Nomen est Omen oder: Digitale Vermummung

Beitrag von wize.life-Nutzer

In der analogen Welt gibt es – wenigstens bei uns – ein Vermummungsverbot. Es vermummen sich Menschen, die Böses im Schilde führen. Sie verkleiden sich, verhüllen ihr Gesicht, um nicht bei der Ausführung ihrer bösen Absichten entdeckt zu werden. Unter der Hülle, der Maske, kann man sich quasi unsichtbar machen bzw. sich anonymisieren. Man verliert sein Gesicht, seinen Namen, kurz: alles, woran man sich von anderen unterscheidet.

In der Bibel (Jesaja 43:1 und 2) heißt es: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Der Name eines jeden Menschen steht für seine Individualität, seine Identität, macht ihn zu einem Individuum, zu etwas Unverwechselbaren. Werde ich mit meinem Namen gerufen, weiß ich, dass ich gemeint bin und kein anderer. Wer ein Dokument mit seinem Namen unterschreibt, tut damit kund, dass er sich mit dem Inhalt des Dokumentes identifiziert. Er macht es sich zu eigen. Wer einen Text verfasst und ihn niederschreibt, erhebt mit seiner Unterschrift unter den Text einen Besitzanspruch auf den Text. Er hat das 'Copyright', was bedeutet, dass niemand ohne seine Zustimmung von diesem Text Gebrauch machen darf, ohne den Verfasser zu nennen.

Üblicherweise tragen wir den Namen, den uns unsere Eltern gegeben haben, zusammen mit dem von ihnen geerbten Nachnamen, ein Leben lang. Wo von diesem Brauch abgewichen wird, der Name also gewechselt, geändert wird, gibt es schwerwiegende Gründe dafür. Das Gesetz sieht daher nur in Ausnahmefällen eine Erlaubnis zum Namenswechsel vor.

In der digitalen Welt, besonders in den sogenannten 'sozialen Medien' (Facebook, Youtube, Wize Life) ist es zunehmend üblich geworden, sich zu anonymisieren. Dafür gibt es vielfältige Gründe. Einige davon sind durchaus plausibel. Die meisten entspringen dem Bedürfnis, nicht erkannt werden zu wollen. Was ist es, das dieses Bedürfnis erzeugt oder rechtfertigt?
Es ist verständlich, wenn jemand dem Risiko, beleidigt oder verunglimpft zu werden, möglichst aus dem Wege gehen will. Mobbing und Stalking sind neudeutsche Begriffe für das bösartige Verfolgen und Diskreditieren, welches wie eine Seuche im Internet um sich gegriffen hat. Jeder kann zum Opfer von solchen verletzenden Angriffen werden.

Warum aber, so kann man fragen, verbreitet sich diese Seuche wie eine ansteckende Krankheit? Was treibt einige Nutzer von Facebook, Wize Life & Co. zu solchem unsozialen Verhalten?

Die Antwort ist: weil man anonym bleiben kann, weil es (noch) kein 'digitales Vermummungsverbot' gibt. Wenn diese Antwort stimmt, wenn das der wahre Grund für das Versteckspiel mit falschem Namen, mit dem berüchtigten 'Nick', ist, dann lässt sich auch leicht daraus der Umkehrschluss ziehen: Wer sich 'digital vermummt', indem er einen 'Nick' statt seines Klarnamens nutzt, tut das wahrscheinlich in böser Absicht. Er will nicht erkannt werden, damit er nicht für das Böse, welches er beabsichtigt oder schon getan hat, zur Verantwortung gezogen werden kann. Genau so, wie man einen Verbrecher für seine Tat nicht bestrafen kann, bevor man ihn hat, bleibt auch ein Mobber, Stalker, Beleidiger, usw. unbelangt, solange er anonym agieren kann.

In einer kontrovers geführten Diskussion – und davon gibt es im Netz sehr viele – möchte man, möchte ich, auch wissen, mit wem ich es zu tun habe. Ich möchte meinen Debattengegner kennen, kennernlernen, ihm gewissermaßen ins Gesicht schauen dürfen und nicht gegen eine unsichtbare oder versteckte Gestalt anreden. Benutzt er ein Pseudonym und dazu noch ein falsches, gefälschtes oder nichtssagendes Foto, hinter welchem er sein wahres Gesicht verbirgt, so bin ich von vornherein skeptisch und voreingenommen, weiß ich doch nicht einmal, ob ich mit einer real existierenden Person oder mit einem 'Bot', einem künstlichen 'Avatar', diskutiere. Ich neige dazu, eine solche Debatte ergebnislos abzubrechen, denn sie führt zu nichts wirklich Erstrebenswertem.

Ich gebe zu, ich kann mich nur schwer an anonyme Kommentare, Notizen und Themenbeiträge gewöhnen. Ihnen haftet etwas Hinterhältiges an. Wer sein Gesicht nicht zeigt, wer seinen Namen nicht nennt, dem kann ich nur schwer trauen. Das gilt für die digitale wie für die analoge Welt. Es fällt mir wahrlich schwer, Beiträge ernst zu nehmen, die von anonymen Nutzern stammen. Und oft sind es die 'Wutbürger', die angeblich 'Besorgten', die sich hinter Pseudonymen verstecken. Ich finde, sie sollten zu 'Mutbürgern' mutieren. Dann können sie ihrer Wut und ihrer Besorgtheit freien Lauf lassen und zeigen, dass sie die Meinungsfreiheit, die ihnen unsere Land glücklicherweise zugesteht, unbesorgt nutzen dürfen.