Die Welt ist bunt. Danke!
Die Welt ist bunt. Danke!Foto-Quelle: pixelio.de/gänseblümchen

Die Welt ist bunt. Danke!

Beitrag von wize.life-Nutzer

Kürzlich hatte ich ein Erlebnis, von dem ich Euch erzählen möchte.

Ich hatte einen Termin bei meiner Frauenärztin. An der Anmeldung wurde ich schon vorgewarnt; "Die Frau Doktor wurde heute schon zu einem Notfall gerufen. Sie müssen deshalb mit einer etwas längeren Wartezeit rechnen."

Im Wartezimmer gings schon lebhaft zu. Durch die längere Wartezeit hatten sich die Damen anscheinend schon
etwas "angefreundet" und man unterhielt sich gut.

Es war schon einige Zeit vergangen, als eine junge Frau dazu kam. Sie grüßte auffallend freundlich und hatte in einem Tragekorb ihr Baby dabei. Sie stellte den Korb ab, brachte ihre Jacke zur Garderobe und setzte sich dann mit ihm auf den freien Stuhl gleich neben der Türe. Dann nahm sie das Kind aus dem Körbchen, setzte es zu sich auf den Schoß, lachte und scherzte mit ihm. Mir viel auf, daß es sich anscheinend um ein sehr fröhliches und zufriedenes Baby handelte.

Auch an unseren Gesprächen beteiligte sich die junge Frau sehr lebhaft und sie konnte dabei so herzlich lachen.
Nach einiger Zeit schlief das Kind auf ihrem Arm ein. Ich stand auf, um mir eine Zeitschrift zu holen und fragte:" Soll ich ihnen auch etwas Lesestoff mitbringen, dann müssen sie mit dem Kind nicht aufstehen?"
Freundlich erwiderte sie: "Das ist sehr nette von ihnen, aber ich kann nicht lesen, ich bin blind."
Es wurde plötzlich ganz still im Zimmer und wir sahen uns betroffen an.
Die junge Frau aber sagte:" Jetzt habe ich sie bestimmt erschreckt, aber ich bin seit meinem siebten Lebensjahr,
nach einem Unfall, erblindet. Ich komme mit dem Leben gut zurecht. Seit der Geburt meiner Tochter ist alles noch viel schöner und abwechslungsreicher geworden. Mir geht es wirklich gut.
Mein Mann hat uns mit dem Auto hergebracht und holt uns auch wieder ab."
Ich sagte ihr, daß man ihre Behinderung überhaupt nicht bemerke und daß ich sie sehr bewundern würde. Alle anwesenden Frauen stimmten mir zu.

Dann erzählte sie uns, daß sie schon viele Jahre hier in Behandlung sei und die Räumlichkeiten dadurch sehr gut kenne. Wenn sie an der Garderobe stehe, spüre sie genau, ob der Stuhl neben der Tür frei sei. Wenn ja, nehme sie immer dort Platz.
Mit der Versorgung des Baby's hätte sie keinerlei Probleme. Wenn sie aber Hilfe bräuchte, wäre ihre Schwiegermutter, die bei der jungen Familie lebt, gerne zur Stelle.
Das alles erzählte sie uns so fröhlich und nett und wir merkten dabei nicht, wie schnell die Zeit verging. Als ich
in den Behandlungsraum gerufen wurde verabschiedete sie sich ganz herzlich von mir.

Seit dieser Begegnung habe ich oft an diese Frau gedacht. Wie sie unglaublich tapfer ihr Schicksal meistert,
wie fröhlich und liebevoll sie mit ihrem Kind umgeht, wie ansteckend sie lachen kann.

Ich denke mir, ich habe wahrlich keinen Grund unzufrieden, oder undankbar zu sein. Ich kann täglich die Welt mit ihren bunten Farben sehen und nehme dieses Geschenk als selbstverständlich hin.

Ganz fest habe ich mir vorgenommen, mich öfter mal "dort oben" zu bedanken.