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Garibaldi blickt vom Gianicolo auf seine Stadt

Rom im Mai 2019, unter offenem Himmel

Von wize.life-Nutzer - Mittwoch, 08.05.2019 - 22:35 Uhr

Glaubt man den Korrespondenten und anderen Aus-der-italienischen-Hauptstadt-Berichtern, dass Rom im Müll versinke, glaubt man ihnen gar aufs Wort, dann müsste, wenn man auf dem Gianicolo steht, dem Berg oberhalb des Viertels Trastevere, und wenn man dann etwa von der Piazza Garibaldi zum Monumento Nazionale a Vittorio Emanuele II, bei deutschen Touristen unter dem Namen „Schreibmaschine“ bekannt, herüberblickt. Dann dürften eigentlich nur die schlanken Flügel des Siegesengels aus dem Dreck empor in den Himmel ragen. Dem ist indes nicht so, zum Glück.

Rom ist kein Drecksloch

Rom ist in diesem Frühsommer keine Stadt, wo man von der Straße essen könnte. Aber es ist auch nicht das Drecksloch, zu dem es oft gemacht wird, auch weil man der Bürgermeisterin Raggi von den Cinque Stelle eins auswischen will. Dazu gibt es zwar mancherlei guten Grund. Aber die „grande monnezza“, die Müllflut, die noch am 6 Oktober 2018, Bürger, Gewerkschaften und Opposition zum gemeinsamen Protest gegen den Kurs des Rathauses auf die Straße brachten, ist heute, im Mai 2019, gestoppt. Eine „große Müllhalde unter offenem Himmel“ sei die Stadt, dies betreffe sogar die guten Stadtbezirke wie Prati, Balduina, die Gegend um die Via Nomentana, die Piazza Bologna. Und in die Peripherie verirre sich nie ein Müllauto, ein „camion della nettezza urbana“, so schrieben und schreiben die Zeitungen.
Wir sahen besonders häufig zwei Auto-Typen: die kleinen, offenen Müllautos der Ama S.p.A. , eine Aktiengesellschaft mit nur einem Gesellschafter, die Stadt Rom. Sie fuhren, gesteuert von Männern in orangenen und Frauen in auberginefarbenen Arbeitsanzügen, durch die Straßen und über die Plätze und sammelten die Mülltüten auf, bis ihr Fahrzeug voll war, hängten leere Tüten in das Gestänge. Es war eine Freude ihnen zuzusehen. Der andere dominierende Autotyp war die große schwarze Mercedes-Limousine vom Typ Vito, mit abgedunkelten Scheiben. Der würde gut zur Mafia Capitale passen, uns wurde aber gesagt, dass er vor allem von Dienstleistern für Hotelgäste im Einsatz sei. Dass die Ama S.p.A. von dem vorbestraften Salvatore Buzzi gesteuert wurde, der von Virginia Elena Raggi ins Amt gehoben und der dann im Prozess gegen die „Mafia Capitale“ zu 19 Jahren Haft verurteilt wurde, ist eine der Skurrilitäten der römischen Politik. Dass diese beiden Wagentypen das römische Straßenbild prägen, ist dagegen weniger skurril als real, ihre Zuordnung zu Müll und Mafia vermutlich ebenso. Die sprechende Statue in der Nähe des Piazza Navona drückt es mit einem „Schmähzettel“ in Anlehnung an König Lear richtig aus: „Welch furchtbare Zeit, in der die Idioten die Blinden regieren.“

Zentrum und Peripherie

An dem Unterschied zwischen historischem, dem Tourismus als Bühne gewidmeten Zentrum, und der Peripherie hat sich indes wenig geändert. Zwischen der Villa Borghese und Trastevere, zwischen dem Vatikan und der Kirche Santa Maria Maggiore bewältigen die Kellner heute noch freundlich und lässig-professionell die schon erstaunliche, frühsommerliche Flut an Gästen. Diese suchen bevorzugt Lokale, die einen freien Blick über die Schönheiten der Stadt bieten. Wir haben die Angebote im Internet geprüft und zogen enttäuscht weiter. Kein Platz in abendlicher Sonne oder keine Aussicht. Eine Dachterrasse überraschte uns indes. Nicht dadurch, dass der Aufzug zu ihr nicht funktionierte, sondern dass es sie so nah an der Piazza di Spagna gab – einen Hinweis auf sie fanden wir nicht. Es ist das Ristorante Italian Bistrò Piazza, ein seltsamer Name, in der Via delle Carrozze. Die Bedienung, die für jeden Cappuccino und jede Pizza endlose Stufen steigen muss, hat jedes Trinkgeld verdient. Der Blick zur Trinità dei Monti, zum Petersdom und über den Rest der Innenstadt ist grandios, wenn auch mancher Platz der Dachterrasse mit Kunststoffplanen gegen den Wind geschützt werden muss.
Anders als im Zentrum und somit unverändert traurig sieht es aus in Monterotondo aus, einem Viertel im Norden der Stadt, am Oberlauf des Tibers, hinter dem Park della Marcigliana. Hier, wo sich die Bewohner versuchen, mit Stacheldraht gegen die ständigen Einbrüche zu schützen, wo selten bis nie Müllwagen gesichtet werden, spielte sich während unseres Aufenthalts ein Raub-Drama ab, das als „typisch“ von den lokalen Zeitungen beurteilt wurde. Ein vorbestrafter 18 jähriger Albaner wurde dabei von seinem Opfer erschossen, und sofort erfolgte der Hinweis auf das neue Gesetz, das Salvini – der allmächtige Lega-Minister – durchgesetzt hatte und dem amerikanischen „Stand your ground“ angelehnt, die Beschränkungen einer angemessenen Notwehr deutlich aufgeweicht hat.
Gute Nachricht dagegen vom Giardino (Garten) Giuseppe de Meo, auch Parco di Villa Massimo genannt, obwohl er nicht in der Nähe der gleichnamigen deutschen Kultureinrichtung, sondern nördlich der Sapienza, der römischen Universität, liegt. Er soll demnächst nach langen Jahren der Verödung mit frischer Bepflanzung und neuem Spielplatz neu eröffnet werden. Hat Virginia Raggi versprochen. Noch ist er indes geschlossen.

Vor verschlossenen Toren

verschlossenen Toren standen wir auch am Park des Schlosses der Savoyer, heute Villa Ada genannt. Er liegt nicht allzu weit hinter der Villa Borghese, angrenzend an die Via Panama und die Via Salaria. Hier suchten wir nach dem Erbe des Vittorio Emanuele III, Enkel des Vittorio Emanuele II, dem die „Schreibmaschine“ gewidmet ist. Von dem Park ist nur ein Teil zu betreten, einen Teil halten die Carabinieri besetzt, einen Teil, die Villa Polissena, versperren die Hessens als ihr Privateigentum, der „Bunker“ ist verwahrlost und daher nicht zu betreten. Und das Schloss beherbergt heute die ägyptische Botschaft. Als wir das Gelände betraten, von einem leer stehenden Gebäude des ehemaligen königlichen Gebäudeensembles aus, kam uns ein ägyptischer Soldat entgegen gelaufen. Und da wir nicht in einem Keller der Botschaft enden wollten, verließen wir schleunigst das Gelände. Die Fläche des Parks, die man derzeit gefahrlos betreten kann, ist grüne Wildnis. Die wenigen Besucher, die einem dort begegnen, zumeist haben sie einen Hund dabei, nehmen Blickkontakt auf und beantworten bereitwillig und freundlich Fragen, welche die eigene Orientierung erleichtern sollen.
Trotz aller Müllwagen im Einsatz: Der Müll ist immer noch zwischen Gianicolo und Villa Borghese das große Thema. Seitdem man die Deponie von Malagrotta wegen „Kapazitätserschöpfung“ geschlossen hat, das heißt seit mehr als 5 Jahren, ist er das Hauptproblem der Stadt. Illegale Ablagerungen, die in Flammen aufgehen, wie die von der Collatina Vecchia, kommen hinzu. Aber da die „grande monnezza“, die Müllflut, fast überall in Italien ein Skandal ist, dürfte dieser noch andere Gründe haben. Immerhin hat die Bürgermeisterin Roms das Ziel „rifiuti zero“ bis 2021 ausgegeben, dass also in zwei Jahren nichts mehr auf den Straßen liegt. Das kann man glauben, oder auch nicht. Wenn man vom Dach der „Schreibmaschine“, vom Gianicolo oder vom Italian Bistrot über Rom blickt, sieht es so aus, als sei das Ziel schon erreicht. Im Mai 2019.

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