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Ostbahnhof Budapest im September 2015 und die Gedanken eines integrierten MuslimFoto-Quelle: Jerzy Sawluk / www.pixelio.de

Ostbahnhof Budapest im September 2015 und die Gedanken eines integrierten Muslim

Beitrag von wize.life-Nutzer

Es ist natürlich berechtigt zu hinterfragen, ob Bundeskanzlerin Merkel rechtmäßig handelte, als sie im Jahre 2015 die Flüchtlinge, die am Budapester Bahnhof gestrandet waren, nach Deutschland einlud. Es ist mir allerdings nicht bekannt, dass Bundeskanzlerin Merkel sich vor einem Gericht verantworten musste.

Der Bayerische Ministerpräsident will eine Flüchtlingsobergrenze. Zur Zeit gibt es auf der Welt ca. 65 Millionen Flüchtlinge. Jetzt überlegt mal, was wäre denn, wenn sie alle nach Deutschland oder nach Europa kämen. kämen? Unmöglich. Schon jetzt verweigern osteuropäische Staaten überhaupt Flüchtlinge aufzunehmen, bzw. nur eine streng reduzierte Anzahl.

Tschechien hat Sicherheitsbedenken. Flüchtlinge nehmen sie wie "Trojanische Pferde" war.
Im Dezember 2010 ging eine Meldung herum, Asylbewerber in Tschechien, die in ihrer Heimat aufgrund ihrer Homosexualität verfolgt werden, müssen sich einem »phallometrischen Test« unterziehen, um ihre Homosexualität zu beweisen. Tschechien hat für mich keinen Vorbildcharakter.

Ungarn sperrt Flüchtlinge in Containerdörfer ein, die sich in Nähe der serbischen Grenze befinden und zieht die Aufmerksamkeit des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte auf sich. So hat der Gerichtshof die Festsetzung von acht unbegleiteten Flüchtlingskindern und einer traumatisierten schwangeren Frau gestoppt. Viktor Orbán errichtete an der serbischen Grenze einen Zaun. Nein, Ungarn hat für mich kein Vorbildcharakter.

In Polen bröckelt zwar die Phalanx gegen Flüchtlinge , aber in den Umfragen, sind zwei Drittel der Bevölkerung dagegen, Muslime und Afrikaner aufzunehmen. Außen-Staatssekretär Konrad Szymanski teilte mit, sie hätten das Gefühl, die Kontrolle über die Zukunft ihres Landes zu verlieren. Es drohe eine gesellschaftliche Katastrophe. Im Juli 2017 droht die EU Polen mit Geldentzug. Für die Errichtung einer Diktatur wollen sie nicht zahlen.
Irgendwie verständlich. Ein Vorbild? Nein.

Und was ist nun mit Bundeskanzlerin Merkel und den Flüchtlingen? Nach der AufenthaltsVO § 14 kann unter bestimmten Umständen eine Einreise ohne Pass gestattet werden. Im Katastrophenfall, bei Lebensrettung, Rettungsflüge etc. Die Flucht aus Kriegsgebieten war dann wohl so ein Sonderfall. Die Einladung ins Land sogar mit einem Zug, mussten die Flüchtlinge ja nicht ablehnen. Sie sind einer Einladung gefolgt und das ist nicht strafbar.

Normalerweise hätten im September 2015 die Flüchtlinge gar nicht in Budapest festsitzen müssen, denn nach den geltenden Bestimmungen (Dubliner-Übereinkommen ) hat sich dasjenige EU-Land um Asylanten zu kümmern, welches die Asylanten zuerst betreten. In diesem Falle, was die Balkanroute betrifft, wäre Griechenland in der Pflicht gewesen. Das Land wäre aber niemals mit den 100000 Flüchtlingen zurande gekommen, die sich damals im September auf der Balkanroute befanden. Es ist falsch, wenn behauptet wird, es seien nur Wirtschaftsflüchtlinge gewesen. Nein. Auf dieser Route flüchteten auch Menschen aus Kriegsgebieten oder aus unsicheren Gebieten: aus Syrien, Irak, Afghanistan, Pakistan.

Hat man sich damals Gedanken darüber gemacht, aus was für Staaten die Flüchtlinge kamen und mit welchem Weltbild sie Europa betraten?

Beispiel Syrien: Seit 1948 steht Syrien im Kriegszustand mit Israel. Seit 1963 hat nur die Baath-Partei das Sagen. Seit 1973 gehört die Scharia zu den Hauptgrundlagen der Gesetzgebung. Der Präsident muß Muslim sein. Syrische Flüchtlinge kommen nach Deutschland und wissen nicht, was ein säkulares Europa ist. Genau hier müsste bei der Integration angesetzt werden. Sozialkunde: Was bedeutet das Grundgesetz für uns? Menschen in islamischen Ländern wachsen in patriarchalichen Kulturen auf, also müssen wir ihnen erklären, wie wir es mit der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau halten.

»... nach den verheerenden Niederlagen in mehreren Kriegen arabischer Staaten gegen Israel wuchs in Syrien, Irak und Ägypten die Antipathie gegen Juden derart an, dass in allen Nahoststaaten ein Exodus von Juden einsetzte«, schreibt der Kulturwissenschaftler Gerhard Schweizer in seinem Buch über den Islam ("Islam verstehen", Pos.504). Nach dem Sechs - Tage - Krieg 1967 wurden Juden regelrecht schikaniert. Sie durften keine öffentlichen Ämter mehr bekleiden und so weiter. Das erweckt in uns böse Erinnerungen.

Der bekannte deutsche Islamologe und Muslim syrischer Herkunft, Bassam Tibi, wurde dafür gescholten, weil er behauptete, syrische Asylanten bringen den Antisemitismus und den Scharia -Islam in unser Land. Über sich selbst sagt er:

»Ich bin als Judenhasser gekommen, nicht Antisemit, sondern Judenhasser. So hat man mich in Damaskus erzogen. Für mich war Auschwitz kein Verbrechen. Doch die beiden jüdischen Lehrer (er meint Max Horkheimer und Theodor W. Adorno) haben mir den Kopf gewaschen. Ich habe meine akademische Karriere übrigens als erster Muslim am Washingtoner Holocaustmuseum beendet, wo ich ein Jahr lang arbeitete. Und dort hat man gesagt, so einen Muslim hätten sie noch nicht gesehen. Ich verstehe, was Auschwitz ist. Und ich weiß auch: Die Syrer von heute sind Antisemiten.«

In Deutschland ist das offenbar ein Tabuthema. Tibi wurde wegen seiner Kritik über Merkels Einwanderungspolitik von 2002-2015 sogar aus den Medien verbannt. Er verließ Deutschland und forschte in den Vereinigten Staaten. Er spiele den Rechtspopulisten in die Hände, warf man ihm vor, obwohl sich Tibi deutlich genug vom rechtspopulistischen Denken distanzierte und Rassismus verurteilte. In der Neuauflage seines Buches "Europa ohne Identität?", 2016, schreibt er:

»Heute fühle ich mich in Deutschland nur von Tabus und Verboten umgeben. Mein Versuch, mich kritisch über Islam und Islamismus sowie über Europa zu äußern wird mit der Keule der Islamophobie geahndet. Ich weiß, wie schwierig die Kritik als Aufgabe ist, gerade unter Bedingungen, in denen rechtsradikale Kräfte wie Pegida kritisches Denken über den Islam für ihre Zwecke missbrauchen.« ("Europa ohne Identität, Pos. 1906).

Im Gegensatz zu den politisch Rechtsorientierten geht es Tibi nicht gegen den Islam, sondern in Bezug auf Karl Poppers Werk »Die offene Gesellschaft und ihre Feinde« greift Tibi die Analogie auf vom »offenen Islam und seinen Feinden.« (ebd. Pos.2502). Seine Vorbehalte gegenüber islamische Flüchtlinge beziehen sich nicht auf die Menschen selbst, die einen guten Grund zur Flucht haben und er ihnen keines Falls die menschliche Würde abspricht (man muss wissen, Tibi ist Mitbegründer der arabischen Gesellschaft für Menschenrechte). Seine Vorbehalte beziehen sich auf die Weltanschauungen, die sie mit nach Europa tragen (ebd. Pos.1210). Der unaufgeklärte Kopftuch-Islam eines Umma-Kollektivs ist für Tibi ein Scharia -Islam. »Entweder gelingt eine Europäisierung des Islam, oder es kommt zu einer Islamisierung Europas. Einen Mittelweg gibt es nur als Übergang, nämlich den der Parallelgesellschaften.«(ebd.996).

Ich will ja nur sagen, wir müssen schon hingucken, was Flüchtlinge, Asylanten in ihrem geistigen Gepäck mittragen.. Wir müssen ihnen erklären, in was für einem Land sie eingewandert sind. Das sehe ich als Integrationsverpflichtung.

Deutschland ist ein Einwanderungsland ist. Wenn das Populisten bestreiten und weiterhin gegen Flüchtlinge hetzen wollen, so sind das unbelehrbare Gestalten, die nicht in unserer Zeit angekommen sind. So zahlen Einwanderer erhöht in unsere Sozialkassen ein und kurbeln unsere Wirtschaft an. Bassam Tibi fordert eine Integration, die den Migranten eine demokratische Identität geben muss (ebd. Pos. 2653). Trotzdem, Integration dauert und ist kein Vollgasprojekt. Auf längere Sicht, zahlt sie sich aber aus.

Tibi ist kein Islamkritiker, er ist ein Islamistenkritiker, der in dem politisierten Islam der Islamisten die Gefahr eines neuen Totalitarismus sieht. In Deutschland machen sich Islamisten breit. Sie bedrohen der Rechtsanwältin Seyran Ateş mit dem Leben, nur weil sie in Berlin eine Moschee eröffnete, sie bedrohen auch den Grünen-Politiker Cem Özdemir, nur weil er nicht Erdogan Ansichten teilt. Politikern müssen verstärkt für Maßnahmen sorgen, die islamistische Gewaltbrutnester aushebeln und Hassprediger aus den Moscheen verjagen. Deutschland befindet sich ja schon auf dem richtigen Wege. Wenn Tibi von den Gefahren der Islamisten redet, meint er genau diese Bedrohungen für unsere Freiheit und beklagt, dass wir in Deutschland mit der Unterscheidung Islam und Islamismus fahrlässig umgehen. Rechtspopulisten unterscheiden nicht zwischen Islam und Islamisten. Sie verteufeln eine ganze Religion. Das Göttinger Tageblatt schrieb am 19. Januar 2015:

»Tibi, der sich zum Islam bekennt, macht sich für eine Reform seiner Religion stark. Er distanziert sich von Gruppen wie Pegida, die nicht zwischen dem Islam und der politischen Ideologie des Islamismus unterscheiden. Die Pegida-Anhänger, so Tibi, grenzten Muslime aus und trieben sie so in die Arme der Islamisten. Aus Sicht der Islamisten würde der Westen Muslime nie akzeptieren, weswegen es sinnlos sei, sich westlichen Regeln zu unterwerfen. Gleichzeitig helfe jeder Terroranschlag der Dschihadisten Pegida dabei, noch mehr Deutsche gegen den Islam zu mobilisieren. So profitierten beide Gruppen voneinander.«

Wie die AfD mit dem Islam umgeht, kann in vielen Beispielen belegt werden. So wollen Beatrix von Storch und Alexander Gauland dem Islam absprechen, dass es sich um eine normale Religion handelt. Frau Storch formuliert das so: »Der Islam ist an sich eine politische Ideologie, die mit dem Grundgesetz nicht vereinbar ist«. Gauland fährt auf ihrer Schiene: »Der Islam ist keine Religion wie das katholische oder protestantische Christentum, sondern intellektuell mit der Übernahme des Staates verbunden. Deswegen ist die Islamisierung Deutschlands eine Gefahr.« Sie unterscheiden nicht zwischen der Religion des Islam und der politischen Religion der Islamisten. Das ist die typische Haltung der Rechtspopulisten und der Neuen Rechten, die nicht differenzieren wollen, und aufgrund ihrer verqueren Ansicht auch noch der Meinung sind, da der Islam keine Religion sei, fasse hier auch nicht das Recht auf Religionsfreiheit. Wir sehen, was für eine fiese Haltung hinter diesen Aussagen steckt. Dass ist Diffamierung.

Professor Bassam Tibi ist nicht der einzige Akademiker, der das Thema des Antisemitismus bei Flüchtlingen angeschnitten hat. Das tat auch Jeffrey C. Herf, Professor für moderne europäische Geschichte an der University of Maryland. Er stellte sich die Frage: "Was wird aus dem Judenhass der Flüchtlinge?" . Das ist kein Rassismus, sondern es hat mit der Geschichte Syriens zu tun. In dem Artikel der "Welt" heißt es:

»Wie wird Deutschland auf Menschen reagieren, die aus einem Land stammen, das sich seit 1948 im Kriegszustand mit Israel befindet, das im Kalten Krieg Verbündeter der Sowjetunion war, und in dem nicht nur Israel-Feindschaft, sondern auch Judenhass offizielle Ideologie waren?«

Bassam Tibi forschte in 20 islamischen Staaten und fordert einen Euro-Islam jenseits der Scharia, der mit der säkularen freien Welt kompatibel ist. Sein liebstes islamisches Land ist Indonesien weil dort in der Verfassung mehrere Religionen vor dem Gesetz gleichgestellt werden: Christentum, Islam, Konfuzianismus, Buddhismus (Tibi bei Anne Will, Januar, 2015).

Die Bildzeitung vom 25.05.2016 zitiert Tibi wie folgt:

»Mich verbindet eine große Zuneigung zur deutschen Sprache und zum deutschen Grundgesetz, das mir so wertvoll ist wie mein heiliges Buch, der Koran.«
Genau das nenne das Integration.

Auch wenn es sich seltsam anhört, Bundeskanzlerin Angelika Merkel handelte aus humanitären Gründen. Natürlich bleibt es eine Herausforderung, Flüchtlingen unseren Lebensstil zu erklären und sie zu integrieren. Das Thema wird uns weiter beschäftigen. Hoffentlich schaffen wir das.


Literatur:

Gerhard Schweizer: Islam verstehen -Geschichte, Kultur und Politik, Klett Kotta, 2015, e-book

Bassam Tibi: Europa ohne Identität? - Europäisierung oder Islamisierung, ibidem-Sachbuch, 2016, e-book