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Die Menschheit hätte sich ein Paradies schaffen können - 100 Jahre Bauhaus

Die Menschheit hätte sich ein Paradies schaffen können - 100 Jahre Bauhaus

Hans-Herbert Holzamer
13.10.2018, 16:38 Uhr
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Die Baustelle des neuen bauhaus museum weimar, die Bauhaus-Universität, das Haus des Volkes in Probstzella, die Dornburger Keramik-Werkstätten. 2019 findet das 100-jährige Gründungsjubiläum des Bauhauses statt, und man sollte meinen, eine Reise aus diesem Anlass würde und sollte zu den Memorabilien der Architektur und des Kunsthandwerkes führen. Ja, schon, aber wirklich interessant sind die Menschen, welche die Moderne wagten, die Zukunft nach dem grausamen 1. Weltkrieg. Es gingen ihnen um etwas Neues, nicht den neuen Menschen, das ist immer derselbe Adam, aber um eine Zukunft frei von Tod, Chaos, Mangel, Elend, allem Wilhelminischem, Unfreiheit und Krieg. Und um die Radikalität ihres Vorhabens zu unterstreichen, sagten sie adieu zu Prunk und Protz. Klare Linien, einfache Formen, festgelegten Farben das war ihr Credo. Und so wollten sie etwas, was nicht gehen konnte, das Handwerk mit der Kunst versöhnen, die Studenten lehren, etwas zu entwerfen, das schön, aber industriell herzustellen wäre, damit es sich jeder leisten könne. Die Widersprüche brachten die wichtigsten Vertreter aus- und gegeneinander. Die Umwelt konnte ohnehin wenig mit ihnen und ihren Ideen anfangen. Dabei hätte man anderes vermuten können, wurde doch 1919 in Weimar nicht nur das Bauhaus, sondern auch Deutschlands erste Demokratie begründet , die Weimarer Republik. Aber während das Bauhauses für Aufbruch und Ausprobieren steht, für das Experimentieren wurde mit Materialien, Formen und Farben, mit neuen Wohnmodellen und Lehrmethoden. Und während Künstler wie Paul Klee, Wassily Kandinsky, Lyonel Feininger, Marcel Breuer oder Marianne Brandt dem Ruf von Walter Gropius nach Weimar folgen, kann sich die junge Republik nicht dem tödlichen Würgegriff der Gestrigen entziehen. Ihr Schicksal ist bekannt, die des Bauhauses auch: 1919 in Weimar gegründet, 1925 nach Dessau umgezogen, weil man sich dort eine liberalere Umgebung erhoffte, und 1933 in Berlin unter dem Druck der Nationalsozialisten geschlossen. Es bestand nur 14 Jahre, wie die Weimarer Republik. Dennoch wirkt die legendäre Hochschule für Gestaltung bis in die Gegenwart fort. Noch heute inspirieren die Bauhaus-Ideen Architekten, Designer und Künstler weltweit und wirken in unseren Alltag fort Warum? Weil heldenhafte Männer und Frauen für ihre Ideen einstanden, und weil diese Ideen heute noch kraftvoll sind.
Also machen wir uns auf, diese Männer zu besuchen.
Beginnen wir in Weimar, und gehen ein paar Jahre vor die Bauhausgründung zurück. Kurz nach der Jahrhundertwende wurde van de Velde Leiter der Großherzoglich Sächsischen Kunstgewerbeschule Weimar. Großherzog Wilhelm Ernst hatte ihn beauftragt, sich besonders um die Produktkultur der Kunsthandwerksbetriebe und Industrie im Land zu kümmern, die bald erfolgreich nach seinen Entwürfen arbeiteten, die dem Jugendstil verhaftet waren. In der Ausstellung „Van de Velde, Nietzsche und die Moderne um 1900“ im Neuen Museum Weimar wird deutlich, dass bereits um die Jahrhundertwende Kunst, Gestaltung und Lebensart ein vielfältiges Streben nach neuen Ausdrucks- und Lebensformen erkennen lassen. Realismus, Impressionismus und der Jugendstil in Malerei, Plastik und Kunstgewerbe. Friedrich Nietzsche, Harry Graf Kessler und eben Henry van de Velde stellen sich als Wegbereiter der frühen Moderne in Weimar. Doch warum musste van de Velde gehen? Weil er als Belgier ein Feind war. Plötzlich. In der ebenfalls am 6. April 2019 beginnenden Ausstellung „Das Bauhaus kommt aus Weimar“ im bauhaus museum weimar kann man sehen, wie sich das Bauhaus aus zum Zentrum der internationalen Avantgarde entwickelte. Der Architekt Walter Gropius gründete hier 1919 die weltberühmte Hochschule für Gestaltung als Staatliches Bauhaus zu Weimar. Gropius stammte aus bestem Hause, war ein Großneffe des Architekten Martin Gropius, einem Schüler Karl Friedrich Schinkels, verheiratet mit Alma Mahler, dann der Journalistin Ise Frank. Er ist einer der vielen Intellektuellen, die im Elfenbeinturm ihrer Disziplin ihren Streitereien und Eifersüchteleien nachgingen, aber dem restaurativen Druck der mittelmäßig begabten Spießer nichts entgegensetzen. 1925 wich Gropius mit der Schule nach Dessau aus, was nur eine Verschnaufpause brachte. 1933 wurde sie unter dem Druck der Nationalsozialisten geschlossen. Ihre Ideen haben die Bauhäusler dagegen in die Welt getragen – nach Tel Aviv und Chicago, nach Santiago de Chile, Moskau oder Tokio.
In Weimar lebt das Bauhaus nicht nur in den Museen weiter, die Bauhaus-Universität mit erhaltenen Treppenhäusern, Wandbildern und dem rekonstruierten Gropiuszimmer ist ein lebendes Kunstwerk, das von ihren Studenten gezeigt wird, das „Haus Am Horn” kann als erstes architektonisches Zeugnis des Bauhauses bewundert werden. Weitere stehen in Jena und Erfurt.
Aber das Bauhaus nicht nur Architektur meint, das kann ein Besuch bei Otto Lindig im Keramik-Museum Bürgel und der Keramik-Werkstatt Dornburg belegen. Lindig war ein Schüler der Keramik- und Modellierklasse der Großherzoglichen Kunstgewerbeschule Weimar unter Henry van de Velde, und von beiden sind Meisterwerke in der Sonderausstellung „Otto Lindig – Die Dornburger Zeit“ zu sehen. Im herzoglichen Marstall des Rokokoschlosses in Dornburg übernahm das Bauhaus die Töpferwerkstatt Krehan. Dort war der Arbeitsplatz von Gerhard Marcks, Max Krehan, Otto Lindig, Marguerite Friedlaender, Wilhelm Löber und Theodor Bogler. Es war die einzige Bauhauswerkstatt außerhalb Weimars. Für eine Vase, die in Dornburg zu sehen ist, erhielt Lindig 1937 den Grand Prix der Pariser Weltausstellung. Eine Sonderausstellung von April bis Juni 2019 ist „Wilhelm Löber, der vergessene Bauhäusler – von Dornburg zur Rügenkeramik“ gewidmet. Löber ist durch das Vogelweidedenkmal in Halle und den Goethebrunnen in Ilmenau bekannt geworden, die den Nationalsozialisten als „entartete Kunst“ galten. Er war Mitbegründer der Fischlandkeramik, und 1967 begründete er die Rügenkeramik. In Norddeutschland ist Löber mit zahlreichen Skulpturen vertreten. Auch die Keramiker mussten schließen, als in Thüringen mit Wilhelm Frick der erste nationalsozialistische Minister in einer deutschen Landesregierung an die Macht kam und Paul Schultze-Naumburg zum Direktor der Weimarer Kunsthochschule berufen wurde.
Neben den Architekten und Keramikern ist in Erfurt Margaretha Reichardt zu besuchen, neben Gunta Stölzl eine der erfolgreichen Gestalterinnen aus der Textilwerkstatt des Bauhauses und Erfinderin des „Eisengarns“. In ihrem Haus kann noch heute Webereikunst an originalen Handwebstühlen erlebt werden.
Sicherlich geht man an vielen „Bauhäuslern“ vorbei, aber ein Weg muss zum „roten Itting“ führen nach Probstzella. Er war ein Industriepionier, Sozialdemokrat und ein Menschenfreund. Sein Leben zeige, sagt sein Biograph Roman Grafe über ihn, „wie das zwanzigste Jahrhundert in Deutschland war, und auch, wie es hätte sein können.“ Drei Wochen vor seinem Tod im Mai 1967 notiert Franz Itting: „Ich hatte die Überzeugung, dass sich die Menschheit ein Paradies schaffen könnte.“ Nach Probstzella und Umgebung brachte er Strom und industrielle Fertigung, neidische Mitbürger diffamierten ihn, die Nazis schickten ihn durch ihre Gefängnisse, die Einheitssozialisten nahmen ihm sein Hab und Gut, bis auf das, was direkt hinter der Grenze in Bayern lag. Bekannt ist er durch sein „Haus des Volkes“ geworden, das ein kultureller Mittelpunkt der Region war und es auch einfachen Leuten erlaubte, ein hochstehendes kulturelles Angebot wahrzunehmen.
Man kann mit einigem Anspruch auf Verständnis den Jugendstil schöner finden als die Formen- und Farbensprache eines Walter Gropius, aber den Männern des Bauhauses und ihren Idealen darf man den Respekt nicht versagen. Auch 100 Jahre nach der Gründung nicht, und heute schon gar nicht. Und eine angemessene Form des Respektes ist ein Besuch.

Information

Insgesamt wird es in Thüringen mehr als 50 Ausstellungen, Feste und Veranstaltungen geben. Auch international renommierte Veranstaltungen wie die Thüringer Bachwochen, die Liszt Biennale Thüringen oder die ACHAVA Festspiele greifen das Jubiläumsjahr in ihren Programmen auf. Die BauhausCard, die Grand Tour Thüringen, ein digitaler Kulturreiseführer und der Festmonat April werden für das Themenjahr in Thüringen werben. Alle Informationen zu Veranstaltungen, Ausstellungen und Reisetipps sind auf der Seite www.bauhaus.thueringen-entdecken.de zu finden.

2 Kommentare

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Vielen Dank für deinen Beitrag. Hätte das alles in den sechziger Jahren begonnen, als ein stilistischer Durchhänger zu oft kuriosen Verirrungen führte, hätte sich die Bauhausbewegung anders entwickeln können. In der Architektur beobachte ich gerade wieder eine Rückbesinnung. Vielleicht erlebt die Klarheit ja eine Renaissance.
  • 13.10.2018, 17:14 Uhr
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Die Bauhaus Architektur und deren Lebensentwürfe sind beeindruckend.
  • 13.10.2018, 17:05 Uhr
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