Sultanat Oman, lehrreiche Berufsjahre, Teil 2
Sultanat Oman, lehrreiche Berufsjahre, Teil 2

Sultanat Oman, lehrreiche Berufsjahre, Teil 2

Beitrag von wize.life-Nutzer

Als grosses Problem hat sich die Führung unseres Personals vor Ort erwiesen. Die Leute, meist Europäer, waren sehr gut untergebracht. Die beschränkten Möglichkeiten, sich in der Freizeit individuell zu vergnügen, führten zu einem Zusammenschluss. Die Gesellschaft der Ausländer ist eine Waschküche. Die Tatsache, dass unser Projekt dato das einzige Grossprojekt in Oman war, rückte unsere Leute ins Rampenlicht und jede Schwierigkeit erhielt Riesendimensionen. Das schlimmste war die Solidarisierung eines Teiles unseres Personales mit deutschfreundlichen Vertretern des Kunden gegen unsere Gesellschaft.
Durch eine Abwertung der Landeswährung und Zahlungsprobleme des Kunden wurden wir mitten im Projekt vor die Frage gestellt, ob wir abbrechen sollen. Wir entschieden uns, zu bleiben. Welcher Idiot geht heim und riskiert, nachdem er jahrelang Beziehungen aufgebaut hat, auf die schwarze Liste zu kommen. Der Kunde hat natürlich seine Zahlungsprobleme auf britische Art wohlvorbereitet hinter einem Mantel von Vorwänden versteckt. Es füllten sich Ordner mit Briefen, die sein Gebäude aus Beweisen unserer Unzulässlichkeit bauten.
Nach dem 16. Der 20 Monate hat der Contractor unseren Verdacht, dass die Angelegenheit länger dauert als angenommen bestätigt. Er hat einen Claim für eine Verlängerung um sechs Monate, verbunden mit entsprechenden finanziellen Forderungen, eingereicht. Sonst hätten ihn die Vertragsstrafen getroffen. Ich wurde zum Kunden gerufen. Der Staatssekretär hat mich in einem vertraulichen Gespräch instruiert, die Antwort auf den Claim so aufzubereiten, dass die Bauzeit verlängert werden kann und keiner etwas bezahlen muss. Der Kunde würde im Gegenzug auf die Vertragsstrafe verzichten. In einer einwöchigen Arbeit mit unkonventionellem Aproach konnte die Angelegenheit vorbereitet werden. Es wurde ein Erfolg im Sinne des Kunden. Einen Monat später war alles erledigt. Die englische Besatzung des Kunden kochte vor Wut. War sie doch auf einen Monate dauernden Profilierungskampf mit Schmieren und Salben vorbereitet.
Nach 26 Monaten waren alle Bau- Und Einrichtungsarbeiten für die Infrastruktur abgeschlossen und abgenommen. Alles funktionierte hervorragend und die Abrechnung hat gestimmt. Unsere stark reduzierte Besatzung überwachte noch die Garantiearbeiten und befasste sich mit unseren offenen Forderungen. Die englischen Berater des Kunden hatten ein solch grosses Gebäude aus Vorwürfen an uns gebaut, dass es uns nie gelang, dem Kunden restlos klar zu machen, dass wir unser Honorar gesamthaft verdient haben. Hier hätte ein Sponsor sehr helfen können. Das Eintreiben unserer Forderungen wurde schwierig. Ein ausländisches Schiedsgericht war nicht möglich, da wir mit unserem Vertrag als omanische Firma galten. Und welches inländische omanische Gericht beurteilt schon gerne den Königshof ungünstig.
So sind wir eben auf Teilen unserer Forderungen sitzen geblieben. Man nennt das Lehrgeld. Es gibt jedoch auch ideelle Werte. Dieses Projekt hatte unserem Büro unglaublichen Auftrieb verschafft. Es haben sich Synergieeffekte und Beziehungen ergeben. Unsere Einstellung zu Gewinn und Verlust hatte sich wesentlich verändert. Wir haben tiefe Einsichten in Arbeitspartnerschaften unter schwierigsten Verhältnissen gewonnen, von welchen wir heute noch zehren. Für mich persönlich waren mit allem verbunden unvergleichliche Naturerlebnisse und Begegnungen in einer unverdorbenen, friedlichen Welt.
Hans Ramseier

Die Fotos sind auf einer Reise im Dezember 2012 entstanden.