Parlamentarismus heute
Parlamentarismus heute

Das Debakel der Medien

Hans-Herbert Holzamer
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Ein Fußballspiel gewinnt die Mannschaft, welche die meisten Tore geschossen hat. Weiß jedes Kind. Eine Wahl gewinnt die Partei, welche die meisten Stimmen und Mandate gewonnen hat. Das war vor zwei Wochen die CSU in Bayern und gestern die CDU in Hessen. In den Medien las man es allerdings anders. Da erlebten sie beide ein „Debakel“. Wie ist das möglich? Zu gewinnen und zu verlieren? Lügen die Medien und stricken sie ihre eigenen Geschichten wie Putins Trolle? So einfach ist das nicht. Die Journalisten werden in den Redaktionsversammlungen angehalten, „Geschichten weiter zu drehen“, damit es interessant bleibt. Da wird dann nicht mehr auf das Ergebnis geschaut, sondern es werden Vergleiche gezogen zu dem letzen Mal. Im Vergleich zum Fußballspiel: Hat der FC Bayern in der letzten Saison 3:0 gewonnen, diesmal nur 1:0, hat er nicht gewonnen – sondern, na klar, ein „Debakel“ erlebt. Das ist natürlich Unsinn, in den Redaktionen dagegen Methode. Dann kann nämlich der gewonnen haben, dem man es wünscht, die Grünen, weil sie „deutlich zugelegt“ haben, die FDP und die Linken und – leider nicht zu vermeiden, die AFD. Es wird auch keiner mehr gefragt, warum er CDU gewählt habe oder die SPD. Vielleicht weil die Regierung Söder oder Bouvier gute Abeit geleistet haben? Verschwurbelt wird allenfalls von „Kompetenzzuweisung“ gesprochen. Die Medien hierzulande marschieren nicht mehr Seit an Seit mit den Kumpels, die am Hambacher Forst um ihre Arbeitsplätze bangen, sondern bejubeln die Leute in den Baumhäusern, die mit ihren Fäkalien die Polizisten bewerfen. Einen Franz Itting, der die Leute in Südthüringen und Nordbayern mit Strom versorgte, der ein überzeugter Sozialdemokrat war, den hat man vermutlich längst aus der Ahnengalerie entsorgt. Heute verspricht Andrea Nahles „Prüfungen, Resümes und irgendwann Entscheidungen“, aber zum einen standen sie und die Bundesregierung weder in Bayern noch in Hessen zur Wahl, zum anderen hat sie gegen den inszenierten Trend keine Chance. Und welcher Wähler will denn auf der Seite der Verlierer stehen? Ein Trick ist, die Verlustpunkte der Berliner Koalitionäre zu addieren, damit man auf beeindruckende 20 Prozent kommt. Die Resultate werden dagegen nicht addiert, dann bliebe es bei 10.Wem das höhere Mathematik ist, der stelle sich zwei Parteien vor, die 50 Prozent ihrer Stimmen verloren haben. Zählt man dies zusammen, kommt man auf Hundert, die Parteien sind rechnerisch verschwunden. So geht Demagogie. Wenn dann noch die Reporter wie Staatsanwälte oder Inquisitoren nach der „Verantwortung“ rufen und Rücktritte noch vor dem Endergebnis fordern, dann fragt man sich, welche Chefredakteure und Intendanten diese selbst ernannten Sovonarolas losgeschickt haben. Wer Thomas Walde mal gesehen hat, weiß was ich meine. Alle hoffen, die Peter-Brinkmann-Frage nach dem „Wann“ zu stellen, welche die Berliner Mauer zum Einsturz brachte.
Und weil es nicht jede Woche eine Wahl in Deutschland gibt, hat das ZDF das Politbarometer erfunden, das es sich im Interesse des Parlamentarismus wirklich besser in den Allerwertesten steckte. „Wenn am Sonntag wirklich Bundestagswahl wäre“ …. Welche Aussage soll das sein? Stand je zur Debatte, oder hat jemand bezweifelt, dass keine Bundestagswahl am Sonntag sein wird? Das irrational konditionierte „Politbarometer“ des ZDF ist ein populistisches Ärgernis, es untergräbt den Parlamentarismus und damit die Demokratie. Dass das ZDF sich anschickt, ein Totengräber der Bundesrepublik Deutschland zu werden, hätten sich seine Gründer nicht im Traume vorstellen können. Dass in Deutschland, im Bund, in den Ländern und in den Kommunen nicht jeden Sonntag gewählt wird, hat seinen guten Grund. Und ist die Wahl vorüber, sollen die Gewählten ihren Job machen und von der „Stimmung des Volkes“ in Ruhe gelassen werden. Die Politiker reagieren oft mit einer erstaunlichen Gelassenheit, weil sie sich mit den Medien gut stellen wollen, zucken allenfalls zusammen, hauen aber nicht zurück. Aber die permanente, populistische Stimmungsabfrage ist nicht das Thema, sollte nicht das Thema einer öffentlichen Rundfunkanstalt sein, es ist irrelevant. Zunächst einmal, wie kommt das Ergebnis zustande? Irgendwelche Untersuchungen belegen, dass eine bestimmte Auswahl die Stimmung im Lande korrekt wiedergibt. Aber die Stimmung sind nicht die Wähler. Ein paar Tausend stehen für mehr als 80 Millionen. Wenn das seine Richtigkeit hätte, könnte man das Wählen sein lassen. Die ZDF-Bots erledigen das zuverlässig. Also ist Parlamentarismus überflüssig, dann lieber ein starker Mann, der alles für uns regelt. Das ist Intension der Trolle, die gegen uns in Kompaniestärke agieren. Die Intension der Medien kann es nicht sein.