Schreibwerkstatt/Reizwort Bahnhof/ Gesichter des Bahnhofs
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Schreibwerkstatt/Reizwort Bahnhof/ Gesichter des Bahnhofs

Beitrag von wize.life-Nutzer

Gesichter des Bahnhofs
Bahnhof...dazu fällt mir der so oft gesprochene Satz ein: ich verstehe nur "Bahnhof"...womit gemeint ist, dass man NICHTS von dem verstanden hat, was der Andere gesagt hat.
Diesen Spruch gibt es ja schon etwas länger. Wenn nicht, hätte ich ihn nach meiner letzten Bahnfahrt erfinden können, weil im Umsteigebahnhof mal wieder Meldungen über Änderungen der Bahnsteige und Abfahrtszeiten aushingen und nicht festzustellen war, welche denn zuletzt kam und somit gültig ist! Leider sind die Umsteigezeiten so kurz, dass man keine Zeit für einen Fehlversuch hat. Hat man falsch gewählt und wechselt dann den Bahnsteig, sieht man nur noch die Rücklichter vom abfahrenden Zug. Passiert einem leider auch, wenn man nicht schnell genug zu Fuss ist. Einmal war es der letzte Zug für den Tag und ein junges Mädchen mit einem Gehgips war ebenso wie ich nicht schnell genug. Glück für sie: sie hatte denselben Ort als Ziel und ich erreichte meinen Ex-Ehemann, der uns dann abholte (das Geld für ein Taxi wäre für uns beide jenseits von Gut und Böse gewesen...wären so um die 60 km gewesen).
Meine Gefühle bezüglich Bahnhof sind gespalten - in Verbindung mit "Zugfahren" sind sie durchweg negativ und ich könnte ganze Bücher darüber schreiben. Angefangen mit dem Wochenendticket, das so preiswert war, das es mich dazu verleitete, eine Brieffreundin zu besuchen, die ich bis dahin nur per Brief und Telefon kannte und damit endete, dass in dem Moment, wo mein Zug in Rheine in den Bahnhof fuhr, der letzte Zug den Bahnhof verlies. Meine Kinder und ich wurden Minuten später aus dem Bahnhof geworfen wurden, da der Bahnhof abgeschlossen wurde (der Mann war NICHT bereit, uns im Bahnhofsgebäude zu lassen!), sodass meine Kinder und ich (es war kurz vor Ostern und somit kalt) von Mitternacht bis morgens gegen 6 Uhr auf der Bahnhofstreppe VOR dem Bahnhofsgebäude übernachten mussten und am nächsten Tag völlig durchgefroren Zuhause ankamen. Erstmal mussten wir uns in der Badewanne aufwärmen, um uns überhaupt wieder normal bewegen zu können - so erstarrt waren wir von der Kälte!
Bei einer anderen Gelegenheit (ich war bereits gehbehindert und zu Fuß sehr langsam...der Rest der Umsteiger eilte sich und war vor mir im Zug), wollte der Zug abfahren. Mein Freund drohte, sich vor den Zug zu stellen, wenn er nicht noch einen Moment warten würde...der anwesende Bahnangestellter drohte zurück... (nach dem Motto: es ist verboten, sich auf die Gleise zu stellen), worauf mein Freund mit der Frage konterte: " was wollen sie tun?" An dem Punkt erreichte ich gerade den Zug und die Diskussion war damit beendet... (der Bahnhof wird seit Jahren umgebaut, hat Treppe und Unterführung, aber keinen Fahrstuhl...gewöhnlich bin ich mit einem Elektrorolli unterwegs, den aber auch mein Freund alleine nicht die Treppen runter und rauf bekommt, denn dafür ist der zu schwer....nimmt man ihn auseinander, geht es, aber dafür braucht man Zeit)...manchmal verzichte ich auf den Rolli (momentan kann ich gehen, was nicht zu allen Zeiten so war und Schwankungen unterliegt), bin aber "zu Fuß" dann recht langsam. Die Umsteigezeit ist mit 6 Minuten eh knapp bemessen und wenn der reinkommende Zug Verspätung hat, ist sie noch kürzer. (Nachdem ich in der Vergangenheit reichlich "Lehrgeld" bezahlt habe, fahre ich heute meist in Begleitung und diese spricht sich meist im Vorfeld mit der Bahnhofsmission ab. Leider ist die auch nicht immer besetzt...(wenn das, was ich vorhabe nicht so klappt und ich gezwungen bin, einen späteren Zug zu nehmen, stehe ich wieder vor den selben Problemen). Dort, wo der Bahnhof nur ein Bahnhof ist - im Gegensatz zu den Bahnhöfen, die zu "Einkaufzentren" gemacht wurden- ist man echt verraten und verkauft (und ich meine nicht die kleinen Bahnhöfe von einem Dorf...Kreiensen ist ein Hauptumsteigepunkt und Kreuzpunkt von Nord-Süd- und West-Ost-Routen und auch Rheine ist kein abgelegener Endbahnhof).
Als Einkaufzentrum und Treffpunkt schätze ich z.B. den Bahnhof von Hannover sehr (dort komme ich auch alleine mit dem Rolli zurecht und kann problemlos die Ebenen wechseln).
Es gibt dort ein Geschäft mit Zeitungen und Zeitschriften, die man nirgendwo anders in der Stadt bekommt! Und wenn ich da rein gehe, muss ich ab und an auf die Uhr schauen, weil sonst plötzlich und völlig unerwartet ein paar Stunden rum sind. Ich wohnte 20 Jahre in Hannover...die Hälfte davon vor meiner Erkrankung. Das war eine Zeit, wo ich wenig Zeit hatte und es manchmal durchaus genossen habe, spät abends oder nachts etwas machen zu können, ohne eines meiner Kinder im Schlepptau zu haben ( Kinder langweilt es natürlich, wenn ich stundenlang in Zeitungen oder Büchern blätter...). Hinzu kommt, dass der Bahnhof nachts schon seine eigene Atmosphäre hat und sicherlich auch sein eigenes Publikum. Angefangen von den Obdachlosen, die sich dort über ein warmes Plätzchen freuten (freuten...-also Vergangenheit- deswegen, weil die Stadt alles unternimmt, um diese dort weg zu kriegen...mich hat noch nie einer von ihnen belästigt...aber ich habe schon mal einen von denen eine Fahrkarte gegeben, als die "schwarzen Scheriffs" sich in der U-Bahn-Station die Fahrkarten zeigen ließen, da der Zutritt nur mit einer gültigen Fahrkarte erlaubt ist...und ich erinnere mich recht gut an meine Übernachtung auf der Bahnhofstreppe in Rheine!). Die Hektik, die tagsüber den Bahnhof beherrscht, hat sich spät abends gelegt und alles ist etwas ruhiger und gemächlicher. Die Ecken sind nicht so hell ausgeleuchtet, sondern in sanftes Kunstlicht getaucht. Die meisten Menschen, die zu der Zeit dort sind, haben es nicht eilig. Die Geschäfte im Bahnhof haben auch Sonntags auf und wenn man in der Woche nicht zum Einkaufen gekommen ist oder etwas vergessen hat, kann man das dort in Ruhe nachholen. In der Regel sind die Geschäfte im Bahnhof dann nicht voll. Ich habe mich früher oft gefragt, ob sich das finanziell überhaupt rentiert - und gehofft, dass die nicht irgendwann zumachen (ist schon etliche Jahre her...ich war schon lange nicht mehr nachts im Bahnhof von Hannover). So, wie es "Frühaufsteher" gibt, gibt es auch "Nachteulen". Ich gehöre eindeutig zu letzeren. Kinder und Arbeit hatten mir zwar zwangsläufig den Rhythmus der "Frühaufsteher" aufgezwungen, aber sowie ich Gelegenheit bekam, da für kurze Zeit auszubrechen, tat ich das (und verzichtete dafür dann auch manches Mal auf Schlaf - wenn man jung ist, geht das ab und an). Nachts ist alles weniger hektisch. Taxifahrer holen sich einen Kaffee, Leute, die noch etwas in der Woche Vergessenes einkaufen, haben es nicht eilig und selbst die Leute, die dort an der Kasse sitzen, sind eher froh über einen Kunden...(denn gar keine Kunden hieße, sich über seinen Arbeitsplatz sorgen zu müssen) und keine Schlange hinter mir, die darauf hofft, dass ich möglichst nicht mit meinem Kleingeld bezahle...
Zu späterer Stunde bietet sich der Bahnhof Hannover durchaus für einen entspannten Einkaufsbummel an, den man dann im Kino und/oder Restaurant fortsetzen oder beenden kann - je nachdem, wonach einem ist.
Bei einem meiner "Einkaufsbummel" im Bahnhof entdeckte ich folgende Karte:

SPUREN IM SAND
Eines Nachts hatte ich einen Traum:
Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn.
Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten,
Streiflichtern gleich, Bilder aus meinem Leben.
Und jedesmal sah ich zwei Fußspuren im Sand,
meine eigene und die meines Herrn.
Als das letzte Bild an meinen Augen vorübergezogen
war, blickte ich zurück. Ich erschrak, als ich entdeckte,
daß an vielen Stellen meines Lebensweges nur eine Spur
zu sehen war. Und das waren gerade die schwersten
Zeiten meines Lebens.

Besorgt fragte ich den Herrn:
"Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen, da hast du
mir versprochen, auf allen Wegen bei mir zu sein.
Aber jetzt entdecke ich, daß in den schwersten Zeiten
meines Lebens nur eine Spur im Sand zu sehen ist.
Warum hast du mich allein gelassen, als ich dich am
meisten brauchte?"

Da antwortete er:
"Mein liebes Kind, ich liebe dich und werde dich nie
allein lassen, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten.
Dort wo du nur eine Spur gesehen hast,
da habe ich dich getragen."

Originalfassung des Gedichts Footprints (c) 1964 Margaret Fishback Powers;
deutsche Fassung des Gedichts Spuren im Sand (c) 1996 Brunnen Verlag, Gießen.

(die Karte mit den "Spuren im Sand" konnte ich nicht kopieren...http://4.bp.blogspot.com/_w3vmWEhU2dE/TSeJSh5Qj0I/AAAAAAAAACI/iJeeDkq1SsA/s1600/Spuren_im_Sand202.jpg)


An dem Tag ging es mir nicht so gut und wenn ich bei einem Einkaufsbummel etwas "Nettes" entdecke, hebt das durchaus meine Gemütsverfassung (das können Kleinigkeiten sein, wie ein besonders hübscher Stein, eine Zeitschrift, die ich lange nicht gelesen habe, weil es sie sonst nirgends zu kaufen gibt, oder eine andere Kleinigkeit).
An dem Tag "passte" die Karte jedenfalls zu meiner Stimmung...