Stille über dem Lago Maggiore
Stille über dem Lago MaggioreFoto-Quelle: Emanuel Keller/www.pixelio.de

Stille über dem Lago Maggiore

Beitrag von wize.life-Nutzer

Es war im Jahre 1972. Sie, damals noch blutjung, gerade mal 19 Jahre, hatte schon damals den Hang zu Spontanentschlüssen und - reisen. So zog es sie ins Tessin, an den herrlichen Lago Maggiore, genauer gesagt nach Locarno. Sie war in männlicher Begleitung, doch spielt das in dieser Geschichte eine eher untergeordnete Rolle...

Frühmorgens, als noch die Nebel über dem See lagen, machte sie sich auf, um eines der oberhalb des Sees gelegenen Bergdörfer zu besuchen. Es versprach ein sonniger Tag zu werden, denn je höher sie stieg, desto wärmer wurde es und bald schon brannte die Sonne mit ihrer ganzen Kraft vom azurblauen Himmel. Dann, endlich, hatte sie ihr Ziel erreicht. Sie stand nun auf der Bergspitze und vor ihr lag, wie im Dornröschen -schlaf versunken, ein altes Bauerndorf. Still war es hier oben, fast kein Laut war zu hören. Lediglich eine Hummel, die vorbeiflog, um sich dann auf dem Blütenkelch einer der wildwachsenden Blumen niederzu- lassen, durchbrach diese Stille. Zu wohnen schien hier niemand, zumindest sah sie keinen Menschen, während sie durch die schmalen, engen Gassen wanderte. Die Häuser waren alt und aus Steinen gebaut und auch auf den Dächern lagen Steine, wohl, um das Dach bei Sturm zu beschweren. Sie lief vorbei an verwilderten Gärten und an früchteschwe- ren Feigenbäumen. Teils lagen die Feigen, schon aufgeplatzt, auf den Wegen und verströmten ihren süßlichen Duft.

Nach einigen Gehminuten kam sie auf einen kleinen Platz, davor eine alte, verlassene Kirche. Die schwere Eingangstüre mit dem großen, eisernen Türknauf liess sich nur schwer öffnen. Im Inneren roch es leicht muffig, trotzdem war es angenehm hier zu verweilen, denn dort war es schattig und kühl. Den Altar zierte ein schlichtes Holzkreuz, das mittig darüber- hing, darunter stand eine wunderschöne Madonnenfigur. Frische Blumen in allen erdenklichen Farben schmückten die freien Flächen rund um den Altar. Sie setzte sich einige Minuten auf eine der altersschwachen, knarrenden Kirchbänke und genoss die anrührende, wenn auch schlichte Atmosphäre des Raumes. Als sie wieder nach draussen ging, musste sie die Augen zusammenkneifen, da das grelle Licht der Sonne so sehr im Gegensatz stand, mit dem des schattigen, frommen Ortes.

Vor dem Kirchplatz setzte sie sich auf den von der Sonne ausgedorrten und mit spärlichen Halmen bewachsenen Hügel. Von hier hatte sie einen atemberaubenden Blick auf den Lago Maggiore. Wie bunte Farbkleckse schienen die kleinen Boote, die sich nun, in der Mittagshitze, auf dem See tummelten. Sie entdeckte sogar das kleine Eiland, die Isola Bella, in der Mitte des Sees. Fast fühlte sie sich hier oben, als ob sie alleine auf der Welt wäre, währenddessen, weiter unten, das Leben stattfand. Selten hatte sie sich freier gefühlt, als gerade in diesem Moment, hier oben! Sie zuckte zusammen, als plötzlich die Glocken der nahen Kirche erklangen. Sie brachten sie zurück in die Wirklichkeit und mahnten sie zum Aufbruch. Noch einmal sah sie hinunter auf den See, der im flirrenden Sonnenlicht golden blinkte, dann machte sie sich auf den Rückweg, nicht ohne sich noch einmal umzublicken, um den Frieden dieser Landschaft mitzunehmen, auf den Weg hinunter, zu den Menschen.


Foto: Emanuel Keller / www.pixelio.de