Türkei heute - im Rückwärtsgang
Türkei heute - im RückwärtsgangFoto-Quelle: Martin Stauder

Türkei heute - im Rückwärtsgang

Beitrag von wize.life-Nutzer

Das Referendum über das Präsidialsystem wurde demokratisch abgestimmt, insofern kann man, wenn wir es genau nehmen wollen, Erdogan nicht als Diktatoren abstempeln. Nun werden vielleicht Stimmen laut, es gab doch (angeblich?) Ungereimtheiten, Wahlbetrug. Wir hören das und können aber nicht wissen, was daran wahr ist. Natürlich wird die Opposition das Wahlergebnis anfechten. Die Nein-Wähler und Ja-Wähler wiegen fast auf. Aber eben nur fast. Sieger bleibt Erdogan auch mit 51,4 %, mit 50,1% wäre das auch der Fall gewesen. Die vielen Nein-Sager dürften Erdogan Kopfschmerzen bereiten. Modern eingestellte Türken haben in der Mehrzahl mit Nein gestimmt. Erdogan ist der Sieger über die Türken, die in Anatolien die Schafe hüten oder von Frauen, die aus ihrem Dorfbrunnen das Wasser schöpfen. In jedem dieser Dörfer steht ein Atatürk-Denkmal, oder sagen wir mal, in fast jedem Dorf. Das Erbe des »Vaters der Türken« ist akut in Gefahr oder bereits Geschichte. Erdogan treibt die Islamisierung des Landes weiter voran. Er hat soviel Macht, dass er sich mit seiner Frau problemlos ablichten kann, die ein Kopftuch trägt. Sein Parteifreund Abdullah Gül verlor vor Jahren genau aus diesem Grunde eine Wahl. Natürlich frage ich mich, ob Erdogan künftig mit einem Turban die Bühne betritt. Unwahrscheinlich ist das nicht. Erdogan träumt von der Wiederauferstehung des Osmanischen Reiches Es ist ein Wahn, weil das nicht zu verwirklichen ist. Genauso ist es ein Wahn islamistischer Dschihadisten, die die Welt, so wie sie zur Zeit der ersten Kalifen einmal war, wiederauferstehen lassen wollen. Das alles sind krude Wünsche ewig gestriger Gestalten, die ihren Bezug zur Gegenwart verloren zu haben.

Im türkischen staatlichen Fernsehen wird auf der Landkarte die Türkei in ihren Grenzen vor dem Vertrag von Lausanne (1923) gezeigt und Erdogan spricht über griechische Inseln, als ob er, selbstverständlich in sehr gewählter Sprache, ausdrücken will, als habe er einen Anspruch auf sie:

»Im Vertrag von Lausanne haben wir Inseln weggegeben. So nah, dass wir eure Stimmen hören können, wenn ihr hinüberruft. Das waren unsere Inseln. Dort sind unsere Moscheen.«

Er sagte auch:

»Wir haben unsere derzeitigen Grenzen nicht freiwillig akzeptiert«

Ein angehender Sultan pfeift auf einen EU-Beitritt. Seine Bemühungen, der Europäischen Union beizutreten, wird nur ein kalkuliertes Spiel gewesen sein, um sich als (angeblicher) Demokrat zu geben. In Wirklichkeit ist er ein Autokrat. Den letzten Pro - Europa - Türkei- Verfechtern wird spätestens jetzt ein Licht aufgegangen sein.

Wenn wenn er sich als Sultan bezeichnen will, sollte er bedenken, es gab einen Sultan Ibrahim mit dem Beinamen »der Verrückte«, sogar einen Selim II., der als »Der Trunkenbold« in die Geschichte einging. Erdogan wird sich eher als »Der Prächtige" bezeichnen, auch wenn es einen Prächtigen schon mal gab.

Nach dem Wahlsieg über das Referendum zum Präsidialsystem vom 16. April 2017 war es das erste, was er seinen Landsleuten offenbarte, er werde rasch die Todesstrafe einführen. Damit outet er sich eher im Geiste Sultan Ibrahims, obwohl mir der Ibrahim schon leid tut., Er verbrachte lange Zeit in einem Käfig. Deswegen wurde er verrückt. Erdogan überstand seinen Gefängnisaufenthalt Ende der neunziger Jahre ohne erkennbaren psychischen Schaden. Worauf ich aber hinaus will. Ich betrachte es als ziemlich weltfremd, das Osmanische Reich wieder heraufbeschwören zu wollen. Die ersten Zeichen des Niedergangs machten sich schon seit dem Ende der Regierungszeit Süleyman I. des Prächtigen bemerkbar.

Ob Geschichte wiederholbar ist, darüber machte sich Georg Wilhelm Hegel Gedanken.

„Durch die Wiederholung wird das, was im Anfang nur als zufällig und möglich erschien, zu einem Wirklichen und Bestätigten.“ (Hegel, G. W. F. Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte (1822–1830)

Ich bin zu dumm für Philosophie, bin aber erstaunt über Hegels Satz. Trotzdem, wenn ich an einen Schimpansen denke, der während seiner Lebenszeit nur auf eine Schreibmaschine haut, und dieser Affe Zeit seines Lebens keinen Satz von Shakespeare zustande bringt, da wird mir ganz anders. Geschichte kann sich, wenn überhaupt, nur in einem Paralleluniversum wiederholen. Nach Ansicht angesehener theoretischer Physiker gibt es irgendwo (wo nur?) ein Paralleluniversum, das unserem gleicht. Das heißt: Es gibt noch einen zweiten Erdogan, es gab mal einen zweiten Hegel. OK, lassen wir das. Ist nicht unkompliziert. Ich will schon wieder auf etwas hinaus: Es scheint mir ziemlich verrückt zu sein, das Osmanische Reich wieder auferstehen zu lassen. Er könnte sich Ibrahim II. nennen. Wenigstens das.

Ein Trunkenbold wird dieser konservative Moslem nicht. Er dürfte kein Verständnis dafür entwickelt haben, warum sich Atatürk zu Tode trank. Ein Glück steht im Koran, man solle beim Beten einen klaren Kopf behalten (vg. Sure 4,43). Erdogan hat sicher kein Problem damit. In seinen politischen Kopf möchte ich aber lieber nicht hineinschauen (kleine Anmerkung: ich trenne Religion von Politik).

Auch wenn Erdogans politische Heimat der Islamismus ist (im letzten Jahrtausend vertrat er ihre Thesen), ist er heute kein Islamist. Für mich wird er einer, wenn er das Kalifat ausruft. Ob er das vorhat, wird sich zeigen. Mich erschreckt insbesondere, dass Türken im Ausland, in Deutschland, Österreich, Belgien und in den Niederlanden, Erdogan zu dem gemacht haben, was er jetzt nach dem Referendum ist. Deutschland: 63,+% Ja - Sager, Niederlande 71 % Ja-Sager, Belgien: 75,1% Ja-Sager, Österreich 73,5 % Ja-Sager.
Wenn seine Widersacher, im meine die Nein-Sager, alle Feinde des Türkentums oder Terroristen wären, dann hätten wir heute so viel Terroristen wie noch nie. Irgendwie dämlich, wenn man so schlussfolgern würde. Trotz der besorgniserregenden Zahlen, haben in Deutschland um die 50% der Wahlberechtigten gar nicht gewählt, deshalb müssen wir keineswegs auf Integrationsmängel schließen. Wenigstens das.