Zu Hause

Beitrag von wize.life-Nutzer

Es war Ende Mai 1990, nach einem fünfjährigen, beruflichen Aufenthalt in England, freute ich mich auf einen Besuch, bei meiner Mama Ruth. Mama bewohnte ein kleines Häuschen am Plöner See in Schleswig Holstein. Am Nachmittag, saßen wir im Garten. Endlich, ein Tag ohne das hektische Treiben der Großstadt. Es duftete nach frisch gemähtem Gras, aus der Ferne das vertraute klopfen eines Spechtes, umgeben von einem Meer bunt blühender Frühlingsblumen.
Ich fühlte mich glücklich und geborgen, Mama machte den besten Apfelkuchen der Welt. „Möchtest du noch Sahne?“, fragte Mama. „Huhu Kleines!“ Verträumt, führte mich mein Blick hinunter zum alten Trampelpfad, den Pfad, den ich mit Papa oft ging, um zum See zu gelangen. „Entschuldige Mama, weißt du noch, als ich mit Papa damals zur Vogelinsel gerudert bin?“ „Aber ja, mein Kind!“, erwiderte Mama, Papa war mächtig stolz auf dich, du warst das hübscheste Mädchen im Dorf. „Aber nun futter doch bitte deinen Kuchen, sonst kommen die Wespen.“ „Du Mama, ich möchte so gerne mal wieder zur Vogelinsel rudern.“ „Gott bewahre, erwiderte Mama, du kannst doch nicht schwimmen, das wäre viel zu gefährlich.“ Inzwischen zog ein heftiges Gewitter auf, fluchtartig, verließen wir den Garten, machten es uns in Papas Kaminzimmer gemütlich und redeten bis spät in den Abend. Es war schon früher Morgen, als ich von dem wunderschönen Gesang einer Nachtigall erwachte. Leise schlich ich mich nach draußen, und plötzlich stand ich am See. Hey, das ist doch der alte Kahn, mit dem ich und Papa? Kein Zweifel, ich entdeckte die alten Holzpaddel, Papa hatte damals liebevoll, mit seinem Anglermesser meinen Namen rein geritzt. „Sally“, Wehmut ergriff mich, alles erschien mir wie damals. Ohne lange zu überlegen, saß ich im Kahn und ruderte mit weiten Schlägen, der Vogelinsel entgegen. Der Morgennebel, wurde von den ersten, warmen Sonnenstrahlen verdrängt. Sonne und Wolken, warfen ihre Schatten auf die gelben Rapsfelder am anderen Ufer. Ein Lichterspiel in prächtigen bunten Farben.
Ich verbrachte viele Stunden auf der Vogelinsel und begriff den Sinn, warum Papa diesen Ort so sehr liebte.
Am Sonntagabend musste ich wieder abreisen, wie immer, ein Abschied mit Tränen. Mama drückte mich fest an sich. „Du kleine Zicke, dachtest du, ich wüsste nicht längst, das du auf der Insel warst!“ Wir lachten beide und ich erwiderte, „Mama, am nächsten Wochenende bin ich wieder hier, versprochen und gleich am Montag, melde ich mich zu einem Schwimmkurs an.“
Ich verbrachte noch viele Wochenenden bei meiner Mama und auf der Vogelinsel. Heute lebe ich in dem kleinen Häuschen, am Plöner See, nur eines gibt es nicht mehr, den alten Kahn.
Peter Böttcher

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