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Politikerinnen und Verbandsvorsitzende

Wann ist es Leben und wann ist es Tod? - Grenzsituationen in der Diskussion

Von Deutscher Evangelischer Frauenbund Bayern - Montag, 06.07.2015 - 15:16 Uhr

Dreiverbändeseminar über die Ethik von Lebensbeginn und Lebensende


Sehr viel Berufs- und Lebenserfahrung brachten die über fünfzig Teilnehmerinnen des Dreiverbändeseminars "Vom Anfang bis zum Schluss: Lebensbeginn und Lebensende im Fokus der Ethik" in der Polltischen Akademie Tutzing mit. Unter reger Beteiligung auch von DEF-Kolleginnen diskutierten sie mit Expertinnen und Politikerinnen drei Tage äußerst schwierige Fragen rund um das menschliche Leben, von seinen ersten Anfängen bis zu seinem Ende.

Der erste Tag widmete sich den rechtlichen Grundlagen und Fragen des Lebensbeginns. Prof. Dr. Monika Frommel und Heidi Hoffmann diskutierten kritisch nicht nur die juristischen Gegebenheiten, sondern auch ihre beträchtlichen gesellschaftspolitischen Folgewirkungen. Was alles ist durch die bis in die kleinsten Einheiten des Lebens weit fortgeschrittene Forschung in der Reproduktionsmedizin fachlich möglich, was ist davon aber auch wünschenswert? Und was für eine entscheidend große Rolle spielen die Interessen der beteiligten Gruppen, namentlich der von Frommel kritsch gesehenen Ärzteschaft? Hoffmann beleuchtete die Debatte im Licht des Feminismus, eine Gesellschaft, die ihre bis in die Familien und Partnerschaft hereinreichenden Ansprüche, Wünsche und Forderungen häufig auf Kosten der moralisch ihren Zwängen ausgesetzten Frauen austrägt. Wie können Frauen dennoch ein selbstbestimmtes Leben führen?

Das medizinische Vorfeld der Menschwerdung


Das entstehende Leben in- und außerhalb des Mutterleibes wurde von der Genetikerin Prof. Dr. Sabine Stengel-Rutkowski in zahlreichen faszinierenden elektronenmikroskopischen Aufnahmen dargestellt. Sie ging dabei chronologisch vor und schilderte die ersten Stunden und Tage der Entwicklung menschlichen Lebens. Stengel-Rutkowski erklärte aber nicht nur die Fachbegriffe und die Sache, sondern übte auch Sprachkritik. Die Verwendung von Begriffen wie "gesund" und "krank", "normal" und "unnormal" sah sie sehr kritisch, weil damit Wertungen von Entwicklungen des menschlichen Lebens verbunden sind. Vor allem die Abwertungen wollte sie nicht gelten lassen. In unserer Gesellschaft hat sich durch den späteren Zeitpunkt des Gebärens im Leben von Frauen und durch die Ansprüche auf "gesunde" Kinder ein hoher Druck auf Frauen und werdende Eltern aufgebaut. Insbesondere, wenn bei den vielen pränatalen oder präimplantativen Untersuchungen herauskommt, dass das werdende Kind eine Behinderung haben könnte, kommen die Eltern in schwere Entscheidungsnöte. Stengel-Rutkowski, der die Faszination und Zuneigung zum von ihr untersuchten Leben deutlich anzumerken war, plädierte leidenschaftlich für die Inklusion behinderter Kinder. Nach ihrer nicht unwidersprochen gebliebenen Ansicht müssen Eltern und Schule die Kinder, auch die sich anders entwickelnden, gar nicht besonders erziehen, sondern sie sich gefördert einfach entwickeln lassen. Besonders oft werde von motorisch eingeschränkten Kindern angenommen, dass sie auch im Geistigen und im Fühlen die Fähigkeiten nicht besäßen und man würde ihnen daher von Anfang an gar nicht die Anregungen und die Ausbildung anbieten, ihr Potenzial zu entwickeln. Neueste Forschungen zeigten aber, dass dort vieles möglich sei und insbesondere auch digital neue Ausdrucksmöglichkeiten bestehen.

Großer Druck auf Frauen und Familien


Aus 20 Jahren Berufserfahrung in der Schwangerenberatung berichtete Rita Klügel, Leiterin von Donum Vitae in Augsburg. Dabei ist durch die Chancen und Risiken von PND und PID der Druck auf die Frauen und ihre sie zur Beratung begleitenden Männer noch gewachsen. Die Entscheidung für ein Kind, das vielleicht oder sogar mit einiger Wahrscheinlichkeit eine Behinderung aufweisen wird, ist schon bald unmöglich. Auch sei es für Paare schwer, sich gegenseitig schwere Dinge einzugestehen und sie auch auszusprechen, um keine Enttäuschungen und Verletzungen beim anderen zu verursachen. Vor allem die Männer hätten oft Angst, die Frau noch zusätzlich zu belasten. Beide haben manchmal Angst, ob ihre Liebe das aushält, was gerade auf sie zurollt. Es gibt durch die Schwangerschaft die Notwendigkeit zu Entscheidungen. Diese sind schwer, vor allem wenn noch hoher zeitlicher Druck dazukommt. Und: Die Diagnose, das Wissen, das ein Arzt und die Eltern bei jeder pränatalen Untersuchung ab dem Ultraschall erlangt, verändert das Leben auch des Paares. Sie wollten eigentlich nur die Bestätigung, das alles in Ordnung ist. Was, wenn nicht?

Sterbehilfedebatte im Bundestag und in Tutzing


Den rechtlichen Rahmen der aktuellen Sterbehilfedebatte zu erläutern hatte sich die Verfassungsrechtlerin Prof. Dr. Rosemarie Will von der Humboldt-Universität zu Berlin vorgenommen. Im Grundsatz ist auch die Sterbehilfe in Deutschland möglich, legal und straffrei, da es der Suizid ist. Also gilt dies auch für die Hilfe dazu. Dennoch ist durch die erlaubte Sterbehilfe in der Schweiz und die weitgehenden Regelungen in den Beneluxländern auch bei uns eine Debatte entbrannt, die nun auch im Parlament geführt wird und den rechtlichen Rahmen neu abstecken wird. Das wirft große ethische Fragen auf.

Da genau am selben Morgen in Berlin verschiedene Gesetzentwürfe zur Sterbehilfe im Deutschen Bundestag in die Erste Lesung kamen, versorgte Will die hochinteressierten Zuhörerinnen mit einer Gegenüberstellung der vier Entwürfe, die das erforderliche Quorum im Parlament erreicht hatten. Dies hatte nur ein von den Grünen favorisierter Entwurf nicht erhalten: Dass es keinen Regelungsbedarf gebe und daher kein Gesetz notwendig sei.

Das markanteste Kennzeichen des Gesetzentwurfes von Künast und anderen ist die strenge Beschränkung der Sterbehilfe. Sie dürfe keinesfalls ein Geschäft werden und gewerbsmäßig betrieben werden. Monika Frommel hakte hier ein und hinterfragte die Grenze: Würden dann nicht auch alle Ärzte und Personen strafrechtlich verfolgt, ihre Unterlagen beschlagnahmt, die in Zusammenhang mit einer Sterbehilfe gebracht werden könnten?

Die ärztliche Ständeschaft hat die Sterbehilfe durch Mediziner ohnehin schon standesrechtlich eingeschränkt. Sie bedrohen ihre Mitglieder mit rechtlichen Konsequenzen; ihren Restriktionen haben sich zehn von sechzehn Landesärztekammern angeschlossen. Der ebenfalls vieldiskutierte Gesetzentwurf von Reimann, Hintze und Lauterbach zielt genau darauf ab. Eine Sterbehilfe durch Mediziner soll nur auf den absoluten Notfall beschränkt bleiben. Der Gesetzentwurf von Sensburg und anderen nimmt die Extremposition ein, Sterbehilfe unter keinen Umständen zu erlauben und straffrei zu stellen. Im Bundestag wurde respektvoll und ohne parteipolitische Rücksichten nehmen zu müssen diskutiert. Parallel dazu lief die Tutzinger Diskussion. Als das Wort vom hier aufgehobenen "Fraktionszwang" fiel, hielt es die langjährige Bundestagsabgeordnete Ingrid Matthäus-Maier nicht mehr auf dem Stuhl, es gäbe keinen Fraktionszwang, die Abgeordneten seien nur ihrem Gewissen verantwortlich. Zwar müsse man seine Meinung dem Fraktionschef erklären, aber könne durchaus die eigene Meinung vertreten. Das habe sie als Abgeordnete auch getan. Später in ihrem eigenen Beitrag zum Tagungsthema kam sie erneut darauf zu sprechen und betonte, wie wichtig die Unabhängigkeit der Abgeordneten sei. Sie sei vor ihrer Zeit als Bundestagsabgeordnete als Richterin tätig gewesen, und hatte sich in schwieriger politischer Situation schon einmal darum bemüht, Wege in ihren alten Beruf zurück zu finden.
Die von Will vorgestellte Synopse der vier erörterten Gesetzentwürfe bot auch die gute Gelegenheit, sich selbst zu verorten. Bei welcher Position würde ich mitgehen, wenn ich es entscheiden müsste?

Der alternative Organspendeausweis


Zu einem anderen Grenzbereich zwischen Leben und Tod führte der Beitrag von Dr. Eske Willrad, Theologin und Geschäftsführerin der Evangelischen Frauen in Deutschland, die zum Evangelischen Kirchentag in Stuttgart von einem Monat einen "alternativen Organspendeausweis" herausgebracht haben. Der alternative Ausweis greift die bei der Organspende bisher zentrale Definition des Todes als mit dem Hirntod eingetreten an, und das, obwohl die evangelischen und katholischen Bischöfe in einer gemeinsamen Erklärung 1990 den Hirntod als maßgeblich akzeptiert und aufgezählt hatten, was der Mensch alles nicht mehr tun und empfinden könne. Wollrad gab zu bedenken: Das habe Konsequenzen über das Denken von der Seele, wenn man sie und so letztlich die menschliche Existenz an das Gehirn binde.

Der alternative Organspendeausweis bietet als Option auch die Organentnahme nur bei Vollnarkose an und falls gewünscht die Benennung einer Vertrauensperson, die mit in den Operationssaal gehen soll. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass bei der Organspende für die Angehörigen die Verabschiedung von der gestorbenen Person zu kurz und manchmal erschreckend ausfällt, da man nach der Feststellung des Hirntodes durch einen zweiten Arzt die Person zur Weiterbehandlung und Organentnahme davonfährt. Nachfolgend wurde sehr lebhaft diskutiert, ob nicht der Wille der verstorbenen Person zur Organspende höher anzusetzen sei als die etwaigen Bedenken der Angehörigen am Krankenbett, und auch darauf hingewiesen, dass das Aufrechterhalten von Durchblutung und Körperfunktionen von für hirntot Erklärten nicht nur die Familien, sondern auch das Pflegepersonal manchmal vor moralische Probleme stellt.

Auch Politikerinnen tun sich nicht leicht mit den richtigen Antworten


Beim Abschlusspodium mit Politikerinnen des Bayerischen Landtags zeigten sich Dr. Ute Eiling-Hütig (CSU), Ulrike Gote (Bündnis 90/Die Grünen), Gabi Schmidt von den Freien Wählern und Dr. Kathrin Sonnenholzner (SPD) nicht nur von der Seite der Gesetzgeberinnen, sondern sich der Bedeutung für die Menschen und Familien voll bewusst und manchmal selbst als schmerzlich Betroffene. Gabi Schmidt von den Freien Wählern bekannte, sie sei froh, dass sie trotz ihrer vielen persönlichen Erfahrung gestern im Bundestag nicht zu entscheiden gehabt habe, da sie sich einfach noch nicht entschieden hätte. Sie wisse nur genau, was sie für sich nicht wolle, und sie wolle auch nicht, dass ein Arzt für Sterbehilfe bestraft würde. Ulrike Gote bezog sich dezidiert auf den Artikel 1 des Grundgesetzes, in dem der Schutz der Menschenwürde dem Staat als Verpflichtung aufgetragen wird. Fragen wie die nach der Reproduktionsmedizin und der Sterbehilfe, aber auch dem Prostitutionsverbot, der Legalisierung von Drogen, der Ehe für alle und dem religiösen Tragen des Kopftuchs bei Lehrerinnen führten hier zu Zielkonflikten und die richtige Lösung sei schwer zu finden. Abgeordnete sollten jedoch auch nicht zuviel ihr Gewissen bemühen, um sich vor unliebsamen Entscheidungen zu drücken. Kathrin Sonnenholzner, selbst Ärztin, die als Vorsitzende des Landtagsausschusses für Gesundheit und Pflege an dem Seminar teilgenommen hatte, erinnerte daran, dass Sterbenskranke in den Siebziger Jahren nicht nur keine Schmerzmittel bekommen hätten, sondern ihnen auch die sonst gegebenen Medikamente vorenthalten wurden. Auf keinen Fall hätten sie sich eine Sedierung bei den Kranken nachweisen lassen wollen, um sich nicht strafbar zu machen. In Bayern seien wir auf dem richtigen Weg. Dieses Mal sei sie auch mit der Ärzteschaft konform, ärztliche Sterbehilfe nur in engen Grenzen zuzulassen, denn es sei Aufgabe von Ärzten, Krankheiten zu verhindern, zu heilen und zu lindern, nicht aber den Tod eines Menschen herbeizuführen. Dinge wie die In vitro Fertilisation seien nun absolute Routine, aber was von den jeweils neuen technischen Möglichkeiten sei moralisch vertretbar? Und sie warf auch die Frage auf: Gibt es ein Recht auf ein Kind? Gibt es ein Recht auf ein gesundes Kind? Zudem würde gerade auch in der Debatte um Anfang und Ende des Lebens Deutschland durch seine Geschichte in besonderer Verantwortung stehen. Sonnenholzner nahm auch die Psychiatrie gegen Stigmatisierungen in Schutz und betonte die Wichtigkeit psychosozialer Betreuung gerade auch bei akuten suizidalen Krisen. Die Politik müsse entscheiden, den Rahmen setzen. Aber sie könne es dennoch nicht ganz alleine, deshalb sei die Debatte so wichtig.
Alle Politikerinnen und Teilnehmerinnen waren sich einig, dass der weitere Aufbau und Ausbau des Hospizwesens und der Palliativmedizin von zentraler Wichtigkeit sind. Auch der Bereich der Pflege und Hilfe für pflegende Angehörige verdient das besondere Augenmerk der Politik. DEF-Landesvorsitzende Dietlinde Kunad wies darauf hin, dass die für Angehörige so wichtige Kurzzeitpflege bei vielen Projekten wegen akuter Finanzierungsschwierigkeiten gefährdet sein könnte. Auch die bessere Bezahlung von allen Berufen, in denen sich um Menschen bemüht wird und in denen meist mehrheitlich Frauen tätig sind, liegt allen Frauenverbandsfrauen am Herzen.

Frauen aus den Verbänden sollen ruhig laut werden


Zum Schluss stellte Elke Beck-Flachsenberg von den Evangelischen Frauen in Bayern die kluge Frage an die Politikerinnen, was wir Frauen aus den Frauenverbänden denn tun könnten, was sie sich denn von uns wünschten zu ihrer Unterstützung? Ute Eiling-Hütig gab zur Antwort: "Seien Sie laut, schlagen Sie Alarm, und geben Sie vor allem nicht auf!" Das Seminar war hingegen wegen seines Inhalts, den Grenzsituationen des menschlichen Lebens, ein eher leises gewesen, sehr vom Zuhören und Einbringen persönlicher beruflicher und privater Erfahrungen geprägt. Wo das sorgfältige Nachdenken jedoch in den gesellschaftlichen Prozess mündet, müssen und werden die Frauenverbände ihre Stimme erheben.

Beteiligte Verbände (Landesverbände):

Deutscher Frauenring e.V.
Deutscher Katholischer Frauenbund e.V.
Evangelische Frauen in Bayern

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