Chiffre 247
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Chiffre 247

Beitrag von wize.life-Nutzer

Genau einunddreißig weiße und auch ein paar farbige Briefumschläge fallen mir aus dem großen braunen Umschlag mit der Aufschrift "Chiffre 247 " entgegen. Die Anzeigenabteilung unseres Lokalblättchens hat sie mir zugeschickt. Mit so vielen Antworten auf meine Annonce hatte ich nicht gerechnet, gerade hier nicht, bei uns auf dem Lande.
Ich setze mich an den hellen Wohnzimmertisch und öffne den ersten Brief, dann den zweiten, dritten und lese, lese, lese. Draußen taucht die Sonne den Horizont schon in ein mildes Abendrot doch ich bin noch immer in die Briefe vertieft.
Eine Geschäftsfrau in den späten vierzigern schreibt mir von ihrer Angst im Umgang mit ihren Kunden und Geschäftspartnern. Sie hat eine Sozialphobie, weiß das auch, bekommt ihre Angst aber nicht in den Griff. Else ist eine verwitwete Rentnerin mit einer furchtbaren Angst vor dem Tod. Sie nimmt täglich viel zu viele Beruhigungstabletten, weil die Ärzte sich mit einer alten Frau keine Mühe mehr geben, sie nur ruhig stellen wollen. Aber Else will wieder am Leben teilhaben nicht nur noch dahindämmern mit all den Medikamenten, sie will einfach wieder frei von ihrer Angst leben. Uwe ist ein Mann in den besten Jahren, er hat nach einem Autounfall Angst alleine Auto zu fahren. Dabei ist er Vertreter und dauernd unterwegs. Er ist nun schon ein halbes Jahr krank geschrieben, hat viele Stunden Psychotherapie hinter sich, bislang ohne Erfolg. Er hat Angst seinen Arbeitsplatz, seine Existenzgrundlage zu verlieren. Ebenso mitten im Leben stand Jürgen. Ein erfolgreicher Geschäftsmann bis vor zwei Jahren. Auch er hatte einen Autounfall mit erheblichen Verletzungen. Seitdem bekommt er Panikattacken sobald er sich in ein Auto setzt. Eine Konfrontationstherapie in einer Klinik schlug fehl. Ein verzweifelter Hilferuf kommt von einem Mann Anfang sechzig. Willi hat eine unsägliche Angst davor krank zu werden, mindestens einmal wöchentlich ist er beim Arzt oder im Krankenhaus zu finden, wo er sich allen, auch noch so unangenehmen Untersuchungen, wie einer Magenspiegelung freiwillig unterzieht. Seine Krankenkasse verweigert jetzt aber die Zahlungen und er weiß nicht mehr wie er ohne die ständigen Versicherungen der Ärzte, völlig gesund zu sein weiterleben kann. Panikattacken überfallen eine junge Frau wenn sie alleine aus dem Haus gehen möchte. Sie verlässt es nur noch in Begleitung ihres Vaters. Nach einem Discobesuch vor sechs Jahren lauerten ihr drei ortsansässige Burschen auf und einer wurde sexuell übergriffig. Seit diesem Tag ist ihr Leben und sind ihre Träume nur noch angstbesetzt. Kirsten kam mit starken Depressionen in eine Klinik. Als sie nach sechs Wochen entlassen wurde, hatte ihr Mann eine neue Freundin und die Schlösser am gemeinsamen Haus austauschen lassen. Sie erinnerte sich vage ihrem Mann in der Klinik, in vollem Vertrauen und unter Medikamenten stehend, etwas unterschrieben zu haben. Es war ihre Zustimmung zu einer einmaligen Abfindung von zehntausend EUR bei Scheidung. Das gemeinsame Haus stand auf den Namen ihres Mannes im Grundbuch. Nun war sie fast fünfzig, psychisch krank , geschieden und ohne Aussicht auf Arbeit.

Langsam stehe ich jetzt erst einmal auf, öffne das Fenster zum Garten und atme tief durch.
Zweifel überkommen mich.
Hoffentlich habe ich mich mit dem Angebot einer Angstselbsthilfegruppe nicht übernommen.
Soviel Leid, so viele verschiedene Ängste, so viele unterschiedliche Menschen, Probleme, soviel Verzweiflung und scheinbare Ausweglosigkeit.

Ich habe diese Selbsthilfegruppe sieben Jahre geleitet.
Wir haben mit Sozialverbänden und Ärzten zusammengearbeitet, Selbsthilfegruppentreffen organisiert , Flyer gestaltet, Yogastunden abgehalten, Gruppenstunden mit Psychologen durchgeführt. Es waren anstrengende Jahre, aber auch Jahre, in denen ich sehr vieles gelernt, verstanden und für mein weiteres Leben mitgenommen habe. Ich habe Freunde gewonnen und habe in die Vulnerabilität der menschlichen Seele erfahren dürfen.

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