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„In der Wildnis zu leben, das war doch besser!“

„In der Wildnis zu leben, das war doch besser!“

22.02.2014, 19:27 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Den Januar verbrachte Günter Spitzing, Autor aus dem Alstertal, der sich für naturnah lebende Völker engagiert, wieder in Südindien. Der Januar und auch der Februar sind dort die beiden angenehmsten Monate mit viel Sonne und einer Temperatur, wie sie in Hamburg an sehr freundlichen Junitagen herrscht. Demgegenüber ist dort der Mai heiß und feucht. Es ist die unbeliebteste Zeit sowohl für die Einheimischen als natürlich für hitzeempfindliche Touristen.
„Nun ist,“ so der Autor, „meine alljährliche Südindienreise, wenn auch oft durchaus vergnügliche, keine touristische Vergnügungsreise. Ich besuche vielmehr meine Freunde, Ureinwohner vom Volke der Irular. Die Besuche dienen dem Zweck das individuelle aber auch kulturelle Überleben dieses bedrohten Volkes zu gewährleisten.“

Ein ganz anderes Indien
Die Zuschauer vonr Foto- und Video-Veranstaltungen über die Irular sind meist sehr erstaunt, wenn sie von Ureinwohnern in Indien hören. Ureinwohner in Afrika oder Amerika – sicher, davon hat man gehört! Aber in Indien?
Tatsächlich gibt es neben dem in unserer Vorstellungswelt verankerten, auch noch ein ganz anderes Indien mit Menschen die anders sind, die anders leben, die eine andere Kultur und Religion haben.
Der Subkontinent beherbergt nach Afrika die zweithöchste Anzahl von Ureinwohnervölkern. Man schätzt heute, dass es 500 oder mehr unterschiedliche Gruppen sind. Eine davon sind die Irular. Bei aller berechtigten Vorsicht gegenüber statistischem Zahlenmaterial dürften es etwas über eine halbe Millionen Menschen dieses Volkes sein, die auf oft weit auseinanderliegende Weiler im Süden des Lande verstreut sind. Die Gesamtzahlen für aller Adivasi (neo-sanskrit: Ureinwohner) liegt dagegen bei 100 Millionen (Bundesrepublik: 80,8 Millionen). Jeder zwölfte der 1.224.000 Inder gehört also einem der indigenen Völker an.
Am Beispiel der Irular ist zu ersehen, wie sich die Adivasi von den anderen indischen Gesellschaften unterscheiden.
+ Sie leben naturnah, haben ein ausgesprochen inniges spirituelles Verhältnis zu ihrer natürlichen Umgebung.
+ Sie haben im Gegensatz zur Indischen Kastengesellschaft keine oder nur eine gering ausgeprägte Hierarchie. Männer und Frauen sind gleichberechtigt.
+ Sie stehen außerhalb des Kastensystems. Die Kastenangehörige neigen dazu sie zu diskriminieren. ,
+ Kinder wachsen liebevoll begleitet auf, ohne dass körperliche Gewalt angewendet wird.
+ Sie leben ursprünglich und teilweise heute noch vom Wanderfeldbau, der Fischerei oder, wie z.B. die Irular, als Kleintierjäger und Sammler.
+ Die Adivasi Gruppierungen empfinden sich selbst als eigene Völker mit eigener Religion und Kultur und eigener Sprache oder zumindest eigenem Dialekt.
+ Die Adivasi, insbesondere die Jäger und Sammler, verstehen sich als Schutzherrn der Wildnis. Sie gehen Sorgsam moit den von ihnen genutzten Pflanzen um. Sowohl die britische Besatzung als auch die Administration des heutigen Indiens haben ihnen jedoch unterstellt, sie würden die Natur vernichten und sie unter diesem Vorwand aus ihren angestammten Wohngebieten vertrieben. Sie schlagen sich jetzt mit unterbezahlter Knochenarbeit (Haushaltshilfe für grobe Arbeiten, Fronarbeiten in Steinbrüchen und in Reismühlen) durch. Aufstiegschancen haben sie nicht, da nur wenige von ihnen eine Möglichkeit hatten, Lesen und Schreiben zu erlernen. Viel Erwachsenen und Kinder sind unterernährt.

Auf die Frage, ob das Leben für sie damals in der Wildnis besser war oder es ihnen jetzt besser geht, antworteten die Irular einhellig im Sinne dessen, was eine älteren Frau äußerte: „In der Wildnis zu leben, das war doch besser! Damals war es noch nicht verboten in Wäldern und Savannen Kleintiere zu jagen und Pflanzen zu sammeln. Deshalb hatten wir auch genug zu essen. Als wir noch in der Wildnis lebten, hat noch niemand hungern müssen.“

Adivasi - gefährdete Völker
Heute ist die Existenz der Irular und darüber hinaus der meisten Adivasi Völker ist aktuell gefährdet:
1. Mangelnde Ausbildungsmöglichkeiten. Dadurch gibt es für sie keinen Chancen auch nur einigermaßen einträgliche Berufe zu ergreifen. So kommen siew nicht heraus aus der Armutsfalle.
2. Einflüsse der modernen Umgebung: Von den US-Evangelikalen beeinflusste Missionare, aber auch politisch agierende Hinduorganisationen versuchen sie zu assimilieren. Soweit das gelingt bedeutet das Verlust ihrer menschenfreundlichen Kultur und ihres Lebensstiles. Die heute noch bei ihnen gleichberechtigten Frauen fallen dem Unterdrückungssystem des Kastenwesens zum Opfer – ein gewaltiger sozialpolitischer Rückschritt, der so nicht hingenommen werden darf.
3. Auch die Verführung durch Geldwirtschaft und Konsumangebot stellt eine Bedrohung dar. (Verschuldung ist allerdings ein gesamtindisches Problem.) Dem kann, wie auch der erwähnten Assimilierung in hierarchisch steile Systeme, nur durch Förderung eines gesunden Selbstbewusstseins der Ureinwohner entgegengewirkt werden. (In dieser Hinsicht hat Zukunft Irular e.V. – u.a. infolge des guten Verhältnisses zu den Irular - bereits beachtliche Erfolge erzielt.)
4. Der Lebensraum der Adivasi wird durch Industriebauten, Staudämme Bergwerke und durch die Weltbank geförderte Nationalparks immer mehr eingeschränkt. In der 2. Hälfte des letzten Jh. wurden mindesten 15 Millionen Adivasi vertrieben. Auch deutsche – sogenannte – Entwicklungshilfsprojekte haben bereits zu großflächigen Vertreibungen geführt. Darauf laut aufmerksam zu machen gehört ebenfalls zu den Aufgaben von Zukunft Irular e.V.
5. Gesundheitsprobleme, nicht zuletzt die Folgen von Mangelernährung, verursachen menschliches Leid bis hin zu Todesfällen. .

Ein eigenes medizinisches System Irular
Die medizinische Versorgung dieser Bevölkerungsgruppe ist noch immer extrem unzureichend. Zugleich gehen bei den Irular die wertvollen traditionellen Kenntnisse über Heilmittel verloren.
Der Vidyar (Heiler) Aiyahu wendet zur medizinischen Behandlung weder eines der bekannten indischen System, wie Ayurveda oder Siddha (in Südindien verbreitet) an, noch westliche Systeme, wie die English Medicine (Allopathie / Schulmedizin) oder die Geman Medicine (Homöopathie), sondern hält sich an das eigenständiges weitgehend noch unerforschtes Irular System. Es umfasst neben umfangreichen Heilkräuterkenntnissen auch Diäten, Riten und Diagnosen (Puls- und Augendiagnose).
Eine Spezialität des Heilers ist es Heilkräuter gegen Bissverletzungen durch alle Arten von
Schlangen, Skorpione und giftige Insekten zu verwenden. Zusätzlich bindet er das betroffene Glied – meist das Bein – ab und öffnet die Bisswunde, damit das Gift entweichen kann. Er verfügt auch über wirksame Mittel gegen die in Indien verbreiteten Hauterkrankungen..
Im Interesse von Zukunft Irular e.V. ist es einerseits, dass die Irular in die Lage kommen ihre medizinischen Kenntnisse auszunützen, um für sich selbst weitere selbständige Erwerbsmöglichkeiten zu erschließen. Andererseits muss das überlieferte Wissen der Irular über Heilbehandlung der Menschheit unbedingt erhalten bleiben.
Der Vidyar ist nun schon etwas älter und auch nicht mehr ganz gesund. Er beklagt sich bitter darüber, dass sein Sohn und seine Enkel, denen er üblicherweise seine Kenntnisse weitergegeben hätte, keinerlei Interesse an der Heilkunst zeigten. . Ganz generell würden die Irular die überkommene Heilkunst immer weniger beachten.
Spitzing regte daraufhin an, ihr Interesse dadurch wieder zu erwecken, dass er ihnen zeigte, wie sie davon profitieren könnten. So möge er ihnen den Anbau einiger Heilkräuter nahelegen, die sie dann mit gutem Gewinn verkaufen könnten.
Aiyahu fand den Gedanken gut will auf seinem Land seltene Heilkräuter heranziehen, die dann die Irular Frauen verkaufen können.
Außerdem möchte er unbedingt sein Wissen an interessierte Irular Jugendliche weitergeben. Er braucht dazu eine größere Hütte um Heilungen vorzunehmen und um junge Leute zu beherbergen, die bei ihm Unterricht nehmen.
Er benötigt dazu einen Zaun um sein Feld, damit die Ziegen und andere gefräßige Tiere auf Distanz gehalten werden und einen Brunnen um das Land zu bewässern.
Für die Einzäunung mit Stachelbüschen hat Zukunft Irular schon gesorgt.
Der Brunnen allerdings, der etwa 900 Euro kosten, lässt sich nur durch zusätzliche Spenden finanzieren.
Grundsätzlich stellt sich natürlich die Frage, wie effektiv das Irular Heilsystem wirklich ist. Dazu der Autor:
„Ich halte habe großes Vertrauen zum Irular Heilssystem. Irular Hebammen nehmen auch die Vor- und Nachsorge bei Geburten vor und verwenden Heilpflanzen. Von einer wissen wir, dass sie über 350 Hausgeburten unterstützt hat, ohne, dass es dabei einen Todesfall gab. Tief beeindruckt hat mich jedoch auch, das der Heiler, wie auch die Hebamme nicht nur die überkommenen Heilverfahren ihrer Vorfahren anwendet, sondern auch eigene Experimente und Selbstversuche mit Pflanzen durchzuführen.
Diese Überprüfungsmethoden für traditionelle Heilverfahren zeigt, dass die traditionelle Heilmedizin der Irular auch den Verfahren unserer modernen Medizin gar nicht so ferne steht, wie z, B, ich selbst das ursprünglich vermutet hatte.
Zukunft Irular e.V. möchte deswegen auch einigen fähigen und motivierten Kindern der Irular dazu verhelfen Schulmedizin oder Pharmazie zu studieren, sich aber gleichzeitig in Irular Heilkunst ausbilden zu lassen.“
Die Förderung der Schul- und Berufsausbildung der jungen Irular ist ohnehin ein Hauptanliegen der Alstertaler Organisation.
Nur gut ausgebildete Adivasi werden in der Lage sein, sich selbst um ihre eigene Entwicklung zu kümmern und sich in der indischen Gesellschaft durchzusetzen.
Schon jetzt zeichnet sich ab, dass vor allem die Selbsthilfegruppe der Irular Frauen als Partnerorganisation von Zukunft Irular Hamburg, Verantwortung für ihre eigene Situation übernimmt. Sie arbeitet aktiv und effektiv daran mit, dass ein bedrohtes Volk echte Chancen bekommt, einer besseren Zukunft entgegenzugehen.


Auskünfte durch
Günter Spitzing, Stadtbahnstraße 86 22393 HH
Zukunft Irular e.V.
www.zukunft-irular.de
spitzinggu@aol.com
Ständiges Spendenkonto Commerzbank Hamburg 0330442500 BLZ 200 800 00

Eine Vortragsveranstaltung mit Fotos und Video am 13.Februar im Bürgerverein Sasel-Poppenbüttel führt zu einer ausführlichen Diskussion
Ein weiterer Vortrag wird am 12. März 20.45 im Stavenhagenhaus im Rahmen des Kommunanlvereins Großborstel stattfinden. Gäste sind auch hier willkommen.

Stadtbahnstraße 86, 22393 Hamburg auf der Karte anzeigen:
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1 Kommentar

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ich war 3 Monate zur Zeit der Regenzeit in Zentral Sri Lanka...in einem Tierschutzprojekt...
das war vom Wetter her die Hölle....
  • 23.02.2014, 12:27 Uhr
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