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Classiebawn Castle

Irland: Vom Suchen und Finden der Magie

Von wize.life-Nutzer - Dienstag, 28.04.2015 - 17:18 Uhr

Selbst eingefleischte Irland-Kenner und -Liebhaber wird zumindest dies überraschen: Auf unserer Erkundungsrundreise durch die grüne Insel schien uns fast immer die Sonne in einem Maße, dass nach Sizilien aufgebrochene Kollegen ihren Neid nicht zu bändigen wussten.

Wetter? Kein Thema

Also, was Ralph Giordano und Heinrich Böll in ihren Irland-Tagebücher schrieben, dass hinter jedem Sonnenstrahl der nächste Regenschauer, hinter jeder Flaute die nächste Brise warte, wir können das nicht bestätigen. Mag der Satz gelten, dass es in Irland kein Wetter gäbe, schon gar nicht ein schlechtes. Es war einfach kein Thema.
Thema durchaus war das, was als Magie Irlands beschrieben wird, worüber wir uns in Büchern wie der “Gebrauchsanweisung für Irland” informierten, was in den vielen Liedern und Romanen beschrieben wird, was aber letztendlich keiner zufriedenstellend erklären kann: Was macht Irland einzigartig? Die einfachste Antwort ist diejenige, die sich jeder selbst gibt. Es stimmt, was geschrieben steht: Die Iren sind höflich, rücksichtsvoll, aufmerksam. Man muss nicht sie um Rat fragen, sie fragen selbst, wenn sie den Eindruck haben, dass man etwas suche, sie stoppen ihre Autos, wenn man sich als Fußgänger der Straße nähert, auch ohne Zebrastreifen. Es stimmt nicht, jedenfalls nicht mehr, so wie es Böll berichtet, dass ihnen erklärt werden muss, dass Hitler kein Wohltäter der Menschheit war, bloß weil er einen Krieg gegen England anzettelte. Und es stimmt auch nicht, dass die Grenze von der Republik Irland nach Nordirland zwar offen ist, aber heimlich doch überwacht wird, wie es Giordano schreibt.

Stets abrufbares Bewusstsein

Dass die Beziehung zu England eine noch nicht verheilte Wunde ist, spürt man gleichwohl allerorten, aber es äußert sich nicht penetrant etwa darin, dass etwa für Gälisch und gegen Englisch polemisiert wird, und in überall aufgestellten Heldendenkmälern, sondern als ein Bewusstsein, dass stets abrufbar ist. Während unserer Irland-Tage im sonnigen April fand ich in einer Zeitung einen Leserbrief, der davon schrieb, dass der Hass erst aufhören könne, wenn man auf Augenhöhe miteinander rede. Aber selbst das größte Unglück, dass den Iren widerfahren ist, die Zeit von 1845 - 1848, als die Bevölkerung um die Hälfte sank, weil die einen verhungerten, die anderen emigrierten, wird nicht als Holocaust der Briten an den Iren bezeichnet, sondern es waren grausame Landlords und die Kartoffelpest, denen man die Schuld zuweist. Es waren aber aus der Nachbarinsel im Osten eingewanderte Großgrundbesitzer, die das Getreide für ihre Pferde und nicht für die irischen Bauern, deren Kartoffeln verfault waren, brauchten, die die Steuern erhöhten, weil die Zahl der Zahlungspflichtigen abnahm, und die sich für die Schiffspassagen der Auswanderer Tiere und Grund überschreiben ließen. Dass all dies vom britischen Königshaus orchestriert wurde, dass vorher schon es Oliver Cromwell (1599 bis1658) war, der das Land peinigte, dass weiß man in Irland, aber das wird nicht als Anklage formuliert. Selbst in den unzähligen Liedern ist von privaten Schicksalen die Rede, von Heldentaten, von trauernden Mädchen, aber nie von einer politischer Anklage. Englisch, die Sprache der Besatzer, ist die Umgangssprache, und die Versuche, Gälisch als Sprache wieder heimisch zu machen, klingen eher folkloristisch als ernsthaft. So bekommen Irlands Schüler eine Belohnung von 50 Euro, wenn sie in Gälisch eine gute Note heimbringen.
Wenn man in Deutschland oft die Mittellage als Erklärung für das historische Schicksal heranzieht, was gilt für Irland, das eine - wie man meinen sollte - äußerst bequeme Randlage an Europas Nordwestseite zum Atlantik einnehmen kann? Alle Erklärungsversuche haben ihren Reiz und ihren Wert, aber sie genügen nicht.

Die Natur und die Menschen

Man kann in Irland natürlich versuchen, all dies zur Seite zu schieben, und sich auf die Natur und die Menschen zu konzentrieren. Und man wird belohnt dafür, wir besichtigten die quirlige Hauptstadt, voll mir jungen Leuten, die aus aller Welt herkommen, um am Trinity College zu studieren, um in den Glaskästen der Banken und Finanzinstitutionen am nächsten Crash zu basteln oder in den Pubs der Temple Bar die Guinness-Bestände zu reduzieren. Tags drauf schon fuhren wir gen Nordwesten nach Donegal, in die Grafschaft und ihre gleichnamige Hauptstadt. Und obwohl es im Jahr noch zu früh war, um die endlosen Flächen der Berge unter ihrer Erika-Decke glühen zu sehen. Die Bilder von endloser, in leichten Wellen dargebotener Weite, mit leichten Zeichnungen von knallgelbem Stechginster und weißen Schafen, solang sie noch was zu fressen finden, nehmen sofort ihren festen Platz in Hirn und Erinnerung ein. Es ist ein Bild ewiger Weite und ewiger Ruhe, nur am Himmel fliegende Wolkenfetzen künden von der Vergänglichkeit.
Hier in den Weiten der nördlichsten Grafschaft der Republik passiert nichts, wenn man es nicht selbst will. Selbst Pubs muss man suchen. Und passiert man eine Ruine, so ist diese Ruine Hunderte von Jahren alt, Erster und Zweiter Weltkrieg sind an diesem Land vorübergegangen. Und natürlich war es ein Mann in Englands Diensten, John George Adair, der in diese Einsamkeit ein Schloss, das Glenveagh Castle, setzte, das von einem Park umgeben ist, der ein wilder Kontrast zu der umgebenden Heidelandschaft ist und zu rufen scheint: Seht her, was wir aus diesem Land machen können. Alle Schlösser, die wir besuchten, sei es das Lough Rynn Castle, in dem wir auch übernachteten, das Blarney Castle, das Kilkenny Castle oder das Ross Castle im Park von Killarney, hatten englische Herren. Insgesamt gab es mehr als 30 000 Anlagen, in denen oft fremde Herren den Bewohnern des Landes ihre Macht aufdrücken wollen, viele davon sind heute - oft überaus malerische - Ruinen. Erst in der Neuzeit, die mit der Unabhängigkeit der Republik Irland im Jahre 1923 begann, änderten sich, mit Ausnahme der Grafschaften, die heute unter der Bezeichnung Nordirland bekannt sind, die Besitzverhältnisse. Einige Anwesen übernahm der Staat, andere reiche Unternehmer.

Lauter Drehorte

Viel von der Magie Irlands künden die Lieder, Bücher und - natürlich - die Filme. Auf die Drehorte von "Ryans Daughter" stoßen wir an der Halbinsel von Dingl. Dieses kleine Hafenstädtchen wurde von National Geographic einmal als der schönste Ort der Welt bezeichnet. Über Superlative soll man nicht streiten, jedenfalls entstanden auf der angrenzenden und gleichnamigen Halbinsel viele Filme, welche die Faszinationen aufgriffen, wie "In einem fernen Land" und eben über die Tochter des Kneipenbesitzers Thomas Ryan, Rosy. Und tatsächlich stellt sich sofort die Erinnerung an einige Szenen aus den Filmen ein. Auch wenn sie das Filmdorf für "Ryans Daughter" abgeräumt haben, weil die Einheimischen den dafür geforderten Preis nicht zahlen wollten; der Strand, wo Rosy den Engländer Randolph Doryans, den neuen Befehlshabers der englischen Garnisons, trifft; der Weg, den die Rebellen herabkamen, es ist alles da. Auch der Delfin Fungi, welcher der Bucht seit vielen Jahren die Treue hält, zeigte sich uns. Daneben das blaugraue Meer und dahinter die zahllosen Insel, die als Wellenbrecher für die Küste dienen. Weit am Horizont tauchen im Süden die Skelligs auf. Hier, in dieser westlichen Ecke Irlands, ist es richtig schön. Und hier müsste man mehrere Wochen verweilen, um sich tiefer in die historischen Monumente, die bis in die Vorzeit reichen, und die wilde und trotzdem freundliche Natur einzufühlen. Keine Buden, keine Hochhäuser, keine Ferienanlagen verschandeln die Szenerie. Da sitzt ein Mann mit seinem Schaf und vermarktet das Tier fürs Schmusen und Fotografieren, dort einer mit seiner Harfe und hofft, dass sein Spiel mit Almosen belohnt werde.
Es gibt neben Dingl vier weitere Finger, die ins Meer greifen, den Ring of Kelly sind wir abgefahren und haben uns nicht satt sehen können am Wechsel von Bergen und Wasser, von Rhododendren und Ginster, von Schaf- und Kuhherden, von Wolken und blauem Himmel. Staunend standen wir vor Ruinen und verlassenen Kirchen. Und fast immer war es Oliver Cromwell, bei dessen Namensnennung die Einheimischen einen Moment aufblicken, der für den Ruinenzustand verantwortlich ist. Die Kirchen, sind fast alle katholisch, aus schwarzem Stein gefertigt und haben nichts von der barocken Pracht ihrer südlichen Glaubensbrüder. Die Kirche war es, die gegen die anglikanischen Briten den Zusammenhalt des Volkes sicherte. Doch waren es irische Protestanten, die 1916 mit den Osteraufständen den letztlich erfolgreichen Weg zur Unabhängigkeit beschritten. Wer aber die irische Geschichte auf den Kampf gegen England reduziert, greift zu kurz. Heute ist diese katholische Kirche ein Hort der Reaktion. Im Kampf gegen das Recht zur Eheschließung für Homosexuelle wird in einer Tageszeitung in grellen Lettern ein Sexverbot für Gays gefordert. Schon Rosy Ryan lehnte sich gegen ihre Enge auf.
In den Städten im Süden, in Cork, Middleton und Waterford stoßen wir auf Belege, wie fragil die Wirtschaft und das soziale Gefüge sind. Im Boom, als zwischen 1995 und 2007 das BIP Irlands um durchschnittlich 6 Prozent pro Jahr wuchs, weshalb Irland oft als "keltischer Tiger" bezeichnet wurde, wurden Wohnsiedlungen in großem Stil gebaut, die heute leer stehen, weil dem Boom die Staatspleite folgte. Eine Million Iren kehrte damals zurück, weil auch die ihre Heimat lieben, die emigriert sind. 30 Millionen Irischstämmige gibt es alleine in den USA. In Irland leben heute ungefähr 4,2 Millionen Einwohner. Von 6,5 Millionen im Jahr 1841 ging die Zahl auf nur noch 3 Millionen zurück. Ein Verlust, der nie wettgemacht wurde, trotz des großen Geburtenüberschusses; Hungersnot und Auswanderung spielten den Engländern beim Versuch, die Insel für sich zu gewinnen, in die Hände. Und noch heute gehen immer einige Kinder fort, um woanders das Glück zu suchen. Jetzt, nach der Flucht unter den Rettungsschirm der EU im Jahre, geht es wieder bergauf, langsam, aber spürbar. Viele, vor allem Pharmaunternehmen sind gekommen, um von den niedrigen Steuern zu profitieren. Aber diese heimat- und seelenlosen Betriebe würden gehen, wenn die Reize nicht mehr gegeben wären, ohne Rücksicht auf die Folgen.
Fanden wir nun auf der Rundreise die irische Magie? Welche Bilder werden bleiben? Es war ja nur eine Stippvisite, die wir gemacht haben, es wäre vermessen, sich nun als Kenner von irgendetwas zu bezeichnen. Und doch, Eindrücke bleiben von Menschen, die ihr Schicksal meistern, ohne ihre Fröhlichkeit zu verlieren, ohne sich der Traurigkeit, der Melancholie oder der nationalen Verzweiflung hinzugeben. Hier stimmt es: Wo man singt, da lass Dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder. Seltsam, dass Johann Gottfried Seume zu diesen Versen fand, ohne je in Irland gewesen zu sein.
Information: www.ireland.com/de-de/

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2 Kommentare

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herz:irland
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Danke für den informativen und schönen Bericht
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