Was sagen die Chinesen, wenn sie "schneller" meinen?

Beitrag von wize.life-Nutzer

Zusehens mehr Menschen besuchen das Reich der Mitte. Über Jahrzehnte sind leider über China viele Lügen und Halbwahrheiten verbreitet worden. Doch jetzt dreht sich die Stimmung. Nicht allein weil China bald die größte Wirtschaftsmacht der Welt sein wird, wenn sie es nicht jetzt schon ist. Rechnet am nämlich die rund 110 Millionen Chinesen im Ausland dazu, die eng zum Mutterland stehen, dann kommt ein gigantisches Potential zusammen. Allein die Auslandschinesen erwirtschafteten seit Jahrzehnten ein höheres Sozialprodukt als Deutschland. Für die Reisenden ist es deshalb wichtig und spannend mehr über das wirkliche Leben in diesem großen Land zu erfahren.

Schneller, schneller

Wenn die derzeit noch 1,3 Millionen Chinesen den Begriff "schneller" gebrauchen, dann sagen sie: "benschi, benschi". Vielleicht erraten sie es? Das Wort stammt von der Automarke "Benz",
die jeder kennt und ein Begriff für flottes Tempo geworden ist. Mit "BMW" kann keiner in China etwas anfangen. Dort heisst die Marke "Schnelles Pferd". Das hängt schlicht damit zusammen, dass man in China Begriffe suchen muss, die bereits vorhanden sind, oder man setzt neue Wörter aus Namen und Silben gebräuchlicher Begriffe zusammen. Es funktioniert.

Starke Frauen

Wer der Frage nachgeht, warum es in China einen atemberaubende Fortschritt gibt,
während Indien wahrscheinlich zum großen Sorgenkind der Zukunft wird, kommt schnell
auf eine wichtige Erklärung: es sind die bewundernswerten dynamischen Frauen. Es dürfte
wahrscheinlich kein Land auf der Welt geben wo es eine so selbstvstverständliche Gleichberechtigung gibt. Die Ursache liegt wahrscheinlich in der jahrhundertelang notwendigen Zusammenarbeit in der Landwirtschaft, wo Männer und Frauen, Ortsvorsteher und alte Menschen gleichberechtigt zusammenhalten mussten, um beispielsweise die aufwändigen Bewässungssysteme für den Reisanbau zu pflegen. Es gäbe unzählige Beispiel für diese Leistungen der Frauen.
So ist die Chefin der mittlerweile riesigen Messe in Shanghai, an der übrigens die Messe
München beteiligt ist, eine Dame, die noch vor 20 Jahren eine Schneiderei mit 3 Mitarbeiterinnen
geleitet hat. Der größte Suchmaschinenkonzern Asiens, er produziert auch Funkanlagen und fast alles was zum Internet gehört, wurde von einer Frau aufgebaut, die vor 30 Jahren einen
kleinen Gemüsestand ihr eigen nannte. Heute ist sie Chefin von rund 800 00 Mitarbeitern
und kommt jetzt mit dem Unternehmen "Beidu" auf den europäischen Markt. Die Frauen machen das, was ihnen gefällt: Handel und Geld verdienen, an Politik oder Dienst im Militär haben sie kein Interesse. Ihr Einflusss dürfte aber mindestens so groß sein, wie die Macht der Parteisekretäre,
die in der Tradition der Mandarine das Land zusammenhalten.

Schlau, schlau

Chinesen sind selbstbewusste Menschen, ihre Heimat sind die großen Familienverbände die
sich einmal im Jahr zum Frühlingsfest, dem dortigen Jahresbeginn treffen. Dann sind alle auf den Beinen, sie kommen aus der ganzen Welt zusammen und feiern und planen neue Geschäfte.
Den Staat halten sie für notwendig, die Partei, aber nicht alle ihre Funktionäre wird geschätzt, weil
sie den Aufschwund ermöglicht hat, aber geliebt wird nur der eigene Familienclan. Wenn der
Staat etwa durchsetzen will, dann muss er Härte zeigen , was in Europa oft missverstanden wird.
Und die Partei muss den Sprung vom Mittelalter in die digitale Zeit organisiseren in einem wahnwitzigen Tempo. Da wird an einem Tag der Gebrauch von Plastiktüten verboten. Zwei
Wochen später dürfen in Peking keine Mopeds mit Benzinmotor mehr fahren, sondern nur noch
Elektroroller. Derzeit wird in ganz Südchiana die Speisekarte verändert, statt Reis gibt es, wie jetzt schon im Norden, künftig nur noch Nudeln. Getreide braucht viel weniger Wasser zum Anbau.
Und so geht es blitzartig Tag für Tag. Glauben Sie, dass man etwa eine derartige Umweltpoltik
im Stile unseres Bundestages umsetzen könnte? Und dies in einem Riesenreich mit schlauen
Bürgern. Aber auch der Staat ist nicht dumm: um eine Steuerehrlichkeit gerade in der Gastronomie und im Kleingewerbe durchsetzen zu können: gilt folgende Regel: der Gast muss ein eine Quittung erhalten. Schön und gut: Aber an der Quittung hängt ein Coupon, den der Gast ausfüllen und in jeden Briefkasten einwerfen kann. Damit nimmt er an einer Lotterie teil, die wöchentlich rund 100 Millionen Euro umgerechnet auswirft. Das ist billiger und wirkungsvoller als eine Heerschar von Steuerprüfern durchs Land zu schicken.

"Bayern München" über alles

Zwar sind die Chinesen keine erfolgreichen Fußballer, wenn man sich schon körperlich anstrengt muss es gleich Geld bringen, aber zuschauen will man gerne. Das 4. Fernsehprogramm des gigantischen staatlichen Fersehens, nämlich CCTV, über Internet auch in Deutschland empfangbar,
übertragt praktisch jedes Bayern-Spiel. Die Münchner Mannschaft ist sogar im chinesischen Toto aufgeführt.
Und wenn wir schon beim Sport sind, dürfen wir eine junge, schöne deutsche Frau nicht vergessen, die praktisch fast alle Chinesen kennen und verehren, ein Dauergast im dortigen Fernsehen und sie hat die Wertschätzung für Deutschland fast genauso stark gefördert, wie Franz
Josef Strauß. Der CSU-Politiker hat in einem längeren Gespräch den damals schon sehr kranken
Mao überzeugen können, dass er das Land gen Westen öffnen muss, um nicht in die totale Abhängigkeit von der Sowjetunion zu geraten. Anderntags erhielt der aufstrebende Politstar Deng die Vollmacht, alle sinnvollen Vorschläge des Bayern aufzugreifen. Strauß gilt in dem traditions-bewusstem Land als die entscheidende Persönlichkeit, die eine Westöffnung und damit den Aufbruch zum Wohlstand angestossen hat.

Die Kämpferin

Sie ist beliebt, wird bewundert und verehrt: Britta Heidemann. Die Kölnerin, Jahrgang 1982, ging mit fünfzehn Jahren in Peking zur Schule, studierte Regionalwissenschaften Chinas und sprich fließend Mandarin. Bei den Olympischen Spielen 2008 verwirklichte die Degenfechterin ihren Traum und holte Gold. Die Spitzensportlerin hat jetzt ein großartiges Buch veröffentlicht., dass praktisch für jeden Chinabesucher zur Pflichtlektüre gehören sollte. Unter dem Titel "Willkommen im Reich der Gegensätze" bringt sie einem eine völlig andere Kultur näher. Vieles was wir nicht verstehen und falsch aufnehmen, erscheint plötzlich unter einem neuen Blickwinkel. Eine große Rolle spielt für die Chinesen die "Wahrung des Gesichtes". Dies gilt für den Einzelnen wie für den Staat. Nehmen wir nur das Thema "Demonstrationen". Das Innenministerium in Peking veröffentlicht in seinem Jahresbericht, den jeder lesen kann, dass es insgesamt in einem Jahr rund 170 000 Demonstrationen im Lande gegeben habe, meist wegen lokaler Konflikte. Aber man sagt: dies gehe nur das eigenen Land an. Berichte darüber ins Ausland verletzten die "Wahrung des Gesichtes".
Britta Heidemann war für Deutschland auch deshalb ungeheuer wichtig, weil sie sich bei den Olympischen Spiele für die Chinesischen Überlegung eingesetzt hat, während in unseren Massenmedien geradezu gehässig berichtet wurde und unsere Bundeskanzlerin einen unverzeihlichen Fehler machte. Als wahrscheinlich einzige führende Weltpolitikerin ist sie nicht nach Peking gefahren, weil sie aus ihrer DDR-Vergangenheit wohl einen sehr verengten Blick hatte und falsch beraten wurde. Da hilfte es jetzt auch nicht, dass sie - man kann es nicht anders sagen - den Versuch macht - sich im Kaiserpalast einzuschleimen.
Eine kleine Geschichte am Rande: kürzlich haben sich die Chinesen bei deutschen Managern über die aus ihrer Sicht "schlechte" Presse beschwert. Es dauerte keine 3 Wochen, da wurde der besonders kritische Büroleiter des ZDF in Peking nach New York versetzt. Die CDU hat im entscheidenden Fernsehrat des ZDF viel Einfluß. Und plötzlich tauchten bisher nie gesehene
Berichte auf, etwa über die enge wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen den Unis beider
Länder. Wahrscheinlich ein Zufall.

Menschenrechte und Demokratie

Zunächst: die Medien in China sind zumindest ebenso frei wie die in Deutschland. Es gibt Tabus:
Tibet, Studentenrevolte, Zensur im Internet. Doch gibt es in Deutschland keine Tabus, bei deren Verletzung man sogar in den Knast kommt? - Sicher, dahinter stehen jeweils andere Kulturkreise, aber die westliche Oberlehrerart, ist auch nicht zielführend. Die stellvertretende chinesische Außenministerin sagte gegenüber Frau Clinton: bei uns sind Menschenrechte eine volle Reisschüssel, ein Gesundheitsversorgung für möglichst alle Bürger und nicht das Recht
seine Wohnung zu verlieren, weil das Kapital es will und unter Brücken frei dahin zu vegetieren.
Zuhaus musste sich Frau Clinton der Kritik stellen, weil sie sich nicht zur Wehr gesetzt haben. Darauf Frau Clintion: Verhandeln sie einmal mit ihrem Banker. In den Safes der Pekinger Staatsbank ruhen schätzungsweise 5 Billionen US-Schuldverschreibungen.

Weltmacht China

Es ging praktisch Ende des Mittelaltern nur um Stunden, sonst wäre Nordamerka vielleicht heute
Chinesisch. Eine Flotte mit rund 4000 Schiffen war auf dem Erkundungsweg nach dem späteren
Amerika. Doch etwa 200 Kilometer vor der Küste verstarb in Peking der Kaiser. Sein Nachfolger hielt nichts von dem Projekt und beorderte die Armada sofort zurück. Im 16. Jahrhundert herum
pflegte der Bayerische Regent Maximilian einen regen Warenaustausch mit China, das in der damalig bekannten Welt einen Anteil an der gesamten Wirtschaftsleistung von annähern 46 Prozent hatte. Dies dürfte auch eine realistische Grenzmarke sein für die Chinesische Ökonomie.
Erst kürzlich hat sich Peking unter der Federführung des russischen Päsidenten Putin zusammen
mit Brasilien, Südafrika und Indien zu einer Wirtschaftsunion zusammen geschlossen und den
Aufbau einer zweiten Weltbank beschlossen, die auch für Entwicklungsländer enorm wichtig ist
und den Einfluss der USA auf Dauer dramatisch schwächt.
Eine erste Bewährungsprobe hat sie schon bestanden: nachdem ein Richter in den USA Argentinen an den Rand der Staatpleite getrieben hat, saniert China mit seiner neuen "Weltbank" den Haushalt des südamerikanischen Staates praktisch aus der Portokasse. Es ging geschätzt um "schlappe" 10 Milliarden Dollar.
Die Schlussfolgerung ist: Europa macht sich keine Freude Russland in die Arme Pekings zu treiben, das derzeit praktische alle Sanktionen ignoriert und den Russen Kredite besorgt, die sie fast zinslos in Europa einsammelt und alle Waren liefert wonach Putins Herz begehrt.

Wie demokratisch kontrolliert sind 40 000 EU-Bürokraten in Brüssel?

Beim Stichwort Demokratie erlebt man zwei Reaktionen: einmal suchen die Chinesen verzweifelt nach einem neuen Namen für Ihre "Kommunistische" Partei. Ein großes Preisausschreiben soll den Einfallsreichtum fördern, denn so viele Millionäre wie im Pekinger Volkskongress gibt es in keiner anderen politischen Versammlung. Zum anderen wissen die ausgezeichneten Führungskräfte in Peking, dass die Beamten der EU, die sich mit den krummen Gurken beschäftigen, praktisch keinerlei demokratische Bestätigung haben. Hinzu kommt: in den zwanziger und dreisiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatte man in China so etwas wie Demokratie: es endete in einem fürchterlichem Bürgerkrieg, einem Massenelend, einem Niedergang ohnegleichen. Gerade deshalb reagiert man auf den Begriff Demokratie nach unseren Strukturen sehr allergisch. Gleichwohl sucht die ungemein einflusreiche Akademie der Wissenschaft nach Wegen, die Macht der Bürokratie zu begrenzen. Teilweise haben diese Aufgabe die Medien schon übernommen.
Und für alle Skeptiker ein tröstlicher Gedanke: China hat keine Weltkriege angezettelt oder Weltpolizist gespielt, der praktisch seit Vietnam auch jeden teueren Krieg verloren hat. Denn Kriege stören das Geschäft. Da kauft man lieber Zug um Zug in Afganistan eine Rohstoffmine nach der anderen, ob bei der korrupten Regierung, die auch unter deutschem Schutz Rauschgift anbaut wie noch nie, oder man sichert sich die Vorkaufsrechte beim fanatischen Taliban.
Wer im Westen Angst vor China hat, sollt lieber in sich kehren, die Selbstzerstörung beenden, das Geld nicht für demokratische Frühlingshoffnungen zum Fenster hinaus werfen um eine noch brutalere Situaution zu schaffen, sondern Investieren, die Kriegstreiberei beenden und die Zukunft
der Kinder sichern. Sie hängt nicht von der Frage ab, wer in Kiew regiert, sondern von der verdrängten Sorge, dass auch in Deutschland die Wirtschaft nicht mehr ausreichend investiert.
Der Altmeister der politischen Intrige und Volksverdummung, C. Machiaveli, wusste es genau:
Je trotzloser die Lage im eigenen Land ist, umso mehr muss man einen äusseren Feind pflegen und aufbauen. Deutschland - so der "Spiegel" verfällt in einem "Bröckelstaat".


Karl Jörg Wohlhüter


Buchhinweis: Britta Heidemann - Willkommen im Reich der Gegensätze - China hautnah
erschienen bei Lübbe