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Tian An Men

Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn 2015. Teil 4: China/Peking

Von Thomas Bily - Sonntag, 02.08.2015 - 13:17 Uhr

Man soll die Mongolei nie abschreiben, bevor man das Land verlassen hat. Das Aufstehen fiel etwas schwer nach unserem Abschiedsabend im UB Jazz Club. Arnos Schnarchen war ein weiteres Handicap. God bless the Oropax – für mich rangieren sie weit vor Autan oder Aspirin in der Rangreihe der Unverzichtbaren. Der Bahnhof in Ulan Bator ist eine Sammelstelle. Gruppen aus Deutschland, England, Frankreich, Spanien, Italien halten den Zug in Beschlag.

Anreise aus Ulan Bator

Die anfangs etwas schwermütige Fahrt mit anstrengenden Kabinengenossinnen erlebte einen Umschwung, als ich das Bordrestaurant entdeckte. Mongolische Waffen und Holz-Hirsche prangten über einem Wagonchef, der seine kapitalistische Lektion inhaliert hatte. Der könnte morgen am Oktoberfest glänzen. Für jeden Gast ein Klapps auf die Schulter, zwei Bier für 10 Dollar und durch die Macht der eigenen Gesetzgebung konnte er auch Rauchertische einrichten. Er brachte alle unter und der Laden brummte in einer Mischung aus gewohnt trinkfreudigen Engländern und schwangeren Inderinnen. Im Hintergrund lief der Lieblingssoundtrack des Chefs aus einem Hare Krishna Film. Die Inder baten, die Lautstärke zu dimmen. Uns war´s einerlei. Man hat einfach Vorteile als bayerischer Katholik, wenn man nichts versteht außer: Sit down, drink beer. Die Zeit bis zur Grenze ging schnell vorbei.

Peking pulsiert

An der Grenze muss der Zug auf die kleinere Spur umgelegt werden. Eine Art Reifenwechsel, die etwas aufhält und mäßig interessant ist (außer für Maschinenbauingenieure vielleicht). Die Zoll und Passprozedur waren ähnlich aufwendig wie in der Mongolei und genauso harmlos. Wir fuhren erst übers Land durch China. Vom Zug aus betrachtet würde ich sagen, dass sich dort wenig verändert hat in den letzten 20 Jahren. Die gleichen klapprigen Hütten und verdreckten Hinterhöfe. Fabriken und Anlagen, von denen man nie weiß, ob sie gerade gebaut oder abgerissen werden. Und nicht nur die Ufer der Flüsse signalisieren, dass die Chinesen – und damit die ganze Welt – hier ein kleines Umweltproblem zu lösen haben.

Endstation Peking HBF
Endstation Peking HBF

Von der Stadtgrenze bis zum Hauptbahnhof von Peking dauert es eine Stunde. Je näher wir kommen, desto schlechter wird die Sicht. Der Smog ist wirklich so schlimm wie vorhergesagt. Und daher trieb es uns erstmal ins Hotel, nachdem wir unseren Guide in der Masse entdeckt hatten. Das Holiday Inn Express Hotel liegt zentral westlich des Himmelstempels.

Himmelstempel
Himmelstempel

Dort flanierten und schwitzten wir bei 35 Grad, nachdem wir uns gerade den letzten Transsib-Siff abgeschrubbt hatten. Praktischer Weise lag gleich am anderen, östlichen Ende ein Riesenmarkt mit dem gesamten Fake-Repertoire dieser Welt. Die Verkäuferinnen argumentieren aggressiv: „Hello! Buy Bag!“ Wir handelten den Preis jeweils auf 50% runter und ich bin sicher, da geht noch mehr. Also wenn jemand sagt: 1600, dann ruhig mit einer trockenen 400 kontern.
Das Restaurant für das Abendessen empfahl uns der Concierge und schätzte uns richtig. Wir landeten in einem Straßen-Barbeque in der Nanwei Lu, gleich ums Eck vom Hotel. Auf heißen Kohlen lag eine Platte. Man bestellt Fleisch und Gemüse und grillt sich das selber zurecht. Uns Langnasen half die rustikale Bedienung bei den ersten drei Gängen. Die Karte und sie sprachen auf Englisch zu uns. So konnten wir Fisch und Tofu vermeiden sowie Tsingdao Bier und chinesischen Cognac – natürlich nur zum Desinfizieren – zielgenau ansteuern.

Grillchefin
Grillchefin

Der Laden scheint angesagt zu sein, weil immer wieder chinesische Touristen per Taxi eintröpfelten. Und es ist ein Platz, wie wir ihn uns gewünscht hatten: originär chinesische Küche, lauter Chinesen + wir zwei Helden, draußen sitzen mitten in Peking und zu Fuß 1 Minute vom Hotel. Besser geht´s nicht, billiger wahrscheinlich schon: Wir zahlten rund 440 Yuan, also 60 Euro für 3 x Fleisch (2 Rind, 1 Huhn), 3 x Gemüse, 6 x 0,5 Bier und 2 x 0,2 Cognacflascherl und trudelten pappsatt und gut desinfiziert im Hotel ein. Nicht zu spät. Denn unser Chauffeur würde um 7.00 Uhr warten.

Mit Chauffeur zur Chinesischen Mauer

Der nächste Tag gehörte erstmal der Mauer. Unseren TSA Chauffeur verpflichteten wir kurzer Hand für die Fahrt nach Mu Tian Yu (200 km hin und zurück + Wartezeit = 7 Stunden für 110 Euro). Wir fuhren früh los und in das etwas weiter von Peking entfernte Mauerziel. So wollten wir der Touristenflut zuvorkommen. Um 9.15 waren wir vor Ort und wanderten drei Stunden auf der Mauer. Als die Massen und die ganz große Hitze kamen, waren wir schon wieder auf dem Rückweg und hatten am Spätnachmittag noch Zeit für Tian An Man und die verbotene Stadt – wo dann wiederum die Massen des Tages wieder weg waren. Ein großartiger Tag. Alles richtig gemacht.

Die Mauer muss stehen
Die Mauer muss stehen

Unser Flieger ging am nächsten Tag um 12.35 Uhr. Wir fuhren um 9.00 Uhr vom Hotel ab. Selbst an diesem Sonntag mit eigenem Chauffeur und ohne Berufsverkehr und flotter Abfertigung brauchten wir 1,5 Stunden vom Hotel bis zum Gate. An einem Wochentag und Anreise per Bus oder Bahn würden wir empfehlen, spätestens 4 Stunden vor Abflug Richtung Flughafen aufzubrechen.
Peking war ein cooler Abschluss unserer Reise, auch wenn Hitze und Smog uns bisweilen zusetzten. Die meiste Zeit waren wir zu Fuß unterwegs. Nur in Ausnahmefällen nahmen wir Taxi (günstig) oder Bus (spottbillig). Wir empfehlen den Early Bird Modus, eine Pause während der Mittagshitze und einen zweiten Anlauf am späten Nachmittag. In Verbindung mit einem ordentlichen Hotel wie unserem Holiday Inn Express Hotel kann man Peking gut handhaben.

Die 3 Wochen gingen ziemlich schnell vorbei. In rund 120 Stunden Zugfahrt haben wir 9.000 km zurückgelegt. Es gab ein paar touristische Höhepunkte wie den Roten Platz oder die Chinesische Mauer. Meine Erinnerung aber gehört vor allem der Reise selbst - der Weg war das Ziel, von Anfang an. Wir hatten uns Luft und Freiheit genommen, die Reise jederzeit selber auszugestalten. Die Transsibirische Eisenbahn ist kein ICE. Das gilt auch für das Tempo der Reise. Cruising nennt man das neudeutsch. Meines Erachtens die ideale Reisegeschwindigkeit, weil man Dinge wahrnehmen und Eindrücke verarbeiten kann.

Teil 1: Wissenwertes zur Zugreise
Teil 2: Russland
Teil 3: Mongolei

10 Kommentare

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Teil 1 - 4 ist ganz wunderbar, humorvoll und mit Liebe zum Detail geschrieben.
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Wie die ersten Beiträge super faszinierend und wunderbar geschrieben. Es hat mir sehr große Freude bereitet beim lesen.
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Thomas, danke für den Bericht, sehr schön ge-und beschrieben man konnte mit euch reisen....
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Du hast es genossen, das ist schön. An meiner Mauer hier, werdens immer mehr Chinesen. So verteilt sich alles etwas.
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Noch einmal herzlichen Dank für diesen wunderbaren Reisebericht, der die Lust an so einer Reise neu entfacht hat.
Ihr habt vieles erlebt und konntet viel erzählen. Wir haben das Privileg, alles aus erster Hand zu erfahren. Klasse geschrieben, danke Thomas.
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Ich finde den Bericht richtig klasse. Sehr gut !
Danke dafür, freut mich
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hab mal am 4. Teil weitergemacht, da ich ein paar Mal in China war - auch mal privat im westlichsten Ende ShangriLa. Ich hatte mit der chinesischen Mauer nicht so ein Glück - oder vielleicht doch, denn mein Kollege hat sie mir an einem Regentag gezeigt, aber dementsprechend waren es doch etwas weniger Besucher, aber auch da hatte sie ihren ganz eigenen Reiz.
Danke fürs Aufwecken der Reiselust
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Hallo Thomas,
danke für den schönen Reisebericht. Der Weg ist das Ziel - gute Einstellung und wenn man seine Erwartungen nicht ins Unendliche schraubt, dann ist auch für aha Ereignisse, welcher Art auch immer, Platz.
Freut mich, dass Ihr gesund und munter zurück seid und uns teilnehmen habt lassen an Eurem Abendteuer.
Meins wird eine Reise nach Grönland werden oder bleiben....
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Sehr schön
Auch wieder, wie die anderen 3 Berichte, sehr anschaulich und bildhaft geschrieben. Man kann es sich so gut vorstellen und sozusagen dabei sein.
Eine rundherum gelungene Mischung aus sachlichem, anschaulichen Reisebericht und persönlichen Eindrücken und Meinungen
So macht es Freude es zu lesen.

"Der Weg war das Ziel", dass ist eine sehr guter Schlusspunkt!
Viele Leute sehen eine Reise nur als Mittel zum Zweck um zu ihren Ziel zu gelangen und übersehen so die wunderbaren Möglichkeiten der Reise selbst und verpassen so viele schöne Dinge.
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