Taxistand Ravensburg
Taxistand RavensburgFoto-Quelle: Fabian Börner unter https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/

Einmal zum Bahnhof, bitte

Beitrag von wize.life-Nutzer

Mit quietschenden Reifen bleibe ich direkt vor dem Eingang zum Bahnhof stehen, der Fahrgast springt hinaus und rennt, was die Beine hergeben. Wieder mal einer, der nicht rechtzeitig aus den Federn kam und jetzt vielleicht seinen Zug verpasst. Aber wir, also mein Fahrer und ich, haben, wie immer, unser Bestes gegeben. Der Schorsch, der mich heute fahren darf, ist mal wieder wie eine besengte Sau durch die Stadt gebrettert, aber es ist ja noch frĂŒh und noch nicht viel los. Ich fahre zur Reihe und stelle mich hinten an; acht Kutschen stehen vor mir. Ach, ĂŒbrigens, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt, aber ich glaube, ihr könnt euch denken, was ich bin: ich bin ein TAXI.
Hier am Bahnhof weißt du nie, was dich erwartet. Wenn du Pech hast, stehst du dir hier die Reifen platt. Und dann steigt nach zwei Stunden so ein strunkeliger Typ ein und lĂ€sst sich fĂŒr knapp fĂŒnf Euro einmal um die Ecke bringen. Im wahrsten Sinn des Wortes natĂŒrlich. Aber manchmal hast du auch GlĂŒck und fĂ€hrst nach DĂŒsseldorf zum Flughafen, weil jemand mal wieder seinen Zug verpasst hat. Dann hat der Fahrer die halbe Miete im Sack und geht den Rest der Schicht gemĂŒtlich an. Ist auch gut fĂŒr mich; dann ist nicht so viel Hektik und ich sehe mich in Gedanken nicht schon wieder in der Werkstatt.
So, der erste hat aufgenommen und fĂ€hrt los. "Zentrale, der Drei-Acht fĂ€hrt nach SĂŒd", hören wir ĂŒber Funk. Naja, SĂŒd ist groß, aber 15 bis 20 Euro dĂŒrften drin sein. Wahrscheinlich bleibt er dann da unten und bekommt eine Fahrt ĂŒber Funk. Aber irgendwann wird es wieder heißen: "Einmal zum Bahnhof, bitte!", und dann wird er wieder hier sein.
Zwei weniger. Beide von einer Fremdfirma. So kann ich nicht hören, wo es hin geht. Nur noch fĂŒnf vor mir. Schorsch liest und ich betrachte das Geschehen. Hier ist immer was los, und das macht den Bahnhof so spannend. Hier siehst du Menschen aus fast allen LĂ€ndern. Fast so wie in Manhatten. Schorsch war mal da und schwĂ€rmt heute noch davon. Als er die "Central Station" verließ und zum Taxenstand ging, haben dort angeblich ĂŒber hundert Leute in einer Reihe gestanden und auf die Taxen gewartet. Wenn eins kam, war es ruckzuck besetzt und konnte losfahren. Schlimmer als in einem Taubenschlag. Wenn das stimmt, wĂŒrde ich auch gerne mal durch New York dĂŒsen.
Der Sieben-Zwo vorne nimmt jetzt auch auf. "Ich fahre nach Marl." Auch nicht schlecht. Mindestens 25 MĂ€use. Nur noch vier vor mir. Der Typ in seinem Wagen sieht aus wie ein Schauspieler. Vielleicht fĂ€hrt er ja zum Grimme-Institut und bekommt einen Preis. Also hier am Bahnhof hast du manchmal richtige BerĂŒhmtheiten. Schließlich ist Recklinghausen die "Stadt der Ruhrfestspiele". Selbst Udo Lindenberg war vor 11 Jahren schon einmal hier. Den hört Schorsch gerne. Ist aus seiner Jugend und so. Ich mit meinen neun Jahren habe fĂŒr ein Taxi auch schon etliches auf dem Buckel. Ich hab mal gerechnet: rund vierzig Fahrten am Tag macht etwa 14.000 im Jahr, in neun Jahren also ĂŒber 120.000. Ihr könnt euch denken, dass ich da schon alles mögliche gesehen habe. Aber ... Moment mal ...
Schorsch, pass auf, Mann: da hĂ€lt ein Reisebus. Braun gebrannte Leute steigen aus, waren wahrscheinlich in Spanien. Ich fĂŒhle es in der Kurbelwelle - gleich sind wir weg. Richtig, es werden mindestens sieben Wagen gebraucht und ich bin dabei. Ein Ă€lteres PĂ€rchen kommt auf mich zu und beide lĂ€cheln zu Schorsch herĂŒber. Galant, wie der manchmal ist, steigt er aus und hĂ€lt die TĂŒren auf. Solche FahrgĂ€ste - Senioren nennt man sie ja mittlerweile - sind mir die liebsten. Meistens friedlich und gut drauf. Bin gespannt, wo es hin geht und was sie so zu erzĂ€hlen haben ...

(c) Georg Lackmann

Über konstruktive Kritik, ohne EinschrĂ€nkungen, freue ich mich. Feuert ruhig aus allen (Auspuff-)rohren...

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