New Orleans - Lebenslust am Mississippi
New Orleans - Lebenslust am Mississippi

New Orleans - Lebenslust am Mississippi

Thomas Bily
Beitrag von Thomas Bily

Eigentlich wollten wir Skifahren in Kanada. Eine Verletzung brachte neue Ziele ins Spiel: Hawaii, Jamaica oder New Orleans? Da wir kurz vor Mardi Gras standen und New Orleans schon lange auf meiner unergründabren Wunschliste stand, fuhren wir zwei Narren zum Vor-Fasching nach Louisiana. Was für eine großartige Entscheidung.

Auf´s Leben einlassen, lohnt immer

Unsere Skireise war schon geplant und gebucht. Und dann kam alles anders. Am Vorabend meines Abflugs aus München rief mein Freund Russell aus Salt Lake City an und meinte, er hätte sich einen Muskel gerissen. Ob ich trotzdem kommen wolle? Mein erster Gedanke: Sch..., aber na ja, dann fahr ich halt alleine Ski. Oder uns fällt schon was ein.
So hinkte mir kurz darauf Russell am Flughafen in Salt Lake entgegen. Skifahren? No way! Schnell brachten wir alternative Vergnügungspläne auf den Tisch: Surfen auf Hawaii, Surfen+ auf Jamaica oder Südstaaten-Fasching in New Orelans?

Schnell mal 2000 km Inlandsflug

New Orleans machte das Rennen - zunächst aus rationalen Gründen wie Erreichbarkeit und Nähe. Von Salt Lake City nach New Orleans ist es für einen Deutschen gefühlt wie von München zum Kölner Karneval. Dann kommt der Aufblaseffekt der USA und schon sitzt man 3 Stunden im Flieger für gut 2000 km. Was aber immer noch deutlich näher ist als Hawaii oder Jamaica.
Übrigens: von München nach New Orleans ist man mit 1 Zwischenstopp rund 18 Stunden unterwegs und es gibt Flüge ab gut 500 Euro. Wenn Sie also mal über einen Urlaub in USA nachdenken, dann beziehen Sie New Orleans ein in Ihre Auswahl. Und denken Sie bei nicht nur an...
...New York: Sie suchen echtes Großstadtgefühl und den Ich-war-auch-schon-mal-da Haken? ...San Francisco: Sie wollen, wie alle Deutschen, einmal das Scott McKenzie Feeling spüren? ...Boston: Sie wollen, dass alles so ist wie daheim - bloß größer?
Besser als all das zusammen ist New Orleans. Aber nur wenn Sie Lust haben auf das pralle Leben. Für Kompromisse fahren Sie lieber woanders hin.

Balkon
Balkon

Treten Sie einfach auf die Bühne

Natürlich können Sie sich auf New Orelans Studiosus-mässig vorbereiten und die Stadt preussisch korrekt abarbeiten. Wir haben einfach ein schönes Hotel gebucht im French Quarter, der Altstadt New Orleans, und die Leute vor Ort nach Tipps gefragt, wonach uns just im Moment war. Wir sind sehr gut damit gefahren.

Wir waren im altehrwürdigen Hotel Monteleone untergebracht für 199 Dollar pro Nacht pro Zimmer (über expedia) - mit Spa, Fitness und Pool. Frühstück kostet extra (Buffet für 20 Dollar) und wird von reizenden Damen wie Lucille kredenzt, die einem nebenbei Geschichten der letzten 100 Jahre Louisiana einträufeln. Abgesehen vom Flughafen-Taxi (rund 30 Dollar) ersparte uns die zentrale Lage weitere Transportkosten. Wir waren mitten im Leben. Selbst mit Muskelriss war der kompakte Kern von New Orleans zu Fuß machbar. Ansonsten kann man sich gut und günstig mit den Street Cars (Straßenbahnen) fortbewegen. Die bringen einen zum Zoo oder durch den Garden District zum "Häuserschauen" (wer´s mag). Oder zum US World War II Museum, das monumental zwischen den Häusern prangt. Ich bin zwar kein Museums-Freak, aber die Aufbereitung der Kriegsgeschichte gibt einen guten Überblick über den Ablauf an den verschiedenen Fronten. Und dass der Krieg im Pazifik noch viel verheerender war als der Krieg in Europa, hatte ich im Geschichtsunterricht wohl verschlafen. Jetzt weiß ich es.

Cajun Food für Leib und Seele

Kalorienmangel herrscht in New Orleans garantiert nicht. Die Stadt ist eine kulinarische Hochburg, nicht nur gemessen an der rest-amerikanischen Burger-Kultur. Und die Auswahl ist bunt und grandios:
Am ersten Abend vertrauten wir uns der türkischen Rezeptionsdame Merve an. Wir fragten nach einfachem "local food" - also Cajun Küche mit so Dingen wie Catfish, Crab Cake oder Shrimp Barbecue und sie schickte uns ins Oceana gleich an der Bourbon Street.. So tauchten wir von 0 auf 100 in Südstaaten Atmosphäre.
Zur Erinnerung: Wir waren aus dem mormonischen Utah eingeflogen. Louisiana ist so ziemlich das Gegenteil davon. Hier ist im Grunde genommen alles erlaubt, ja sogar erwünscht. Je ausgelassener, desto besser. Genau deswegen fahren alle hierher. Spätestens im Rock´n Roll Club "Famous Door" war klar: New Orleans ist unsere Stadt. Wenn die Haus-Band zu Sweet Home Albama ansetzt und die Leute Cowboy-mässig durch den Saloon fegen - dann fühlt man sich wie beim Chill-out nach dem Bull-Riding.

Ausprobiert haben wir auch vornehmere Adressen wie bei Arnaud´s Restaurant, wo "Collar Discipline" herrscht = kragenlos geht nicht. So streng die Regel scheint: Irgendein Polo oder eine Jacke mit Kragen reichen. Egal wie schlecht das aussieht: ein Kragen macht den Unterschied. Welcome to America.
Sitzt man erstmal mit Kragen oder wie ich mit Jacke bei Arnaud´s, stellt man fest. Noch besser als das angepriesene Essen selbst ist dessen Inszenierung durch Ober, für die die Bezeichnung "alte Hasen" fast Jugendstil wäre. Sie wirken wie frisch nach dem Bürgerkrieg und servieren gerne flambierend. Sie beherrschen den Saal und nebenbei zieht ein Jazz-Quartett von Tisch zu Tisch und spielt zu den Flambier-Übungen.

Arnauds
Arnauds

Ja, das Schöne an New Orleans war dieses hereinspaziert--ihr-seid-willkommen-Gefühl. Wir haben nie lange gesucht, sondern sind einfach rein in die Läden, sind nie enttäuscht, sondern immer überrascht worden.
Selbst Geheimtipps (diesmal vom Türsteher des Hotels) wie das Johnnys Po Boys waren einen Abstecher wert. Das Essen ist zwar überbewertet - Sandwiches mit haufenweise frittierten Zutaten - aber allein das Ambiente in diesen Läden ist einen Refill wert. In dem Fall Minute Maid mit 0% Fruchtsaft. Das als Produktvorteil zu verkaufen, darauf muss man erst mal kommen.
Für den unwahrscheinlichen Fall, dass zwischen diesen Cajun-Henkersmahlzeiten Hunger aufkäme, bieten sich im 3 Meter Abstand Bars und Cafés an, wo man mit Bourbon und Sahne getränkte Kaffeespezialitäten aufnehmen kann oder die New Orleans typischen Beignets, eine Art Krapfen, genießen kann.

New Orleans ist Musik

Musik spielt überall und die ganze Zeit in dieser Stadt. Rock´n Roll, Blues, Dixie, Bluegrass, Jazz - und was weiß ich was. Aus jeder Tür klingt Musik und vor allem live Musik für jeden Geschmack. Von Rock Clubs wie Famous Door oder Krazy Korner bis hin zu Wunsch-Konzerten in der irisch angehauchten Bar Pat O´Briens, wo wir trotz diverser Hurricane Cocktails (ein selbstironisches Kompliment an Katrina) eine klassischen Touristen-Abend überlebten. Die Pianisten wechseln sich ab und spielen Wunschlieder, die die Gäste auf Servietten notieren und den Musikern zustecken. Solche Bars gibt es diverse rund um die Bourbon Street. Die "richtig gute Musik" laut einheimischer Meinung findet man allerdings an der Frenchmanstreet, ca. 20 Minuten zu Fuß vom Zentrum entfernt. Dort besuchten wir unter anderen der Spotted Cat Club. In der "Frenchman" reiht sich ein Club an den anderen und man kann von der Straße aus horchen, ob einem die Musik drinnen liegt.
Bei Fritzels auf der Bourbon Street fanden wir uns auch gut zurecht. Ein cooler Club mit unverkennbar deutschen Einflüssen: vom Jägermeister über Paulaner bis zu den angebotenen Speisen.

Strassenmusik
Strassenmusik

Am Wochenende wurden ganze Straßenzüge gesperrt und Straßenmusikanten hielten ihre Konzerte ab. Legendäre Gesichter und Figuren singen Blues, spielen Jazz oder versuchen sich einfach a capella. Was für eine Kulisse für einen Stadtbummel. Wenn ich im Vergleich dazu an die qualvollen Sänger in Münchens Fußgängerzone denke...
Musik und Einkaufen kann man ideal verbinden am Frenchmarket, einem großen Outdoor Markt mit vielen exotischen Angeboten: "Garantiert echte" Alligator Gebisse, natürlich Mardi Gras Schmuck wie Ketten oder Masken oder die schärfste Soße der Welt. Hier findet jeder sein Glück (oder zumindest eine gute Geschichte des Verkäufers).

Frenchmarket
Frenchmarket

Katrina und New Orleans

New Orleans ist mit rund 350.000 Einwohnern weniger groß, als sie weltweit bekannt ist: für Musik, Mardi Gras und seit August 2005 für den Hurrikan Katrina. Noch heute sind die Folgen dieser Katastrophe sichtbar, spürbar und hörbar. Häuser und Straßen in Außenbezirken sind immer noch zerstört und damit allgegenwärtig. 75.000 Menschen sind immer noch irgendwo in der Welt ausquartiert. So stehen viele Häuser leer, manchmal ganze Straßenzüge. Und dazwischen geht das Leben weiter.
Das Buch "1 Dead in Attic" von Chris Rose vermittelt eindringlich, was die Stadt und ihre Menschen durchlebt haben und wie sie der Hurrikan noch weiter zusammenschweißte in Lebensfreude, Identität und Selbstbewußtsein.
Wichtig zu wissen: das alte Zentrum French Quarter und die Touristen Gegenden wie Garden District oder das Museumsviertel sind alle unversehrt geblieben. Was die Betroffenen weniger tröstet, aber der Stadt nun ein sehr gesundes Fundament gibt für eine neue Blüte.

Mississippi - Leben am großen Fluß

Ich war zwar schon früher mal am Mississippi, aber so gewaltig hatte ich ihn nicht in Erinnerung. Der große Fluß (Indianersprache) zieht sich wie eine Riesenschlange durch die Stadt. In New Orleans läuft die Orientierung je nach Lage zum Fluß.
Das nahe gelegene Flußdelta haben wir für eine Swamp/Sumpf Tour genutzt. Mit 100 Sachen auf dem Air-Boat durch das Delta auf der Suche nach Alligatoren mit kernigen Jungs aus Louisiana am Steuer. Bei soviel Fahrtwind bleibt kein Auge trocken.

Swamp Tour
Swamp Tour

Wir waren in einer relativ kühlen Jahreszeit angekommen, aber selbst Mitte Februar sind 20-25 Grad keine Ausnahme. Man kann sich ungefähr vorstellen, wie die Stadt dampft, wenn im Sommer 40 Grad und mehr erreicht werden und die Feuchtigkeit des Mississippis in die Straßen eindringt. Dann wird die Stadt zum Kessel und ich will gar nicht drüber nachdenken, was dann alles los ist. Wir werden es sehen. Denn wir kommen auf jeden Fall zurück nach New Orleans. Für uns die (mit Abstand) beste Stadt der USA.