wize.life
Neu hier? Jetzt kostenlos registrieren und mitmachen! Warum eigentlich?
Skilehrer Flo Köfer genießt einen Prosecco vom Pisten-Butler der Turracher H ...

Entschleunigung zwischen Berg und See

Von wize.life-Nutzer - Sonntag, 28.06.2015 - 18:18 Uhr

Die Überraschung wartet nach einer schönen Abfahrt durch duftende Zirbenwälder an der Talstation des Zirbenlifts. Hier trifft unsere kleine Gruppe gegen 12 Uhr auf Gertraud. Ihren knallroten Ski-Doo ziert vorne ein Mercedes-Stern. Hinten hat sie einen kleinen Tresen ausgeklappt. Drumherum steht bereits eine Traube fröhlich lachender Skifahrer, an die sie je ein Glas Prosecco ausgeschenkt hat. Auch Papiertaschentücher, Traubenzucker und Kinder-Lollis hat sie dabei. Gertraud trägt eine blaue Uniform mit goldenen Litzen – denn sie ist eine Pistenbutlerin. Der – für Gäste kostenlose – Pistenbutler ist eine Erfindung der Turracher Bergbahnen. Er lädt zum Verweilen, reicht Erfrischungen, oder er oder sie begleiten Gäste auch zu Schneeschuhwanderungen, zeigen Neulingen im Skigebiet die schönsten Hänge und sind beim romantischen Nachtrodeln dabei.

Nicht nur wegen des Pistenbutlers: Auf den Nockbergen bei der Turracher Höhe zwischen Kärnten und Steiermark ist der Winterurlaub neben leichter sportlicher Betätigung vor allem von Natur, Genuss und Besinnung geprägt. Entschleunigung zwischen Berg und See steht auf dem Programm. Im Vergleich zu den Skihochburgen wie Kitzbühel, Ischgl oder Sölden geht hier alles eine Spur genütlicher und beschaulicher zu.

Zur Erkundung des Skigebiets (1440 – 2200 Meter Meereshöhe) haben wir deshalb Flo Köfer gebucht. Der Inhaber der Skischule „snowlove“ kennt die Gegend, in der er aufgewachsen ist, aus der Westentasche. Lange Zeit war er zudem das, was man landläufig einen „wilden Hund“ nennt. Mehr als zehn Jahre tourte er mit der internationalen Freerider-Community durch meist recht spektakuläres und steiles Gelände, holte Pokale und spielte in Freerider-Filmen und Fotoshootings mit. Doch auch er ist ruhiger geworden. Vor einem Jahr gründete der 33–Jährige die Skischule und wurde in seiner beschaulichen Heimat sesshaft.

Auch Papa und Omi schaffen die "Funslope"


In der kurzen Zeit hat er schon sichtbare Spuren an einigen Hängen hinterlassen. „Ich versuche, ein wenig aus meiner Profizeit ins Skigebiet zu tragen, aber so, dass es vor allem für die Bedürfnisse von Familien und älteren Fahrern passt“, sagt er. Deshalb gibt s auf der Turracher Höhe jetzt nicht nur einen Top-Snowpark für Fortgeschrittene und Spitzenfahrer. Unter Flo’s Mitwirkung ist auch etwas entstanden, vom er sich auf seinen Reisen in die USA und Kanada hat inspirieren lassen: Eine „Funslope“ für Anfänger und Familien. „Die Funslope schaffen auch der Papi und die fitte Omi und können hier gemeinsam mit dem Nachwuchs Spaß erleben“, ist der Skilehrer überzeugt. Es gibt kleine Wellen, Kurven und sanfte Sprünge, Tunnels und eine Riesenschnecke. Eine erste Probefahrt beweist: Fährt sich leichter als es vom Skilift aus aussieht aussieht – und lustig ist es auch noch.

Aber das hochalpine Skigebiet mit wunderschönen Pisten und traumhaften Abfahrten hat auch ohne die künstlich angelegten Parks ihre Reize. Sicher, größere und berühmtere Skigebiete gibt es einige. Aber es ist aufgrund der Höhenlage das Schneesicherste Kärntens und liegt auf der Sonnenseite der Alpen. Zudem ist hier – in kleinerem Maßstab – auf 38 Kilometern Pisten alles an Schwierigkeitsgraden geboten. Gerade richtig für Familien und Genuss-Skifahrer, die nicht mehr die ganz große sportliche Herausforderung suchen. Auf der steierischen Seite ziehen sich die Pisten durch den Wald und sind windgeschützt, auf der Kärntner Seite beeindruckt bei klarem Wetter das großartige 360 Grad-Panorama. Die Verbindung der Steirer und Kärntner Pisten verläuft über den zugefrorenen Turracher See. Man kann selber die rund 300 Meter zwischen den Liften anschieben, oder sich von einem flotten Ski-Doo ziehen lassen.

Die "Nockberge" sind genau richtig für Skitouren-Einsteiger


Besonders interessant ist die Turracher Höhe speziell für den Einstieg ins Touren-Gehen. Die angenehme Neigung der Nockberge – benannt nach ihrem Aussehen wie Nocken – ermöglicht das Skitouren-Gehen bei fast allen Verhältnissen. „Man kommt immer gut rauf und auch wieder runter – entweder mit ein wenig Freeriding im Gelände oder über eine der Pisten. Daher muss man heute nicht mehr so der Bergfuchs oder Topsportler sein, um ein wunderschönes Naturerlebnis zu erfahren“, sagt Flo Köfer.

Zu Mittag schwingen wir ein in der gemütlichen AlmZeit-Hütte, direkt bei der Bergstation der Panoramabahn gelegen. Deftige Kärntner Spezialitäten wie eine Biersuppe – zünftig im Tonkrug serviert – oder Gröstl und Krustenbraten aus dem gußeisernen Reindl genießen wir hier in geselliger Runde. Auch die Preise sind hier eine Nummer kleiner als andernorts. Anschließend ruhen wir uns in einer der Kuschelecken auf der windgeschützten Holzterrasse ein wenig in der Mittagssonne aus.

Ein herrliches Bad bei 30 Grad im zugefrorenen See nehmen


Eine gute Stunde genießen wir dann noch die Pisten rund um den Kornock, bevor es zurück geht in unser Hotel. Das "Hochschober" wurde 1929 mit den ersten 30 Betten direkt an der Südseite des Turracher Sees eröffnet. Noch heute versprüht es im Innern einen Teil des ehrwürdigen Kärntner Charmes vergangener Zeiten, auch wenn es inzwischen zu einem exzellenten Wellness-Hotel ausgebaut wurde. Als erste Erfrischung lockt ein Bad im See. Obwohl rundherum zugefroren, kann man hier selbst im Schneetreiben auf 25 mal 10 Metern in rund 30 Grad warmem Wasser seine Bahnen ziehen. Möglich ist das durch ein weltweit einzigartiges patentiertes System, dass Peter Leeb, der inzwischen verstorbene Nachfolger der Hotelgründer, vor rund 20 Jahren selbst entwickelt hatte, weil ihm der auf knapp 1800 Meter Meereshöhe liegende See selbst im Sommer zu kalt war - er aber selber gerne darin schwimmen wollte. Edelstahl-Pontons grenzen die Schwimmfläche im See ab. Die seitlichen Abgrenzungen ragen drei Meter in die Tiefe, so bleibt das Wasser warm, aber ist dennoch frisch, weil das Becken unten offen ist.

Das Platzen jeder Luftblase geht bis in die Seele.

Der Weg zurück ist trotz des im Wärmeschrank aufbewahrten Bademantels bei minus drei Grad recht frisch. Doch statt in die großzügige und neu angelegte See-Sauna zieht es uns in den wunderbaren Hamam, eine Einrichtung, die man leider selten in Alpen-Hotels findet. „Ein Hamam ist weit mehr als ein Ort der Reinigung. Hier wird gebadet, massiert, geschwitzt und geschwatzt“, erzählt Hamam-Meister Mahir Öztürk. Seine Spezialität ist die „Sultan-Behandlung“ – eine etwa einstündige Behandlung mit Quellwasser-Güssen, Dampfbad – und Seifen-Schaum. Der Hamam-Meister deckt den gesamten Körper in ein dickes Schaumkleid. „Das Platzen jeder Luftblase geht bis in die Seele“, erklärt er den einzigartig prickelnden Effekt. „Manche Menschen spüren das.“ Anschließend beginnt er mit seiner kräftigen Massage, bevor weitere Wassergüsse folgen. Kneipp lässt grüßen. Den Abschluss bildet die Ruhe im „Sultans-Gemach“ bei süßen Köstlichkeiten aus 1001-Nacht und Tee aus dem Samowar.

Wohltuend ist auch eine Partnermassage beim Musiker und Körpertherapeuten Harald Kitz. In den kontemplativen Räumen des Chinesischen Turms massieren und behandeln sich Paare unter der humorvollen Anleitung des Trainers gegenseitig. Die nach ihm benannte HaKi-Methode tut vor allem kopflastigen Menschen gut, denn Sie entspannt gleichzeitig innerlich wie auch die obere Rücken- und Nackenmuskulatur. „Ich sehe und berühre Menschen wie Musikinstrumente“, so die Philosophie von Harald Kitz. „Bevor ich dem Korpus Mensch zu neuem Klang verhelfe, darf ich ihn gesundheitsvorsorgend nachstimmen.“

Im "Wortreich" warten 6000 Bücher aus Leseratten

Im wahrsten Sinne Raum für Musik bietet der Klangturm des Hotels. Gäste können sich dort zu einem flotten Jam oder einer Stunde gemütlicher Hausmusik zurückziehen. Im Inneren des Klangturms stehen auf drei Etagen Musikinstrumente wie Saxophon, Clavinova, E-Schlagzeug, akustische Gitarren und Ziehharmonika für Spielfreudige zur Verfügung. Man darf auch seine eigenen Instrumente mitbringen oder kann einen Anfängerunterricht buchen.

Äußere und innere Ruhe, aber auch eine gute Portion Bildung lässt sich mit romantischem Blick auf die verschneite Winterlandschaft ebenfalls finden: Im „Wortreich“ warten 6000 Bücher auf Leseratten, die sich dort bei knisterndem Kaminfeuer in eines der Werke vertiefen möchten. Übers Jahr finden zusätzlich immer wieder Lesungen im Hotel oder am Berg statt, zuletzt etwa mit der Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Nadine Kegele oder dem Philosophen Christoph Poschenrieder. Nach Abschluss seiner musikalischen Tournee suchte erst kürzlich Florian Grimm, Schlagzeuger der Band „Sportfreunde Stiller“ Ruhe im Hochschober und las abends für interessierte Gäste aus seinem Buch „Grimms Erben“. Im Sommer 2015 wird unter anderen Gertraud Klemm zu hören sein, Gewinnerin, des „Ingeborg-Bachmann-Publikumspreises 2014“.

Immer mehr Gäste wollen im Urlaub dazulernen und wissen, was mit Ihnen passiert.

Angebote wie diese, sind Dinge, die Hotelier Martin Klein sehr am Herzen liegen: „Der Urlaub bei uns soll eine gewisse Tiefe und Ernsthaftigkeit haben. Essen, Trinken, Schlafen und Wellness reicht vielen Gästen nicht mehr“, so der Hochschober-Inhaber. „Immer mehr Gäste wollen im Urlaub dazulernen und wissen, was mit Ihnen passiert. Sie möchten weniger konsumieren, sondern sich auf eine Sache konzentrieren können, wie zum Beispiel den Hamam oder die Literatur. Das macht den Urlaub auch im Nachhinein wertvoll. Einen Schuss Bildung mitzunehmen, das tut gut.“

Oder wie Harald Kitz es bei einer Nachtwanderung im Schneetreiben ausdrückt: „Die Menschen können hier in der Natur lernen, sich wieder mehr selber zu vertrauen. Wer sich selber vertraut, der stolpert auch im Dunkeln nicht über eine Wurzel oder ein Loch im Weg – und das gilt auch für das Leben daheim und im Beruf.“ Vorausgesetzt man ist im richtigen Tempo unterwegs. Aber Entschleunigung lässt sich ja lernen – zum Beispiel auf der Turracher Höhe.

Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.

wize.life News per Push Benachrichtigung in Ihrem Browser aktivieren

Benachrichtigungen aktivieren