Rudi Krannich erklärt den Kickelhahn
Rudi Krannich erklärt den KickelhahnFoto-Quelle: hhh

Zu Goethe auf den Kickelhahn

Hans-Herbert Holzamer
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

"Über allen Wipfeln ist Ruh." Die Kenntnis dieses Goethe-Gedichts gehört zur Grundausstattung eines jeden gebildeten Deutschen. Aber wer weiß schon, wo es entstanden ist? Und wer war schon einmal an diesem Ort? Wir folgten der Einladung, und fanden uns am Sonnabend, dem 25. Oktober 2014, am Treffpunkt an der Festhalle in Ilmenau ein, um mit dem zertifizierten Natur- und Landschaftsführer Rudolf Krannich zu einer fünfstündigen Tour aufzubrechen. Ilmenau ist eine angesehene Universitätsstadt in Thüringen, nennt sich zusätzlich "Goethestadt". Und jetzt weiß so mancher schon, wo es hinging: auf den Kickelhahn.

Wir waren eine kleine Gruppe, überwiegend Einheimische, die viel erzählen konnten, wie sie sich gegenseitig halfen in einer Stadt, in der jeder jeden kannte, die in DDR-Zeiten in einem Tal der Ahnungslosen lag, wo man aber mit einer selbstgebauten Antenne im Wald zumindest Kimbel auf der Flucht im Westfernsehen gucken konnte. Sie erzählten, wie es zu ihrer zweiten Persönlichkeit wurde, auf das zu achten, was sie wem sagen, und wie überrascht sie sind, dass sie heute frei heraus reden können. Obwohl die friedliche Revolution jetzt ein Vierteljahrhundert her ist, auch an diesem Morgen dauerte es eine Weile, bis die alten Vorsichtsmaßnahmen wichen.

Mit Rudi Krannich

"Rudi" Krannich, der selbst in der Glasindustrie gearbeitet hatte, die einst die Stadt prägte, bis sie verschwand, und der sich als Naturführer eine neue Aufgabe gesucht hat, trug zu dieser offenen Atmosphäre nicht nur mit Goethe-Versen, sondern auch mit in kleinen Fläschchen angebotenem Kräuterschnaps bei. "Über allen Gipfeln ist Ruh, in allen Wipfeln spürest du kaum einen Hauch." Es gibt einen Weg, der in den Karten eingezeichnet ist und den man aufgrund der guten Ausschilderung auch leicht findet. "Aber den kann jeder", sagt Rudi und zieht mit uns durch Fichten-, Buchen- und Mischwälder, auf Pfaden, die nach spendablen Gästen und Einwohnern von Ilmenau benannt wurden, die im 19. Jahrhundert zum Aufschwung der Bade- und Kuranlagen beitrugen. Da gibt es einen Treskow-Pfad , die Hertzer Promenade und zahlreiche nach lokaler Prominenz benannte Ruhegrotten und Sitznischen, viele Erinnerungstafeln und Denkmäler und einige versteckte Quellen, die Sophien- und die Zinksquelle, die Rudi natürlich alle kennt. Mit dem Ersten Weltkrieg kam der Kur- und Bäderbetrieb zum Erliegen, die Promenaden in Vergessenheit, vieles verfiel oder verschwand ganz. Erst in den letzten Jahren wird der Wald unterhalb des Kickelhahns langsam wieder wachgeküsst. Natürlich hilft Goethe dabei. Wobei ein großer Bereich nicht mehr angefasst wird, weil er Teil des Biosphären-Reservats und UNESCO-Naturerbes Vessertal werden soll.

Die übrigen Namen der Geehrten sagen uns wenig, aber im einstigen Kur- und Bäderbetrieb muss es recht locker zugegangen, gab es doch spezielle Räume, den Kontakt zu fördern und zu pflegen. Vermutlich schwebte der Geist des großen Dichters durch die Wälder. Wird doch behauptet, dass sich fast alle Einwohner von Stützerbach für Goethes Nachfahren halten und dies mit ihrer markanten Kinnform zu belegen zu suchen.
Rudi kennt viele Geschichten, und die Einheimischen, die ihn begleiten, scheinen vor allem deswegen mitzukommen, um eigene Anekdoten zum Besten zu geben. Natürlich hatten auch die DDR-Größen in Person von Walter Ulbricht hier ihr Jagd-Revier, aber da kamen Normalsterbliche nicht hin. So verging die Zeit und die Bewältigung des Höhenunterschied von den 450 Metern der Parkanlage Ilmenaus bis zur Spitze des Kickelhahns auf 861 Meter wie im Fluge. Oben erwartete uns eine Wirtschaft, die für ihre Trink-Schokolade berühmt ist, der wir indes das Mittagsgericht, eine Linsensuppe, abkauften und nicht enttäuscht wurden.

Maria Pawlownas Turm

Zuvor bestiegen wir indes die 107 Stufen des Marienturms, der aus den Bäumen der bewaldeten Bergspitze emporragt und einen wunderschönen Rundblick ermöglicht. Natürlich hat er eine Geschichte, und natürlich kennt sie unser Naturführer Rudolf Krannich, den alle Rudi nennen. 1852 wurde auf dem benachbarten Schneekopf in Sachsen-Gotha ein steinerner Turm errichtet. Als Großherzog Karl Friedrich und seine Frau Maria Pawlowna im Herbst dieses Jahres den Kickelhahn besuchten, hörten sie von den Wünschen der Bevölkerung, es den Nachbarn auf dem höchsten Berg von Sachsen-Weimar-Eisenach gleichzutun. Die Herzogin spendete zunächst 1000 Taler als Grundstock. Die Bausteine für den Turm lieferte der Berg selbst. Heute ist er der älteste erhaltene Aussichtsturm im Thüringer Wald, nachdem der Schneekopfturm nach dem Zweiten Weltkrieg abgerissen wurde. Eine Tafel verrät uns, dass wir ins nördliche Vorland des Thüringer Waldes bis nach Gotha, Erfurt und Weimar blicken. Und wäre das Wetter sehr gut gewesen, hätten wir sogar den Brocken im Harz sehen können. Nach Süden und Westen reicht der Blick bis zum Kamm des nahen Thüringer Waldes am Rennsteig. Der markante Schneekopf ist auch ohne Turm höher. Nach Südosten ist das Thüringer Schiefergebirge zu sehen.
Nach Marienturm und Linsensuppe ging es dann weiter zum Goethehäuschen; dann zum großen und kleinen Hermannstein. Leider ist das Goethehäuschen eine Replik, weil das originale abgebrannt ist. Trotzdem erkennt man es an den Zeichnungen, die einen greisen Dichterfürsten vor ihm zeigen, sofort. In den Aufzeichnungen des Berginspektors Johann Christian Mahr, der Goethe begleitete, heißt es, und Rudi liest es vor: "Beim Eintritt in das obere Zimmer sagte er: Ich habe in früherer Zeit in dieser Stube mit meinem Bedienten im Sommer acht Tage gewohnt und damals einen kleinen Vers hier an die Wand geschrieben. Wohl möchte ich diesen Vers nochmals sehen und wenn der Tag darunter bemerkt ist, an welchem es geschehen, so haben Sie die Güte mir solchen aufzuzeichnen. Sogleich führte ich ihn an das südliche Fenster der Stube, an welchem links mit Bleistift geschrieben steht: Ueber allen Gipfeln ist Ruh, In allen Wipfeln spürest du kaum einen Hauch." Das kannten wir inzwischen, aber das Ende trieb uns das Wasser in die Augen: "Es schweigen die Vöglein im Walde; warte nur, balde ruhest du auch. Goethe überlas diese wenigen Verse", zitiert Rudi weiter aus den Aufzeichnungen von Mahr, "und Thränen flossen über seine Wangen. Ganz langsam zog er sein schneeweißes Taschentuch aus seinem dunkelbraunen Tuchrock, trocknete sich die Thränen und sprach in sanftem, wehmüthigem Ton: Ja warte nur balde ruhest du auch!, schwieg eine halbe Minute, sah nochmals durch das Fenster in den düstern Fichtenwald, und wendete sich darauf zu mir, mit den Worten: Nun wollen wir wieder gehen."

Wir fühlen uns Goethe nah

Wir fühlen uns in diesem Moment Goethe wirklich so nah, als wären seit dem 1831 nicht fast 200 Jahre vergangen. Da hatte Goethe noch ein Jahr zu leben. Das Gedicht hatte er am 6. September 1780 geschrieben, von Lebensmüdigkeit war da keine Spur. Den Felsen Großer Hermannstein erklimmen wir über eine gut gesicherte Leiter und unterhalb kriechen wir andächtig in die Höhle, die Goethe mit Charlotte von Stein teilte, als sie ihn im Sommer 1776 in Ilmenau besuchte. „Sie ist mein geliebter Aufenthalt, wo ich möchte wohnen und bleiben", sagte er, hier er gearbeitet und gezeichnet. Sein letzter Besuch dort ist auf den 29. August 1813 datiert. Und der Heimatforscher Willi Ehrlich meint, sagt uns Rudi, dass er die Ursache für folgenden Vers war:
„Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt,
Die Riesenfichte, stürzend, Nachbaräste
Und Nachbarstämme quetschend niederstreift
Und ihrem Fall dumpf und hohl der Hügel donnert,
Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime, tiefe Wunder öffnen sich.“

Unbestritten ist jedenfalls, dass Goethes bekannte Zeichnung des Blicks vom Kickelhahn auf die „dampfenden Täler“ des Thüringer Waldes im Sommer 1776 für Charlotte von Stein entstanden ist. Belegt ist, dass Goethe insgesamt 28 Mal in Ilmenau zu Besuch war, irgendeinen Beleg ihrer Abstammung müssen ja die Stützenbacher haben. Und er wanderte zwischen 1780 und 1831 mehrmals zum Kickelhahn, meist als Begleiter von Herzog Carl August von Sachsen-Weimar. Belegt ist auch, dass der Einäscherer des Jagdhäuschens "vom großherzoglichen Kreisgericht Arnstadt Schuldige wegen fahrlässiger Brandstiftung zu zwei Monaten Gefängnis verurtheilt wurde." Heute kann man im nachgebauten Inneren des Goethehäuschens das Gedicht „Wandrers Nachtlied“ in 16 Sprachen lesen. Und einen Kickelhahn-Psalm gibt es auch:
Ehre sei Gott in der Höhe!
Er hat die Berge so hoch gestellt,
Und tat damit seine Weisheit kund,
Damit nicht jeder Lumpenhund,
Mit denen die Täler so reichlich gesegnet,
Dem frühlichen Wandrer hier oben begegnet.

So führen wenn nicht alle, so doch mehrere Wege auf den mythischen, den heiligen Kickelhahn: Der direkte Weg von Ilmenau beginnt am Stadtrand in der Waldstraße und führt steil und relativ geradlinig über die Hohe Schlaufe zum Kickelhahn. Der Aufstieg von der Stadt dauert über diesen Weg etwa eine Stunde. Ein zweiter populärer Wanderweg zum Kickelhahn beginnt am Wanderparkplatz an der Herzogröder Wiese am Oberlauf des Gabelbachs in etwa 700 Metern Höhe an der Straße von Ilmenau nach Neustadt am Rennsteig. Hier führt ein gut ausgebauter Fahrweg in etwa dreißig Minuten zu Fuß auf den Gipfel. Weniger steil ist der Panoramaweg, der ebenfalls am Wanderparkplatz beginnt und zunächst nördlich um den Gipfel herum und erst dann nach oben führt. Außerdem besteht auch von Manebach aus ein Wanderweg auf den Kickelhahn, dieser verläuft über die Hermannsteine. Auch die Touristen-Route Goethewanderweg verläuft über den Gipfel.

Aber am Schönsten ist es mit Rudi Krannich, weil er seine eigenen Wege findet. Und wenn wir wiederkommen, will er mit uns um 4 Uhr morgens von der Festhalle Ilmenau aufbrechen, um auf den Kickelhahn den Sonnenaufgang zu erleben. Das sollte jedenfalls zur Grundausstattung eines romantischen Deutschen gehören.

Information
http://www.gipfeltour.com/
http://www.ilmenau.de/532-0-Kickelhahn.html
http://www.biosphaerenreservat-vessertal.de/