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Brüssel: Das Narrativ einer Hauptstadt

Brüssel: Das Narrativ einer Hauptstadt

Hans-Herbert Holzamer
25.08.2018, 16:05 Uhr
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Für den als klassisch apostrophierten Reisenden sind die Ziele in Brüssel klar: Das Manneken Pis mit und ohne Bekleidung, die Frittenbuden am Place Jourdan, der Grand Place. Dazu das berühmte belgische Bier in unterschiedlicher Alkoholstärke. Dann hat man es geschafft und seine Vorurteile bestätigt bekommen, dass Brüssel überlaufen von Touristen sei, teuer und hässlich, und dass man nicht verstehen könne, warum eine solche Stadt europäische Hauptstadt werden konnte.
Nur wer wirklich Zeit für Brüssel aufzubringen bereit ist, der wird das Atomium besichtigen, das Europaviertel, etwa die Europäische Kommission im Berlaymont-Gebäude, den Europäische Rat im Justus Lipsius Gebäude oder das Europäische Parlament im Espace Leopold Gebäude. Er wird „United in Diversity“, den 360°-Panoramafilm zum Europäischen Parlament sehen, den Tunnel der Stimmen betreten, oder eine virtuelle Reise durch Europa unternehmen. Dann hat er die Tripadvisor- Empfehlungen weitgehend abgearbeitet, für das eigene Erschauern mag er eine Tour durch Molenbeek unternehmen, die Stadt, die einmal industrielles Powerhaus des Landes war - jetzt nur nicht aussteigen, und hinter jedem Araber einen noch nicht entdeckten Terroristen und hinter jedem von einer Mutter mit Kopftuch geschobenen Wagen einen Anschlag auf das weiße und christliche Europa vermuten.
Gestärkt mit Brüsseler Pralinen aus der Confiserie Neuhaus und Schokolade von Wittamer am Place du Grand Sablon wird er dann – sich als Insider betrachtend – mit denselben Urteilen nach Hause fahren wie der gewöhnliche Manneken-Pis-Versteher.
Erstaunlicherweise entsprechen dann seine Wertungen weitgehend denen der Einheimischen, die uns von der Bedrohung der angeblich 600 000 Sans Papier, der Menschen ohne Papiere, erzählten oder von den Marokkanern, die auf dem Flohmarkt am Fuße des Mons des Arts Schrott, China-Dreck oder Diebesgut verhökerten und beim Auftauchen der Polizei verschwinden, um dann ungerührt wenige Minuten später wieder zur Stelle zu sein.
Im Unterschied zum kurzfristigen Besucher kann der dauerhaft residente Brüsseler einen Schuldigen für die Misere seiner Stadt benennen: Europa. Den Magneten für alles, was man hier nicht haben will.

Flucht in die Museen

Bitte nicht, möchte man ausrufen, nicht schon wieder das Europa-Bashing. Aber man entkommt den Diskussionen nur, wenn man sich in die Museen flüchtet, das Königliche Museum der Schönen Künste etwa oder das Magritte- oder das BELvue- Museum. Es gibt viele Museen und Kunstmessen in Brüssel, so dass die New York Times es zum „neuen Berlin“ kürte, und nimmt man die Kathedralen, wie die St. Michael und St. Gudula, und die Paläste hinzu, kann man sowohl der touristischen Vermassung zwischen Grand Place und Frittenbuden als auch dem Frust einheimischer Kneipenbetreiber elegant entfliehen.
Aber man fährt ja nicht in Belgiens und Europas Hauptstadt, um vor ihr dann zu fliehen. Von einer „misslungenen Urbanität“ erzählte uns der renommierte Architekt Marc Lavallee in Tournai. Doch Misslingen klingt nach einem Abschluss, etwas gewollt und etwas nicht geschafft haben. Brüssel ist dagegen im Aufbruch, ganze Viertel werden mit Hochhäusern umgestaltet. Unser Hotel Thon, Klotz in der Baustelle des City Centers, war nahe am Grand Place und doch mittendrin im sich modernisierenden Brüssel. Gerüste überall, vom renovierungsbedürftigen Justizpalast , der 1883 das größte Gebäude der Welt war und dessen Architekt Joseph Poelaert den Verstand verlor, bis zum neuen Sitz des Europäischen Rates, dem Justus-Lipsius-Gebäude. Immer geht es zunächst um Dominanz, klassischer Ausdruck eines Minderwertigkeitskomplexes. So war der Tour du Midi das höchste Gebäude der Europäischen Union, bis er vom Tour Montparnasse in Paris übertroffen wurde. Eine ikonografische Aussage zur Symbolik der EU wurde bislang nicht gewagt.

Für wen wird so wild gebaut?

Für wen wird so wild gebaut? Gibt es ein Narrativ der Stadt? Und wenn ja, für wen? Eines ist laut hörbar: Wir sind Hauptstadt und erfinden uns gerade neu. Das Bisherige war nur ein Behelf, jetzt verpuppt sich Europas Metropole zum Schmetterling. Gut, die Behörden und Instrumente des geeinten Europas brauchen Platz für ihre Mitarbeiter. Aber hat man auch eine Botschaft für sie, die doch Europa mit Leben erfüllen? Die sich aber nach Büroschluss sofort in ihre Häuser in die besseren Vororte Brüssels zurückziehen, wo sie sich vor Marokkanern und anderen Arabern sicher fühlen.
Jugendstilarchitektur fällt in Brüssel inmitten der Hochhäuser wohltuend ins Auge. Victor Horta und Henry van de Velde waren Pioniere des Jugendstils. Schönheit, die aus dem Notwendigen erwächst, ihm nicht angeheftet wird – das war die Hauptforderung, eine Verbesserung des Lebens der Menschen war ihr Ziel. Das war das Narrativ vor fast hundert Jahren. Und so eine kühne Idee fehlt heute, die beweist, dass Schönheit und Bauen, Kunst und Leben verschmolzen werden können.
Und welcher Architektur drückt die Freude, den Stolz und die Souveränität dieses einzigartigen und erfolgreichen Experiments aus, Europa Frieden und Wohlstand zu verschaffen - und das aufbauend auf dem Konsens aller Beteiligten, trotz des häufigen Streits? Die sahen wir nicht. Eine strahlende Demonstration einer selbstbewussten, multikulturellen Stadt, die sich als Tor zur Mehrsprachigkeit und Toleranz versteht? Auch nicht. Zweisprachige Straßenschilder, dreisprachige Ansagen, Englisch kommt als Lingua franca hinzu, weisen eher auf flämisch-französische Kompromissformeln hin als auf eine poly-kulturelle Stadt. Die Stadt lebt und leidet ihre Fragmentierung: Arm, reich, Europa, Touristen, Flamen, Wallonen, Sans Papiers, Marokkaner, Araber. Brüsseler? Soll es geben, sie hielten sich aber weitgehend versteckt. Marc Lavallee gab uns Recht in diesem Empfinden einer Stadt, die es nicht schafft, ihre Bewohner über die Architektur zu einen. Paris hat seine Erzählung, London, auch Berlin. Aber Brüssel? Lockert sich die Masse der Touristen, fallen die Betonbarrieren ins Auge. Diese Stadt fühlt sich im Belagerungszustand. Kein Pkw, kein Lkw kommt in die Straßen, die den Grand Place umgeben. Sie hat Angst. Ein vermutlich Drogenabhängiger, den wir spätabends auf der Straße liegen sahen, kam nicht sofort in den Genuss eines Notarztes. Der Feind wird im eigenen Haus vermutet, etwa in Molenbeek und den angrenzenden Vierteln, beispielsweise in Matongé im Stadtteil Ixelles, in denen zahlreiche Einwanderer aus Marokko und dem Kongo, einst Leopold II Privatbesitz, stammen. Aufgrund der Erfahrungen, die diese Stadt machen musste, sollte man ihre Ängste nicht als paranoid abtun.

Botschaft für die Sans Papiers

Gibt es eine Botschaft für die 600 000 Sans Papiers, eine Zahl, die angesichts der offiziell genannten von 40 000 Marokkanern maßlos übertrieben und nur der Angst geschuldet scheint? Etwa: Wir heißen Euch willkommen, obwohl wir Angst vor Euch haben? Und wie setzt man so etwas in Urbanität um? Für die Sans Papiers würde wohl zunächst eine bedingungslose Aufenthaltsgenehmigung genügen. Im neuen Centre Pompidou am Kanal haben wir eine Antwort gesucht, vergeblich. Das Centre Pompidou ist kein kultureller Leuchtturm, eher ein Wachturm im arabischen Umfeld. Der Widerstand gegen es wird wohl zu seiner Schließung führen. Die einen fürchten sich vor einem französischen Kulturimperialismus, weil man an die Zentrale in Paris jährlich etwa 2 Millionen Euro Tantiemen abdrücken müsse, die anderen vor dem Weg dorthin. Auch wir wechselten die Straße, als sich in einer Gruppe junger Männer Unruhe auslöste, die uns galt. Und das morgens, kurz nach der Eröffnung des Centre Pompidou. Hinter dem Kanal beginnt Molenbeek und auch auf dieser Seite ist die Zahl der Brüsseler und der Touristen, die sich für marokkanische Küche begeistern, geringer als die Zahl derer, die sie betreiben.
Was ist mit den Flamen der Stadt, was mit den Wallonen? Was hat Brüssel ihnen zu sagen? Der alte Sprachen- und Kulturstreit scheint überwunden. Die Angst eint, der Hass ist Sache von Vereinen und Parteien. Man zieht sich ins Private zurück, selbst wenn man ausgeht. Das Goupil le fol ist ein wunderbares Beispiel dafür. Wer rein will in diese Bar, muss an einer Rezeption vorbei, wo man die Getränke ausgehändigt bekommt. Dann steht einem auf drei Etagen eine Welt voller Bücher und Bilder offen, die man in plüschigen Sofas in Ruhe bewundern kann. Ohne Touristen, ohne Kinderwagen mit verschleierten Müttern, ohne Beton.

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