Endstation

Beitrag von wize.life-Nutzer

Der kleine, unscheinbare Bahnhof lag mitten im Nichts.
Als unser Zug ihn erreichte dämmerte es schon und ich drückte mir die Nase an der Scheibe des Abteils platt, um die Umgebung besser erkennen zu können.
Zwei schon recht ausgefahrene Gleise trafen sich im Innern des Bahnhofs. Der eine Gleis, derjenige, der uns gerade hierher brachte und ein weiterer, der den Bahnhof in eine mir unbekannte Richtung verließ.
Die Bremsen des Zuges quietschten unwillig, als wir in den Bahnhof einfuhren. Der Zug verringerte nach und nach behutsam sein Tempo und kam schließlich mit einem kleinen Ruck zum stehen.
Die Türen öffneten sich wie von Geisterhand und die Passagiere stiegen aus. Es war eine illustre Gesellschaft, die nun recht zögerlich den schmalen Bahnsteig betrat.
Wir betrachteten einander prüfend, konnten uns aber nur schemenhaft erkennen. Da waren Menschen in weissen Kitteln, andere mit unspektakulären Alltagsklamotten, dann einige Halbbekleidete und sogar etliche in Schlafanzügen.
Es gab weder Lampen noch irgendeine andere Beleuchtung auf den beiden, mit rauhen Platten gefliesten Bahnsteigen, nur in weiter Ferne schimmerte ein weisses diffuses Licht.
"Passagiere, die weiterfahren, bitte auf Gleis zwei" schepperte eine monotone Stimme aus einem Lautsprecher, den ich jedoch nirgends entdecken konnte.
Die meisten Menschen setzten sich sofort in Bewegung, verschwanden in einer schmalen Unterführung, die sie schliesslich wieder nach oben zu Bahnsteig zwei führte.
Ich jedoch zögerte, irgendetwas lies mich einfach stehen bleiben. Noch einigen wenigen Menschen schien es genauso zu gehen, sie verharrten ebenso regungslos auf der Stelle.
Der Zug von Gleis zwei fuhr gerade ein.
Ich musste mich jetzt entscheiden, wohin sollte ich fahren, aber wohin fuhren die beiden Züge denn überhaupt?
Da sah ich plötzlich zwei Schilder an den Gleisen stehen, die mir bislang gar nicht aufgefallen waren. Sie waren jeweils am Ende des Bahnhofs einbetoniert und so weit weg, dass ich deren Aufschrift nicht entziffern konnte.
Der Zug, mit dem wir soeben eingelaufen waren hatte mittlerweile irgendwo gewendet und kam nun erneut vor uns zum stehen. Die Türen öffneten sich weit und wie willenlose Marionetten stiegen wir ein. Der Zug setzte sich, geschmeidig wie eine lauernde Schlange im nassen Gras in Bewegung. Zurück in dieselbe Richtung aus der wir gerade gekommen waren. Durch das Fenster meines Abteils sah ich nun auch den anderen Zug abfahren. In die entgegengesetzte Richtung.
Mir war mulmig zumute und meinen nur noch wenigen Mitreisenden wohl auch, denn sie sahen leichenblass und verwirrt aus.
Wir fuhren nun zurück, aber wohin zurück, und wohin fuhren die anderen?
Die Schilder fielen mir ein, sie standen am Ausgang des Bahnhofs, und den würden wir gleich passieren. Ich musste sie entziffern. Waren sie die Lösung?
Da, da waren sie schon, genauso alt und verwittert wie die Gleise und wie überhaupt alles in diesem unheimlichen Bahnhof.
Ich starrte in diese verdammte Dämmerung, wischte mir über die brennenden Augen, die vom konzentrierten Schauen schon anfingen zu tränen. Die Schilder kamen immer näher, die Schilder von Gleis eins und zwei standen ganz nah zusammen.
Himmel, ich konnte die Buchstaben, die Aufschrifft einfach nicht entziffern, es war viel zu dunkel. Ich zitterte vor Anstrengung und Erregung. Doch da, plötzlich, es war schier unfassbar, begannen die Buchstaben auf beiden Wegweisern grell zu strahlen.
"Zurück ins Leben" leuchteten die Buchstaben gross und deutlich von dem Schild auf Banhnsteig eins, von unserem Gleis. Zurück ins Leben.
Oh mein Gott, eine vage Ahnung beschlich mich. Ich musste Gewissheit haben, musste wissen was auf dem anderen Schild geschrieben stand, wohin der Zug die Menschen von Bahnsteig zwei brachte.
Wie hieß die Endstation des anderen Zuges, unheimliche Gedanken jagten durch meinen Kopf, war es gar unser aller, der Kloss in meinem Hals wurde deutlicher spürbar, unser aller letztes Ziel?
Doch da, schlagartig erlosch das helle Leuchten und die Aufschriften der Schilder und alles ausserhalb des Zuges versank wieder im undurchdringlichen Dunkel. Es war zu spät.

Erschöpft aber innerlich zutiefst aufgewühlt lehnte ich mich in den grauen abgewetzten Sitz zurück. Die Wahrheit war ungeheuerlich. Ich, nein wir, hatten diese letzte Reise ganz einfach zu früh angetreten.
Wieder durchquerten wir nun das undurchdringliche Nichts zurück in unsere alten Leben, aber jetzt mit der Gewissheit, dass wir uns eines Tages genau hier wieder einfinden würden.
Hier, auf diesem kleinen Bahnhof, mit seinen beiden im Dämmerlicht liegenden Bahnsteigen, um dann aber zusammen mit den anderen Menschen die schmale Treppe hinunter durch die Unterführung auf Gleis zwei zu gehen.
Und dann, wenn der Zug von Gleis zwei die beiden dicht zusammenstehenden Schilder passieren würde, dann endlich würde auch für uns die Aufschrift des Schildes von Gleis zwei lesbar sein.

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