Am Lac de Vassivière
Am Lac de VassivièreFoto-Quelle: Copyright: hhh

Limousin: Auch mit dem Fahrrad kommt man an der Kultur nicht vorbei

Hans-Herbert Holzamer
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

“Limousin?” Unser Guide Warner Luet, Warner wie die gleichnamigen Brüder aus Hollywood, hat seinen Spaß an unserer Gruppe, die zum ersten Mal von ihm, dem Pressereferenten, durch seine Region geführt wird. “Also, das Limousin, ist zunächst einmal der Namensgeber der Limousine.” Ungläubiges Staunen. “Weil aus unserem Holz die schnittige Kutsche des Königs in Paris geschnitzt wurde.” Aha, wir nicken. “Dann aber, ist es auch der Name eines Hausrindes.” Wieder Staunen. “Ihr werdet also sehen, was hier besonders gerne auf den Grill und dann auf den Teller kommt.”
Unsere Annäherung an diese im “grünen Herzen” von Frankreich liegende Region beginnt in Chambon sur Voueize, dort wo sich die Flüsse Tardes und Voueize treffen, im Department Creuse in einem Hotel mit Gartenrestaurant mit dem schönen Namen Les Estonneries. Was Warner uns vor allem näher bringen will, ist das Radfahren in Department und Region, vor allem die neuen Radwege Velo Est und Velo Ouest. Aber so einfach ist das nicht, man kann nicht über seinem Lenker hängen und keinen Blick für die Umgebung und die Zusammenhänge haben. Radfahren kann man auch daheim.

Viel Platz für alle

Das Limousin mit seiner Hauptstadt Limoges hat eine Bevölkerung von 741.072 Menschen, das sind bei einer Fläche von 16.942 Quadratkilometer 43,7 Einwohner je km². Es ist also viel Platz für alle da. Und bei unseren Touren mit dem Velo trafen wir nur selten auf andere, die das Pedal zur Fortbewegung nutzten. Wenn man sich vorstellt, dass die Fläche der Region nur 2,7 Prozent der Fläche Frankreichs ausmacht, kann man sich vorstellen, warum dieses Land so in sich ruht. Creuse ist eines von drei Départements der Region, die anderen beiden sind Corrèze und Haute-Vienne. Bei Urlaubern bekannt ist das Massif Central, die zentralfranzösische Antwort auf die Alpen, und weil dort viele, vor allem Motorradfahrer, hinfahren. Aber wir radelten dort, wo es weder steil bergauf noch bergab geht.

Aber das Limousin ist nicht nur für Motorradfahrer ein Paradies. Hier, in der geographischen Mitte Frankreichs, zwischen den Regionen Centre, Auvergne, Midi-Pyrenäen, Aquitanien und Poitou-Charentes, finden vor allem diejenigen ihr Ziel, die der Hektik entfliehen wollen, die ihre Freiheit, die Idylle und unberührte Landschaften suchen, egal wie und womit sie sich fortbewegen. Und es ist ein Schatzkästchen an Kultur und Geschichte. Wer weiß schon, dass die Troubadoure, welche die Herzen vor allem der Frauen des Mittelalters entzückten, hier beheimatet waren? Vielleicht derjenige, der an Veranstaltungen der Partner-Region des Limousin, dem Bezirk Mittelfranken, teilnahm.

Véloroute Est

Warner hat so viel zu erzählen, dass er Mühe hat, auf sein Lieblingsthema den Vélo-Weg Est zu sprechen zu kommen. Aber da wir ihn ohnehin abfahren wollen, kann er ja noch einen Moment mit uns in Chambon verweilen. Dort steht nämlich ein Kulturevent an, der typisch für die Stadt und die Gegend ist; Die ganze Stadt wird zum Museum für zeitgenössische Kultur. Selbst das Altersheim macht mit. "Entrée en Matière" heißt der Parcours zeitgenössischer Kultur, der vom 12. Juli bis zum 17. August stattfindet.
Schon die Impressionisten liebten dieses Land und ließen sich hier, besonders in Crozant, gerne nieder um zu malen. Sie folgten dem Bespiel Claude Monets, zogen aus ihren Ateliers und stellten ihre Staffeleien entlang der Creuse auf. Dort erlebten sie mehr Inspiration als in Paris. Der Impressionismus fand so sein Eden und die Ruinen von Crozant wurden zum meistgemalten Motiv der Landschaftmalerei. Heutzutage sind diese Feldwege immer noch kleine Paradiese für die Ölmalerei, und wer am Wasser spazieren geht, fühlt sich gelegentlich merkwürdig angerührt, weil er das eine oder andere Motiv zu kennen glaubt. Ein internationales Zentrum für Kunst und Landschaftsmalerei befindet sich auf der Ile de Vassivière. Da würden wir mit dem Fahrrad hinkommen, macht uns Warner Appetit.

Da das Limousin auch das Land der Romanik ist mit vielen Kirchen unter anderem in Uzerche, Beaulieu und Solignac, müssen wir natürlich die Abteikirche von St. Valérie in Chambon besichtigen, die im 11. bis 13. Jahrhundert gebaut trutzig anzusehen auch ein Teil der Schutzanlage für die Stadt war. Die Mönche hatten hoch über dem Kirchenschiff ihre Stellungen in der Mauer, die im Notfall zu besetzen waren. Über militärische Heldentaten der Kuttenträger konnten wir nichts in Erfahrung bringen, aber dass die Kirche erhalten ist, spricht nicht gegen sie. Bekannt ist immerhin, dass die Stadt im 100-jährigen Krieg von den Engländern erobert wurde.

Aber dann geht es auf die Räder. Mountainbike hat Warner für uns aufgeboten. Natürlich muss er als Beauftragter des gesamten Limousin noch die Véloroute Ouest hinweisen, die von Crozant nach Saint-Martin-Sainte-Catherine führt und eine Länge von 83 Kilometer hat. Aber wir haben die Véloroute Est im Programm. Sie nutzt überwiegend kaum befahrene Landstraßen und ist insgesamt 174 Kilometer lang. In Chambon sur Voueize stoßen zwei erste mögliche Etappen zusammen, die eine von Boussac, das George-Sand-Liebhabern bekannt ist (34km) und die andere von Chambonchard (12km). Diese Strecke bietet die Chance, sich im Thermalbad Evaux les Bains fit machen zu lassen. Unser Ziel ist zunächst Aubusson, dann der Lac Vassivière, auf der Véloroute 93 Kilometer entfernt. Endpunkt der Véloroute Est ist schließlich Dorrèze par Faux la Montagne im Naturschutzgebiet des Plateau de Millevaches.

Aubusson: Hauptstadt der Patisserie

Schließlich ging es weiter auf der Véloroute Est nach Aubusson. Dort fanden wir zwar abends keine Gastwirtschaft, in der man das anstehende Fußballspiel der Franzosen in Brasilien hätte schauen können, in unserem Hotel Le France gab es zum Glück Fernseher. Am nächsten Morgen fanden wir die Werkstatt von Madame Chantalle Chirac. Sie hat mit Jacques Chirac nichts zu tun, sie sammelt, restauriert, verkauft und stellt Karton genannte Gemälde aus, die eigentlich die Vorlagen für Tapisserien sind und selbst Kunstwerke, die bislang oft übersehen wurden.

Aubusson ist die Heimat der Tapisserie, was auf Deutsch am besten mit Bildwirkerei übersetzt wird. Gobelins sind wieder etwas anderes. Die Bildwirkerei oder Tapisserien von Aubusson und der gesamten Marche sind seit dem 17. Jahrhundert weltweit bekannt. Noch heute sind hier alle Berufe ansässig, die zur Herstellung einer Tapisserie ansässig sind – vom Wollproduzenten bis zum Händler. 2009 wurde die Tapisserie von Aubusson ins immaterielle Kulturerbe der UNESCO aufgenommen. Von Madame Chirac führte uns der Weg ins Musée Départemental de la Tapisserie. Dieses noch junge Museum präsentiert die jahrhundertelange Produktion von Aubusson und Felletin in ständig neuen Ausstellungen: Landschaften, Illustrationen von Romanen, der Mythologie, der Bibel, Lebensart. Zuletzt wurde 2012 ein Kunstwerk von Bina Baitel mit dem Grand Prix de la
Création für Design ausgezeichnet. Und da hier Tapisserie alles andere als museal ist, da die Fertigung lebt und den Weg in die Moderne gefunden hat, wird das Museum derzeit in eine Cité Internationale de la Tapisserie et de l´Art tisse erweitert, in der dann alle Aspekte unter einem Dach sind, Fertigung und Aufbewahrung, Design und Forschung.

Der Lac de Vassivière

Den Lac de Vassivière erreichen wir an einem unbefestigten Weg, der direkt am See entlang führt und immer wieder Aussichten über seine Wasseroberfläche anbietet. Da das Wetter launisch ist, entstehen Bilder aus Himmel, Wäldern und See, die eigentlich sofort nach dem Malblock rufen. Den haben wir aber nicht dabei und auch kein Zeit, denn wir wollen möglichst noch vor dem Unwetter, das seine Vorboten über den Himmel schickt, am Ziel sein, einer Insel, die einmal ein Berg war, der dann das Glück hatte, aus dem aufgestauten Wasser zu ragen. Gekrönt wird der Berg von dem Schloss der Familie Vassivière, die durchsetzen konnte, dass der See ihren Namen tragen durfte. Ein Angestellter kann noch die Geschichte erzählen, wie aus dem Berg eine Insel wurde, aber wir bekamen ihn nicht zu Gesicht. Mit 1000 ha ist der Lac heute einer der größten Seen des Limousin und bietet für seine Besucher ein vielfältiges Gebiet für Erholung und Aktivitäten, von feinsandigen Stränden bis zum Segeln, sogar eine Kreuzfahrt auf einem Restaurantschiff ist im Angebot. Wir hatten gerade das Schloss erreicht, als es auch schon anfing, aus allen Schleusen des Himmels zu regnen.

Natürlich hat die Kunst auch hier ihren Platz. Ins Schloss werden jedes Jahr Künstler eingeladen, die mit ihren zeitgenössischen Werken nicht nur die Landschaft verschönen, sondern die neben einem Leuchtturm eine Halle haben, in der Ausstellungen durchgeführt werden. Man ist verblüfft, wie selbstverständlich und harmonisch neben dem alten Landgut der Familie Vassivière ein internationales Zentrum für Kunst und Landschaft (Centre international d’art et du paysage) auftaucht – ein Werk der Architekten Aldo Rossi und Xavier Fabre, welches als Kulturerbe des 21. Jahrhunderts gilt. Überrascht erfahren wir auch, dass die Fahrt mit dem Wassertaxi, das uns zu unserem Übernachtungsplatz bringt, kostenlos ist. Und übernachtet haben wir auf einem Campingplatz in fest aufgestellten, modernen, einfachen Häusern, die man preiswert mieten kann. Camping ist im Limousin eine empfehlenswerte Art, preiswert zu wohnen. Weiter im Süden gibt es beispielsweise den Campingplatz L'Ecrin Nature in der Nähe des Sees Jonas bei Ambazac, der einen atemberaubenden Blick auf die Monts d’Ambazac bietet.

Ja, und das Limousin ist nicht nur der Wortgeber für Autotypen und grasende Rinder. Die Hauptstadt Limoges steht für Porzellan. Feines Limoges trat seinen Siegeszug um die Welt an, als 1767 bei Saint-Yrieix-la-Perche, 40 km südlich der Haute-Vienne, Kaolin gefunden wurde, die seltene Grundsubstanz für das weiße Gold. Als Luxusprodukt ziert Porzellan aus Limoges die edlen Tafeln der Welt: Präsident Lincoln, Elisabeth II., der Elysée Palast, der Kaiser von Japan, sie alle lieben Limoges. Aber ob diese auch Limousinen fahren und sich gleichnamige Rinder auf den Teller legen lassen, ist nicht bekannt.

Information: http://de.rendezvousenfrance.com/de/...im-limousin