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Jesus und Maria Magdalena

Die Grenze von Kunst und Propaganda: Im Cranachjahr 2015

Von wize.life-Nutzer - Donnerstag, 09.04.2015 - 17:10 Uhr

Wer kennt ihn nicht, wer hat nicht wenigstens ein Bild vom ihm gesehen, ein Marienbild, ein Bildnis Luthers oder Friedrichs des Weisen, eine Venus oder eine Lucretia? Die Rede ist von Lucas Cranach.

Auf dem Weg zur Wartburg

Wir sind auf dem Weg zur Wartburg. Der Fußweg ist streckenweise steil, er ist gelegentlich eng, aber der Frühling bringt erste Triebe, erste Knospen, erste wärmende Strahlen, selbst in die Drachenschlucht. Es nicht der direkte Weg, auf dem uns der Kuckuck mit seinem Gehämmer nach Insekten begleitet, aber über die Sängerwiese und vorbei am Cranach-Denkmal hat man genügend Zeit zu genießen, was einem sonst verwehrt ist: Wir sind deutscher Geschichte, deutscher Kultur nah, in einer angenehmen, nicht tümelnden, einer natürlichen und doch intellektuell anspruchsvollen Weise. Dies ist nur in Thüringen möglich, dieser Herzkammer der Nation, die - wer wollte es verschweigen - auch so schwer geschädigt war, das sie schier das Schlagen aufgeben wollte. Doch heute sind wir auf dem Weg zu der dritten Station der drei Cranach- Ausstellungen in Gotha, Weimar und auf der Wartburg, die sich unter dem gemeinsamen Titel "Bild und Botschaft" mit dem reformatorischen Bildprogramm befassen. Vergessen wir doch nicht, es nähert sich das 500. Reformationsjubiläum, und am 5. Mai eröffnet auf der Burg die große nationale Sonderausstellung "Luther und die Deutschen."
Cranach, Luther, während wir durch den grünenden Wald gehen, von Lichtungen aus öffnet sich schon der Blick auf Pallas und Turm, denken wir zurück, wie eingeschränkt wir noch vor wenigen Jahren, vor 25 Jahren waren. Wir, in den alten Bundesländer, waren auch hinter einer Mauer. Ohne dass man sich dessen immer bewusst war, war der räumliche, der intime Bezug zu Altmeistern deutscher Kunst und Kultur verloren gegangen. Wer sich interessierte, kannte italienische Renaissance und Barock. Dass es das auch in Deutschland gab, lag hinter einer Mauer - auch im eigenen Kopf. Bach und Liszt kannte man aus Konzerthäusern und von der Schallplatte. Die beiden Maler Lucas Cranach der Ältere und Lucas Cranach der Jüngere kannte man aus Katalogen. Wo sie lebten, wo sie arbeiteten, das war ewig weit weg, das war versunken. Jetzt wollen wir dies beenden, sie besuchen und zugleich auch diese Mauer im Kopf einreißen.

Nach einem Spaziergang von einer halben Stunde stoßen wir auf das Cranach-Denkmal an der Wartburgallee. Der geflügelte Lindwurm ist das Wappen der Familie, aber hier wird an einen jüngeren Cranach erinnert, an Hans Lucas von Cranach (1855–1929), einen Förderer der Eisenacher Kultur, Mitbegründer der Wartburgstiftung, des Thüringer Museums und des (Fritz) Reuter - (Richard) Wagner-Museums. Er war von 1894 bis 1929 Burghauptmann der Wartburg, deren Anstieg uns jetzt bevorsteht und die uns mit Lucas Cranach zusammenbringen soll.

Lucas Cranach, der Ältere (d.Ä.) wurde um 1472 in Kronach, Oberfranken, geboren, er starb am 16. Oktober 1553 in Weimar. Er war mit Marin Luther befreundet, druckte Flugblätter für die Reformation und war einer der spannendsten Künstler seiner Zeit, der den Gegensatz zwischen der sündhaften Prunksucht des Papstes und dem demütigen Leben Christi den Menschen sichtbar machte. In Thüringen verliebte er sich in eine Gothaerin, heiratete sie. In Weimar starb er. Wir haben zwei Tag zuvor sein Grab auf dem Weimarer Jakobskirchhof besucht. Neben zahlreichen Altarwerken und Gemälden wurde er vor allem durch Porträts seiner Dienstherren sowie der Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon berühmt. Seine Werkstatt, die mutmaßlich rund 5000 Gemälde verlassen haben, wurde von seinem gleichnamigen Sohn, Lucas Cranach der Jüngere (d.J.) fortgeführt.

Dieser wurde am 4. Oktober 1515 in Wittenberg geboren. Und diese Jahreszahl macht aus 2015 ein "Cranach-Jahr". Es schafft die beste Möglichkeit, sich mit der deutschen, künstlerischen Renaissance zu befassen, die beiden Bundesländer Sachsen-Anhalt und Thüringen haben Reise-Angebote erarbeitet. Oder man nimmt sich Zeit, wie wir es taten, und unternimmt Fußmärsche, um sich gedanklich vorzubereiten.

Lucas Cranach d.J. verstarb am 25. Januar 1586 im Alter von 70 Jahren in Wittenberg. Sein Leben lang stand er im Schatten seines Vaters. Noch heute ist er trotz seiner bildgewaltigen Formensprache, die die Themen der Reformationszeit in beeindruckende Kunstwerke fasst, vielen unbekannt. Doch er war wie sein berühmter Vater nicht nur ein virtuoser Meister seines Fachs, sondern auch ein wichtiger Wegbegleiter der Reformation und ein einflussreicher Kommunalpolitiker.

Eisenach, Gotha und Weimar

Von Ende März bis Mitte Juli 2015 zeigen Eisenach, Gotha und Weimar die Maler Lucas Cranach, beide werden vorgestellt: Vater und Sohn. Es lohnt es sich, eine Cranach - Rundreise durch das ganze Land zu planen. Denn überall finden sich Cranachs Spuren, auch in Erfurt und Neustadt an der Orla.

Vorgestern in Weimar

Vorgestern, vor unserem Besuch der Ausstellung "Cranach in Weimar" im Schillermuseum, sind wir die wenigen Schritte zu Herder- und Jakobskirche durch die Gassen der Stadt gegangen, standen an seinem Grab und der Grabplatte, die in die Kirchenmauer eingelassen ist. Sie zeigt das in Stein gehauene Porträt des Künstlers und zu seinen Füßen das Wappen seiner Familie. Die Grab ist mit Mutterboden bedeckt und mit Efeu überwachsen. Hier, am Fuß des südlichen Flügels der Jakobskirche liegt er mit 34 anderen Bürgern seiner Stadt. 2003, zum 450. Todestag, ließ die Stadt eine bronzene Gedenkplatte anbringen.

Im Schillermuseum an der Nordseite des Schillerhauses werden in einer von der Klassik Stiftung Weimar verantworteten Schau vier miteinander verbundene Themenkomplexe dargestellt: Das eröffnende Kapitel "Werk und Künstler" verknüpft Cranach-Werkgruppen, wie etwa zur Thematik "Gesetz und Gnade", mit Weimar als dem letzten gemeinsamen Wirkungsort von Vater und Sohn. Das zweite Kapitel "Glaube und Reformator" untersucht die Arbeit der Cranach-Werkstatt im Dienst der Reformation und ihrer Protagonisten. Daran schließt sich das Kapitel "Botschaft und Auftraggeber" an, das sich dem Cranach‘schen Wirken am Hof Johann Friedrichs des Großmütigen widmet. Das letzte Kapitel, "Rezeption und Betrachter", wirft Schlaglichter auf die Wirkungsgeschichte: Von der Wiederentdeckung der Cranach-Werke im Umfeld Goethes bis zur Rezeption im Weimar des 20. Jahrhunderts.

Neben Exponaten aus den Beständen der Klassik Stiftung Weimar sind weltberühmte Leihgaben aus internationalen Museen zu sehen, aus dem Museo del Prado, Madrid, der Galleria degli Uffizi, Florenz, und dem Kunsthistorischen Museum Wien.

Wer sich intensiver mit dem (neben Albrecht Dürer) bedeutendsten deutschen Renaissance-Maler, dem Freund, Trauzeuge und Porträtist von Martin Luther beschäftigen will, dem sei der "Katalog zur Ausstellung" ans Herz und in die Hand gelegt.

Neben dem Schillermuseum gehört die Herderkirche zu den Ausstellungsplätzen. Lucas Cranach d.Ä., der1552 im Gefolge seines damaligen Dienstherrn Herzog Johann Friedrich der Großmütige nach Weimar und im Haus seiner Tochter Barbara am Marktplatz wohnte, hat zwar nicht lange hier gelebt, aber wichtige Erinnerungen hinterlassen. Von ihm stammt das bekannte Altarbild "Christus am Kreuz". Es wurde von seinem Sohn vollendet und um das Porträt seines Vaters - eingefügt zwischen Luther und Johannes dem Täufer - erweitert. Der Flügelaltar gilt als wichtigstes Zeugnis der Reformation.
Im heutigen Cranach Haus verbrachte er sein letztes Lebensjahr. Er gründete vor seinem Tod noch eine Werkstatt und nahm zwei Schüler auf. Das Haus ist ein denkmalgeschützter Renaissance-Bau und gehört zum UNESCO - Weltkulturerbe.

Während wir jetzt den Zugang zur Wartburg durch eine dreitorige Halle in die schmale Vorburg nehmen, die rechterhand von Margarethengang, Vogtei und Ritterhaus, links vom Elisabethgang gesäumt wird, überlegen wir uns, warum wir den Katalog aus Weimar nicht im Hotel gelassen haben, der zusammen mit den beiden in Gotha erstandenen Büchern "Bild und Botschaft" und "Lucas Cranach" ein schönes Gewicht hat, und sicherlich wird hier noch ein weiteres Buch hinzukommen.

Gestern in Gotha

"Cranach im Dienst von Hof und Reformation" heißt in Gotha, im restaurierten herzoglichen Museum, einem der schönsten Deutschlands, das Thema, dem wir uns gestern widmeten. Als Hofmaler der sächsischen Kurfürsten und Freund Luthers war Lucas Cranach d.Ä. unmittelbar an den politischen und religiösen Umwälzungen seiner Zeit beteiligt, er war - modern gesprochen - Propagandist. So fertigte er Holzschnitte, in denen er die katholische Kirche scharf attackierte . In Gemälden brachte er lutherische Lehrinhalte zur Darstellung, etwa in den Bildern der Kindersegnung und der Ehebrecherin, dass der Mensch, nur durch Gottes Gnade Erlösung findet (und nicht durch Ablasszahlungen nach Rom). Als Hauptwerk jener reformatorischen Ikonographie ist das Gesetz und Gnade-Motiv zu nennen, deren wichtigste Fassungen, die Tafeln aus Gotha und Prag, in der Ausstellung gemeinsam präsentiert werden.

Anhand von Gemälden, Buchgraphiken, Flugblättern und Medaillen führt die, in Kooperation mit der Museumslandschaft Hessen Kassel erstellte Ausstellung vor, wie es Cranach gelang, politische Botschaften und konfessionelle Glaubensvorstellungen in eindringlicher Form zu verbildlichen.
Daneben war Cranach klassischer Hofmaler und schuf repräsentative Werke, die der Ausstattung der kurfürstlichen Residenzen dienten oder als Geschenke an befreundete Fürsten gelangten. Zahllose Porträts, mythologische und biblische Historien sowie Jagd- und Turnierdarstellungen zeugen von jenem bedeutenden Aufgabenfeld.

Natürlich haben wir in Gotha auch das restaurierte Bild gesehen, auf dem zarte Frauenhände eine Schüssel mit einem abgeschnittenen, blutigen Kopf tragen - das Haupt von Johannes dem Täufer. Es ist Teil des Gemäldes "Schüssel mit dem Haupt von Johannes dem Täufer" von Lucas Cranach dem Älteren, das vermutlich um 1530 entstand. Die Hände wiederum gehören Salome, der Tochter der Herodias. Aber wo ist sie selbst? Die schöne Frau ist auf dem oberen Teil des Holztafelgemäldes zu sehen, aber es wurde Ende der 1930iger Jahre zersägt, und seitdem ist das Antlitz Salomes verschollen. "Früher hatte das Gemälde als Kopie Cranachs keinen hohen Stellenwert", hatte uns der Kurator Timo Trümper erklärt, "nun wird es erstmals als Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren gezeigt."
Die Geschichte von Salome war am Hofe des 16.Jahrhunderts sehr beliebt. Sie sollte vor den Gefahren und Intrigenspielen des Hoflebens warnen.
Höfisches Leben fanden wir bei einem Gang durch die Straßen Gothas nicht mehr, aber die Stadt, mit der Cranach eng verbunden war und in der er seine spätere Ehefrau Barbara Brengbier kennen und lieben lernte, zeigte sich von einer sonnigen Seite, und Spuren des großen Renaissancekünstlers fanden wir auch.

Jetzt auf der Wartburg

Aber Gotha war gestern, jetzt betreten wir auf der Wartburg die Ausstellung "Die Luther -Portraits der Cranach-Werkstatt". Zwischen 1520 und 1546 entstanden sieben verschiedene grafische und gemalte Porträtypen Martin Luthers in der Werkstatt Cranach d.Ä. und d.J. Alle diese Bildnisse dienten propagandistisch und dokumentarischen Zwecken. Luther als Junker Jörg bei seinem zehnmonatigen Aufenthalt auf der Wartburg, er war eine Ikone seiner Zeit. Bei den Porträts ging es nicht nur um die Kunst, sondern auch um Geld, um Politik - und ums Leben.
Günter Schuchardt, Burghauptmann der Wartburg und Kurator der Ausstellung:
"Als Luther auf der Wartburg saß und das Neue Testament übersetzte, hat Cranach schnell eine Druckwerkstatt eingerichtet, denn er wollte das September-Testament drucken. Im Jahre 1522 war die erste Auflage in Höhe von 3000 Exemplaren im Nu vergriffen." Die Cranachs bis zum Tode von Hans Cranach, dessen Denkmal wir im Wald gesehen haben, hatten das exklusive Recht, Luther zu porträtieren. Damit hatten sie auch in der Hand, welches Image von Martin Luther verbreitet wurde. Schuchardt: "Die ersten Kupferstiche sollten seiner Bekanntmachung dienen, damit man wusste: So sieht der aus, über den man jetzt auf dem Reichstag in Worms urteilen wollte." Luther als Profilbildnis, streng wie der Kaiser auf den Münzen. Luther mit übergroßem Doktorhut, Beweis der Richtigkeit seiner Lehre. Kann man sich an so einem vergreifen?
Auch Cranachs Ehebildnisse haben eine Botschaft: Kampf dem Zölibat. Und bei den Doppelbildnissen mit Melanchton geht es um die Lutherische Lehre und ihre Kraft.

Ist der Dreißigjährige Krieg ein Ergebnis dieser Propaganda?

So sind wir ergriffen von den Bildern und dem anschließenden Besuch in Luthers Stube mit Tintenfass und Teufel, aber mehr noch überrascht, wie modern uns diese Thüringer Ausstellungen anmuten, die zusammen ein dramatisches Ganzes ergeben. Auf dem Weg von der Wartburg herunter diskutieren wir leidenschaftlich. Wenn man die Worte Bild und Holzschnitt einfach durch den Begriff Medien ersetzt, wenn wir beider Cranachs Schaffen aus ihrer Zeit lösen und ins Jetzt versetzen. Welcher medial verbreitete Content bereitet auf die nächsten Auseinandersetzungen vor, und welche werden das sein? Wo liegt die Grenze zwischen Propaganda und Kunst, gibt es eine? Ist es nur die verflossene Zeit? Ist der Dreißigjährige Krieg als ein Ergebnis dieser Propaganda zu sehen? Und was ist das Ergebnis morgen?

Trotz ihres Gewichtes geloben wir, die Bücher und Kataloge sorgfältig zu lesen, auch den zuletzt erstandenen, "Cranach, Luther und die Bildnisse". Vielleicht finden wir in ihnen Antworten.

Information:

Tourist Information Thüringen
Willy-Brandt-Platz 1
99084 Erfurt
T. +49 (0) 361 37 42 0
service@thueringen-tourismus.de
www.thueringen-entdecken.de
www.cranach2015.de
www.wege-zu-cranach.de/cranach-jahr-2015.html

Themen und Dauer der Ausstellungen:

Weimar
Cranach in Weimar
3. April bis 14. Juni 2015
Gotha
Cranach im Dienst von Hof und Reformation
29. März bis 19. Juli 2015
Eisenach
Bild und Botschaft
2. April bis 19. Juli 2015

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