wize.life
Neu hier? Jetzt kostenlos registrieren und mitmachen! Warum eigentlich?
Tabuthema Gewalt an Schulen - Wenn Lehrer Angst vor Prügel haben

Tabuthema Gewalt an Schulen - Wenn Lehrer Angst vor Prügel haben

News Team
27.02.2018, 11:21 Uhr
Beitrag von News Team

Lehrer einer Grundschule in Sachsen-Anhalt klagten in einem offenen Brief über extreme körperliche Gewalt unter Sechs- bis Zehnjährigen an ihrer Schule. Schnell war von einem Einzelfall die Rede. Doch es steht fest, dass Gewalt an Schulen stetig zunimmt - gerade gegen Lehrer. Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) schlägt Alarm.Von Christian Böhm

"Wucht der Aggressivität"


„Es gibt mehr Grenzüberschreitungen“, sagt Simone Fleischmann zu wize.life. Die frühere Rektorin der Volksschule Poing im oberbayerischen Landkreis Ebersberg vertritt als Präsidentin des BLLV in München rund 62.000 Kollegen. „Die Wucht der Aggressivität und der Frust der Eltern haben eindeutig zugenommen.“

In einer Forsa-Studie gaben bereits 2016 deutschlandweit mehr als die Hälfte aller befragten Lehrer an, dass es an ihrer Schule in den letzten fünf Jahren zu psychischer Gewalt gegen sie gekommen sei. Zudem sagten sechs Prozent, sogar extreme körperliche Gewalt erlebt zu haben, wie etwa schlagen, schütteln, stoßen, treten, boxen, mit Gegenständen werfen, an den Haaren ziehen, mit den Fäusten oder Gegenständen prügeln – sowohl durch Schüler als auch Eltern. Für die Gesellschaft, für die Politik, selbst unter Lehrern ist das immer noch ein Tabuthema. Und das Problem wird kleingeredet statt angepackt.

So vergeht in der Rechtsabteilung des BLLV kein Tag, an dem nicht mit diesen Problemen zu tun hätte. Dort zählt man mittlerweile viermal mehr Streitigkeiten zwischen Eltern und Lehrern als noch vor 20 Jahren. Das Spektrum reicht von Elternbeschwerden über Dienstaufsichtsbeschwerden bis zu Strafanzeigen.

Was ist das Beste fürs Kind?

„Alle Eltern wollen für ihr Kind das Beste“, stellt die BLLV-Vorsitzende klar. „Die Frage ist in der jetzigen Leistungsgesellschaft, was ist das Beste fürs Kind.“ Für viele Grundschul-Eltern scheint der Übertritt aufs Gymnasium aber als das einzig Seligmachende. Manche Eltern wüssten in dem ganzen Wahnsinn nicht mehr, wie sie den Kindern gerecht werden sollten – "und das geben sie weiter", so Fleischmann.

Sie selbst werde nie vergessen, wie ein Viertklässler plötzlich im Unterricht zu weinen anfing, weil er eine Drei in der Probe geschrieben hatte – und für den Übertritt ein Notendurchschnitt von 2,33 nötig ist.

Auch früher hätten Eltern den Lehrer als denjenigen gesehen, der ihr Kind nicht richtig einschätzt, nicht richtig wahrnimmt, unfair behandelt, falsch bewertet. „Doch die Art und Weise, wie manche Eltern auftreten, hat sich geändert – inklusive der Drohung mit dem Anwalt.“

Lehrerin zitterte vor Angst

An bayerischen Schulen sind harte Fälle von körperlicher Gewalt noch die Ausnahme, doch psychische und verbale Aggressionen finden sehr wohl statt. BLLV-Präsidentin Fleischmann nennt ein Beispiel: „Eine Lehrerin steht am Morgen vor der Klasse, plötzlich stürmt eine Mutter herein, baut sich vor ihr auf und brüllt los.“ Das habe eine immense Wucht, sei nicht nur psychisch, sondern körperlich sehr nah. „Ich habe Lehrerinnen gesehen, die haben vor Angst gezittert.“

Es sind Tonlage, Wortwahl und Massivität im Sinne von körperlichem Nahekommen, die ihr Sorge bereiten. Hinzu kommen die Möglichkeiten der Technik, die nicht nur zum Guten führen. „Früher gab’s mal einen bösen Brief, heute Lehrer-Bashing in der WhatsApp-Gruppe.“ Gerade diejenigen Eltern, die sich gegenüber dem Lehrer nichts sagen trauten, tobten sich im Netz umso heftiger aus. Ein Phänomen, das nicht nur den Kosmos Schule betrifft.

Doch was tun? Wie zu einem Miteinander zurückfinden - zum Wohle der Kinder?„Es herrscht ein Mangel an Respekt“, klagt die BLLV-Präsidentin. Hinzu kommen Defizite wie zu große Klassen, zu wenig Lehrer, schlechte Ausstattung. Es ist eine Art Teufelskreis. „Warum greift eine Mama eine Lehrerin an?“, fragt Fleischmann. „Weil sie spürt, dass ihr Kind zu kurz kommt. Das ist legitim. Die macht sich Sorgen.“ Diese Sorgen sollte aber kein Vater, keine Mutter mit Gewalt - gleich welcher Art - untermauern.

81541 München auf der Karte anzeigen:
Hier klicken um Karte zu öffnen

6 Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Seit Jahrzehnten schon ist Bestrafung von Schülern durch 'körperliche Züchtigung' verboten. Inzwischen gilt dieses Verbot auch im Elternhaus. Und für dieses Verbot gibt es vielfache und gute Gründe, deren Aufzählung ich mir hier erspare.
Kinder sind die wertvollste Ressource, die eine Gesellschaft haben kann. Denn sie sind es, die den Fortgang all dessen garantieren, wofür ihre Eltern gelebt und gearbeitet haben. Darum ist es so wichtig, dass wir ihnen die Werte und Einstellungen recht früh vermitteln, die für den Fortbestand unserer Gesellschaft, unserer Kultur usw. wichtig sind.
Wenn unsere Welt auf Dauer friedlich werden und bleiben soll, ist es entscheidend wichtig, dass wir lernen, Probleme mit friedlichen Mitteln, ohne Gewaltanwendung, zu lösen. Das schließt aber jegliche Gewaltanwendung in der Erziehung von Kindern prinzipiell aus. Die Erfahrung zeigt, dass Jugendliche, die Gewalt im Elternhaus kennengelernt haben, auch als Erwachsene zu Gewaltanwendung neigen.
Auch die angeblich so 'unschädliche' Ohrfeige als Strafe für kleine kindliche Vergehen oder Ungezogenheiten ist eine Gewaltmaßnahme, die Kinder im besten Falle zu Kadavergehorsam erziehen kann, die jedoch selten ein 'Schuldbewusstsein' in dem Bestraften erzeugt.
Wenn Eltern (und Lehrer) ehrlich mit sich selbst sind, werden sie zugeben, dass jeder Verstoß gegen das Prügelstrafen-Verbot ein Zeichen von Hilflosigkeit ist. Und meistens hinterlässt es in den Strafenden ein ungutes Gefühl. Wollen wir Erwachsene uns das weiterhin antun?
  • 03.03.2018, 18:28 Uhr
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Ich stimme Dir zu Werner, nur muß jemand da sein der den Kindern die Grenzen zeigt. Dazu gehört Mut und Durchsetzungsvermögen, das haben die heutigen Pädagogen nicht mehr. Eine gute Erziehung beginnt im Elternhaus. Ein bekannter Professor für Kinderkrankheiten sprach das aus, was sich jeder merken sollte: Das Kind im Mutterleib weiß besser was es will, wie die erwachsenen Eltern. Mit schuldig macht sich auch unser Staat mit seinen abstrusen Gesetzen, daß eine Mutter oder Vater sein Kind nicht mehr ein Ohrfeige geben darf. Ich bin gegen prügeln, aber ein Klaps hinter die Löffel hat noch keinem geschadet. Das sagte selbst ein hoher Würdenträger vor nicht allzu langer Zeit. Mehr Zivilcourage wird gefordert, aber handelt jemand danach, hat er es mit einem Rechtsanwalt zu tun oder wird gar vor Gericht zitiert. Das Problem ist auch, daß die Kinder oftmals aus Frust die unmöglichsten Dinge anstellen - dazu gehören auch die Prügeleien und die Sachbeschädigungen. Meistens sind es nicht gerade die hellsten Schüler die gefrustet sind, weil sie die Aufgaben nicht lösen können. Nicht umsonst heißt es: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr! Diese jungen Menschen landen später oftmals vor Gericht und in Erziehungsheimen, in denen sie den Rest zum Verbrechen noch lernen.
  • 28.02.2018, 14:49 Uhr
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
wundern wir uns wirklich darüber, daß die Gewalt in den Schulen, bzw. auch in den Kinderzimmern angekommen ist?
Man sehe sich nur das Fernsehprogramm an, dort lernen die Kleinsten, daß Gewalt das Mittel ist, um Probleme zu lösen ...
wie sagte Andrea so treffend," ab morgen gibts was in die Fresse"
Viele Eltern haben auch keine Zeit, sich um die Erziehung ihrer Kinder zu kümmern ... die werden vor dem Fernseher "geparkt", während sie sich um ihr Smartphone kümmern "müssen".
Daher wundert es mich nicht, daß immer öfter diese kleinen "Sonnenscheinchen" bewafftnet zur Schule gehen.

"15-Jähriger ersticht Mitschüler in Lünen
An einer Gesamtschule in Lünen hat ein Jugendlicher kurz nach Schulbeginn einen 14-Jährigen getötet. Das Opfer hatte aus Sicht des Täters dessen Mutter provozierend angeschaut. "
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/weltspie...876348.html
  • 28.02.2018, 03:31 Uhr
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Schuld ist mit die Gesellschaft, denn ein Hauptschüler kommt doch kaum noch in einem Lehrberuf wie Automechaniker oder einen vergleichbaren Beruf unter. Für viele Berufe wird die Mittlere Reife oder gar das Abitur verlangt. Will ein Schüler Mauerer, Schreiner oder Metzger lernen muß er zumindest die Grundrechenarten und Geometrie kennen und können. Da fängt das Problem der Hauptschulen an 3 deutsche und 20 ausländische Schüler die selbst nach 8 Jahren Schule immer noch kein Deutsch beherrschen. Das Beispiel zeigt doch die PISA - Studie uns immer wieder auf.
  • 27.02.2018, 20:34 Uhr
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Was haben denn diese Kinder für Eltern??Keine Erziehung-kein Respekt gelernt?Wahnsinn wie sich die Zeiten ändern-früher hatten die Schüler Angst vor ihren Lehrern,die ja auch munter und nach gut dünken sie geschlagen haben.
  • 27.02.2018, 12:08 Uhr
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.

wize.life News per Push Benachrichtigung in Ihrem Browser aktivieren

Benachrichtigungen aktivieren