purpurleuchtenden Erzbischof schritten der spanische König Felipe und Königin Letizia voran. Beide richteten auch tröstende Worte an die gekommenen Hinterbliebenen.

Davon konnte man jedoch in unseren Medien relativ wenig sehen. Dieser Gedenkgottesdienst für dieselben Opfer derselben Maschine wurde nicht entsprechend gewürdigt, er rutschte sozusagen ins Vermischte und in die Royals-Berichterstattung ab. Mag sein, es war nicht ganz vergleichbar mit Köln. Aber nachdem wir nun gerade die euopäische Zusammengehörigkeit gerade im Unglück und in der Not wohltuend gespürt hatten, war dies doch wieder ein Rückfall in die ausgetretenen Muster des Nationalen.

Europa ist, wir haben es aber doch gesehen, auch eine kulturelle Größe, und seine Menschen empfinden Zusammengehörigkeit. Hoffentlich bleibt uns etwas davon im Gedächtnis. Das wäre gut.


Bild der Sagrada Familia aus der wikipedia, Lizenz CC BY-SA 3.0

2 Kommentare

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Unsere Kinder und Enkel werden sich vermutlich mal daran erinnern, wie vergleichsweise ruhig und angenehm diese uns gegenwärtigen Jahre doch waren. Ich möchte keinen Pessimismus schüren, aber wenn man die globalen bestehenden Probleme aller Art in eine künftige Entwicklung hinein interpoliert ...
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Ein Beitrag, eine notwendige Erinnerung, ein Aufruf an unser aller Gewissen - möge er etwas in uns bewirken, noch lange nachhallen, uns immer wieder sensibel machen für das, was am notwendigsten ist: Menschlichkeit und wahre Nächstenliebe.
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