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Frühjahrsputz

Frühjahrsputz

08.04.2014, 19:58 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Endlich war der Winter vorüber.
Blau strahlte der Himmel mit der Sonne um die Wette.
Die Stare waren aus ihrem Winterquartier zurück und Krokusse, Tulpen, Osterglocken und Primeln verbreiteten einen zarten Frühlingsduft.

Er freute sich sehr, konnte endlich dem Muff der Wintermonate im Haus entkommen. Vor allem jedoch dem ständigen Genörgel und Gekeife seiner Frau. Ihre Ordnungs- und Putzwut trieb ihn fast in den Wahnsinn. "Bring die Zeitung SOFORT raus, wenn du sie gelesen hast und lass´ sie nicht auf dem Sofa liegen" oder "wenn du aufhörst zu lesen, dann stell dein Buch gleich in das Bücherregal zurück", "tu dieses, mach´ jenes" und dergleichen mehr.

Er hatte es so satt und konnte es kaum erwarten, seine Zeit ab jetzt, wo der Winter vorbei war, wieder überwiegend im Garten verbringen zu können. Für den Garten interessierte sich seine Frau nur insofern, als er ordentlich zu sein hatte, "aufgeräumt", damit die Nachbarn nichts zu reden hatten.

Heute musste er schon ganz früh morgens die lange Leiter aus dem Schuppen holen, damit sie das kleine Dachfenster hoch oben im offenen Treppenhaus putzen und den kleinen, dazugehörenden Vorhang abnehmen konnte, der eigentlich gar keine Funktion hatte.
Selbstredend kamen auch alle anderen Fenster, Vorhänge und Stores im Haus in den "Genuss" ihrer alljährlichen Frühjahrsputzwut.

Heute Abend würde er Ihr die lange Leiter erneut in das Treppenhaus tragen müssen, damit sie die viereinhalb Meter noch einmal mit dem frisch gewaschenen Vorhang zum Dachfenster hinauf würde klettern können. Das brachte ihn auf eine Idee...

Geschickt manipulierte er die obersten Sprossen der Leiter so, dass man es nicht erkennen konnte.
"Ob viereinhalb Meter ausreichen", dachte er besorgt. Doch, das gab einen typischen, leider tödlichen Haushaltsunfall, beruhigte er sich. So etwas kam ja häufiger vor.

Dann endlich würde er die Muße haben, sein Rentnerleben in Ruhe genießen zu können.
In Gedanken sah er sich schon mit der schönen Nachbarin auf deren Terrasse sitzen und gemütlich Kaffee trinken. Die schöne Nachbarin war verwitwet und hatte erst vor einem Jahr das kleine Häuschen nebenan gekauft. Seitdem verehrte er sie, natürlich heimlich.
Sie war nicht zu schlank, hatte langes, rotbraunes Haar, Beine, die wohl bis zum Himmel reichten und die strahlendsten, smaragdgrünen Augen, die er je gesehen hatte. Und erst die Figur!
Ein fleischgewordener Männertraum. Im letzten Sommer hatte er ihr gelegentlich geholfen, wenn ihr altersschwacher Rasenmäher streikte. Und jetzt würde er sie so oft sehen können, wie er wollte!

Das Rufen seiner Frau riss ihn jäh aus seinen angenehmen Tagträumen.
Der Papagei der schönen Nachbarin, der eigentlich nicht richtig fliegen konnte, war ausgebüxt und saß hilflos auf der Dachrinne. Die Nachbarin wusste keinen anderen Rat als seine Frau zu bitten, sie möge ihn fragen, er sei doch so geschickt und könne bestimmt helfen?

Eifrig schnappte er sich die lange Leiter und freute sich darüber, der schönen Nachbarin einen Gefallen erweisen, ihr nah sein zu können. Mit einem dankbaren Lächeln hielt sie ihm die Gartentüre auf und er lehnte schwungvoll die Leiter gegen die Fassade. "Das haben wir gleich", versprach er, während er, Sportlichkeit vortäuschend, behände die Sprossen erklomm...

Einige Wochen nach seiner Beisetzung saß die schöne Nachbarin bei seiner Witwe auf der Terrasse.
Sie tranken Kaffee und aßen selbst gebackenen Apfelkuchen.
Alles war sauber und frisch geputzt. Und ordentlich! Sogar die Fransen des Vorlegers vor der Terrassentüre waren gekämmt.

Copyright Inga Scheer-Ruhland

Kritik und Kommentare erwünscht

8 Kommentare

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Tja, manchen Männern rutscht bei bestimmten Gelegenheiten der Verstand halt in die Hose...
Gute Geschichte und gut geschrieben .
  • 12.04.2014, 00:22 Uhr
...darauf wollte ich anspielen, lieber Georg1
Vielen Dank und ein schönes Wochenende, Inga
  • 12.04.2014, 07:38 Uhr
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Hallo Inga, von Anfang bis Ende spannend u. mitreißend ....... Gratulation ! Freue mich auf die nächste Geschichte ...... Gruß Marlies
  • 09.04.2014, 13:27 Uhr
Vielen Dank, liebe Marlies!
  • 09.04.2014, 13:46 Uhr
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Liebe Inga, wieder super. Macht richtig Spass zu lesen. Ich bin nur ueber den Satz "dachte er besorgt" gestolpert. Bei so einer Teufelei ist keiner mehr besorgt
  • 09.04.2014, 11:49 Uhr
Danke, liebe Eva!

"Besorgt" war er nur darüber, ob die Höhe für sein Vorhaben ausreichend ist...
  • 09.04.2014, 11:57 Uhr
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ich hätte nie gedacht, dass man aus dem leidigen "Frühlingsputz" einen so guten Kurzkrimi schreiben kann
  • 08.04.2014, 21:58 Uhr
Danke, Kunigunde!
  • 08.04.2014, 21:59 Uhr
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