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Skanderberg-Denkmal in Tirana, Nationalheld der Albaner

Eine Reise durch Nordalbanien

Von wize.life-Nutzer - Mittwoch, 27.05.2015 - 20:52 Uhr

Zu den noch sehr urtümlichen Reiseländern Europas zählt auch Albanien, das sich selbst das Land des Adlers nennt und in dessen Staatsflagge der doppelköpfige Adler auf rotem Grund Eingang gefunden hat. Albanien ist ein Land, das zwar 1913 seine Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich erfuhr, das aber dann vom Eroberungskrieg Italiens und Deutschlands 1940 überrolt und besetzt wurde. Nach der Befreiung 1944 wurde das Land bis 1993 vom Kommunismus regiert, der dort unübersehbar seine Spuren hinterließ. Dem Besucher bietet sich als erstes die Hauptstadt Tirana, in der die ehemals wuchtigen im stalinistischen Stil erbauten Häuser den ersten Eindruck bilden. Inmitten der Stadt am Skanderberg-Platz steht ein riesiges Reiterstandbild, mit dem der albanische Nationalheld "Skanderberg" geehrt wird. Am Rande des Platzes steht die sehenswerte Et'hem Bey Moschee, die dem Abriß durch die Kommunisten glücklicherweise entgangen ist. Filigrane Fresken mit den für den mohamedanischen Glauben typischen Darstellungen von Pflanzen, Blumen und Bäumen sowie mit Koransprüchen zieren den mit dicken Teppichen ausgelegten Innenraum. Wie üblich durften wir die Moschee nur ohne Schuhe betreten und besichtigen. Des weiteren stehen am Rande des Sklanderberg-Platzes der Glockenturm, das Nationalmuseum, das über die lange und wechselvolle Geschichte des Landes umfassend informiert und die "Pyramide". Mit diesem Gebäude hat sich der ehemalige Diktator Envor Hoxha ein Denkmal errichtet. Früher befand sich in der "Pyramide" u.a. auch ein Museum mit der Ausstellung über ihn und sein Wirken. Auf dem Weg zur "Pyramide" geht man über eine Holzbrücke, in deren Mitte eine Glocke hängt, die aus Patronenhülsen aus der Zeit der Unruhen von 1997 gegossen wurde. Sehenswert sind außerdem noch der Mutter-Therese-Platz, der Kongreßplatz sowie die Universität. Schon auf dem Rundgang durch Tirana findet man in einem Park die für Albanien typischen kleinen in Halbkugelform gefertigten Erdbunker, die im ganzen Land verteilt wurden und deren Zahl weit über 750.000 hinausgehen soll. Eine Maßnahme der damaligen kommunistischen Regierung, die sinnlos viel finanzielle Substanz eines der ärmsten Länder Europas kostete. Auch ein originales Stück "Berliner Mauer" findet sich in dem Park.
Der Reiseweg führt in das sattgrüne Hinterland nach Kruja im Dajti Nationalpark. Hier findet man den Stammsitz des Nationalhelden "Skanderberg", eine Burg. Auf einem schroffen Berg ist in der mittelalterlichen Festung das Skanderberg-Museum, aber auch Ausstellungen über Art und volkstümliche Lebensweise der Albaner zu finden. Die Ausstellungen geben Auskunft über die Zeit der osmanischen Besatzung. Von hier aus verteidigte Skanderberg über Jahrzehnte sein Land gegen die osmanische Bedrohung. Zu Füßen der Burg befindet sich ein Basar, auf dem heute noch der orientalische Einfluß der Osmanen zu spüren ist. Unser Reiseweg führte weiter nach Sari Saltik, wo Spuren des alten Bektasdhi Ordens mit seinem Tempel zu finden sind. Danach ging es weiter nach Shkodra, einer alten ehrwürdigen Stadt, über der auf einem felsigen Hügel die Ruinen der Festung Rozafa thronen. Hier kann man die Spuren der Illyrer, Byzantiner, Venezianer und Türken finden. Nach Shkodra führt der Weg über abenteuerliche Straßen in die Berge nach Theti, mitten hinein in die albanischen Alpen. Wer hätte gedacht, dass sich diese bis in eine Höhe von ca. 2.700 m erheben? Auf der Paßhöhe fanden wir auch noch reichlich Schneereste. Bis zur Paßhöhe war die Straße neu und bestens ausgebaut, danach wurde sie sehr "abenteuerlich" mit atemberaubenden Blick "in die Tiefe". Die nahezu unberührte Natur war sehr eindrucksvoll und erschloss sich uns durch eine Wanderung, die an einer alten aus groben Natursteinen bestehenden Kirche zu einem geheimnisvollen Turm führte, der Kulla genannt wird. In kommunistischer Zeit wurde die alte Kirche als Hospiz verwendet. In den Turm haben sich in früheren Zeiten Männer zurückgezogen und selbst eingesperrt, die von der Blutrache bedroht um ihr Leben fürchteten und die dort von ihren Familien mit Lebensmitteln versorgt wurden. Nach einer Wanderung von diesem Turm aus wurde auf Grund des Wasserstandes über provisorisch gelegte Felssteine ein Übergang über einen Bachlauf geschaffen, dem gefolgt wurde, bis ein rauschender Wasserfall erreicht wurde. Leider war es für ein erfrischendes Bad jahreszeitlich noch zu früh! Zurück ging es dann wieder auf gleichem Bergpfad und wieder im Geländewagen nach Shkodra. Nach der Übernachtung führte die Reise nach Valbona. Doch zuerst werden erneut Minivans bestiegen, die uns Reisende nach Koman zum Koman-Stausee brachten. Hier wurde an der Staudammmauer ein altes Boot bestiegen, das uns dann in einer längeren Fahrt über den Koman-Stausee brachte. Stellenweise hatte man das Gefühl, sich auf einer Fahrt durch norwegische Fjorde zu befinden, so eng stiegen die Felswände aus dem Wasser hoch in die Luft. Wie ein Schlauch zieht sich der ca. 34 km lange See durch das schmale Tal des Flusses Drin. Manchesmal messen die Verengungen nur ca. 50 m. Lediglich die unübersehbare Verschmutzung der Wasseroberfläche des Stausees trüben den positiven Eindruck dieser herrlichen Landschaft. Überhaupt ist die Umweltverschmutzung im gesamten Land ein Problem, das im ureigenen Interesse Albaniens unbedingt durch Regierung und Volk in den Griff zu bekommen ist.
In Valbona führte dann eine leichte Wanderung zur Quelle des Balbona-Flusses. Auch hier findet man aus unbegreiflichen Gründen an den unmöglichsten Stellen die kleinen zur "Verteidigung des Landes" aufgestellten runden Erdbunker.
Die dann fällige Übernachtung fand in einem "Gästehaus" statt. Dort traf man auf einen der typischen albanischen sehr freundlichen Hütehunde, die überall im Land zum Schutz der Viehherden eingesetzt werden und die ihre Kraft und ihre Klauen in früheren Zeiten im Kampf mit Wölfen sehr wohl zunutzen wußten.
Von Valbona aus führt der Weg über die Grenze nach Prizren im Kosovov. Der Kosovov ist das jüngste Land Europas und muß wegen der ethnischen Auseinandersetzungen immer noch von Soldaten der EU, so auch der Bundesrepublik Deutschland geschützt werden. Im Kosovov kann man Soldaten aus ca. 21 Ländern antreffen. Nach einem Besuch im Museum, in dem mehr über die Gründung des albanischen Staates und über die "Liga von Prinzren" zu erfahen war und das nach seiner Zerstörung durch die Serben teilweise wieder aufgebaut wurde und sich immer noch im Aufbau befindet, kann man bei einem Bummel durch das Gewirr der Straßen entlang des Flusses Bistrica die Großstadt erleben. Eine Kirche sowie eine der über 30 Moscheen waren die Ziele des Rundganges. Die Sinan-Pascha-Moschee ist eines der Wahrzeichen der Stadt, zu deren Erbauung die Steine der zerstörten Erzengelkirche verwendet wurden. Nach der Besichtigung der Stadt ging es mit dem Bus wieder zurück nach Tirana und dort mit der Seilbahn zur Übernachtung auf den Hausberg "Dajti". Vom in einem Park gelegenen Hotel hat man aus der Höhe einen wunderschönen Ausblick über die ringsum liegenden Berge und über die Hauptstadt Tirana selbst. Am nächsten Tag ging es mit der Seilbahn wieder hinunter nach Tirana und weiter nach Pellumbas, wo eine Wanderung in die Berge auf uns wartet, an deren Ende man zu einer interessanten Höhle kam. Diese zieht sich zwar 360 m in das Innere des Berges, jedoch läßt sie sich ohne Hilfsmittel (ortskundiger Führer, Helm und Lampe) nicht tiefer erkunden. Auf dem Weg zurück querte eine Landschildkröte unseren Weg. Nach Rückkehr begann die Fahrt mit dem Bus durch das Tal des Erzeni-Flusses und weiter nach Voskopoja, wo in einem Gästehaus Quartier bezogen wurde und in dem dann die Bewirtung mit einheimischen Speisen stattfand. Auch hier fand man wieder die typischen albanischen Hütehunde. Voskopan selbst zählte in früherer Zeit über 30 Kirchen, die meisten von ihnen wurden leider in der kommunistischen Zeit zerstört. Diese Kirchen wurden damals so erbaut, dass die meisten keinen Kirchtum bekamen und in ihrer Höhe nicht die Höhe einer Moschee erreichten. In den verbliebenen noch vorhandenen Kirchen kann man anhand noch teilweise vorhandener Fresken erkennen, in welcher Pracht damals die Innenausstattung der Kirchen bestand. Heute müssen sie zum Schutz vor dem Zusammenbruch notdürftig abgestützt werden. Auf dieser Wanderung durch den Ort, vorbei an den Kirchen kamen wir zu einer eingefaßten Quelle, die auf Grund einer Sage über zwei Verliebte die "Ringquelle" genannt wird. Der nächste Reisetag führt uns über die Grenze nach Mazedonie. Aus Witterungsgründen fuhren wir nicht wie geplant in die Berge des Galicia Nationalparks, sondern besichtigen eine moderne Brauerei, die drei Arten von Bier herstellt. Danach fuhren wir weiter nach Ohrid am Ohrid-See. Auch dieser Ort gibt das orientalische Bild des Balkans wider. Muttergotteskirche und die Zejnei-Abedin-Pascha-Moschee und besonders die Altstadt prägen das Bild dieser Stadt. Anschließend ging es wieder zurück nach Albanien. Der erneute Grenzübergang vermittelt uns, die wir ein Europa der "freien" Grenzen gewohnt sind, das nicht mehr vertraute Bild eines Grenzüberganges im Stil der früheren Zeit, wenn wir die DDR oder ein anderes Land des "Ostblocks" besuchen wollten. Nicht nur die Abgabe der Pässe zur Paßkontrolle, auch der Drogenhund, der am Bus vorbei und durch den Bus geführt wurde, zeigten uns, dass wir uns zwar auf europäischem Festland befanden, aber immer noch nicht in einem wirklich geeinten Europa ohne Grenzen leben. Das letzte Ziel der Reise war Durrés, eine große Hafenstadt, in der auch wieder die Einflüsse der Herrschaft von Römern, Byzantinern und Osmanen zu erkennen waren.
Diese Reise in den nördlichen Teil Albaniens ging zu Ende und mit neuen Erlebnissen und Eindrücken kehrten wir zurück nach Deutschland. Besonders auffällig sind die vielen jungen Menschen, die das Durchschnittsalter der Bevölkerung stark nach unten drücken. Leider sind sehr viele dieser jungen Menschen arbeitslos und daher ohne wirkliche Alternative. Des weiteren fällt das Nebeneinander von reich und arm auf. Dazwischen befindet sich keine bürgerliche Schicht. Neben prunkvollen Villen mit entsprechenden von Mauern oder Gittern umzäunten Grundstücken findet man armselige notdürftig hergerichtete Unterkünfte. Auf dem Land kann man Familien sehen, die mit wenig Hilfsmitteln ihre Felder bestellen. Die Szene, wo ein Pflug, gezogen von einem Mann, der von einem anderen Mann geführt bzw. geschoben wurde, war besonders eindrucksvoll.
Albanien hat bezüglich seiner Zeit unter der Fremdherrschaft durch die Osmanen, durch die Folgen des 2. Weltkrieges und durch die kommunistische Herrschaft einen großen Nachholbedarf an Entwicklung, stellt sich aber hinsichtlich des angestrebten Anschlusses an die EU dieser großen Aufgabe.

1 Kommentar

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ein schöner Reisebericht,schön,kann man nicht sagen,lehrreich,und vielen Dank
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