Küstenstraße in Dalmatien
Küstenstraße in DalmatienFoto-Quelle: Markus Bernet unter http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/de/

Ein Urlaubstag / Straße ins Ungewisse

Beitrag von wize.life-Nutzer

Die Abzweigung war kaum zu erkennen. Kein Schild, kein Hinweis darauf, wohin der schmale, unbefestigte Weg führte. Nichts, was darauf schließen ließ, ob dort irgendwo im Ungewissen eine menschliche Behausung zu finden sein würde.
Gerade das interessierte uns und in Abenteuerlaune beschlossen wir spontan, zu erforschen, was uns dort wohl erwarten würde. Wir hatten Urlaub und wir waren neugierig. Bewusst wollten wir außerhalb der - damals noch eher spärlichen - Touristenströme die wild romantische Landschaft erkunden.
Nachdem wir nun von der Magistrale abgebogen waren, änderten sich jäh die Straßenverhältnisse.
Waren wir vorher auf der Asphaltdecke der Küstenstraße zügig vorangekommen, so mussten wir uns nun im Schritttempo vorwärts tasten. Augenblicklich hüllte uns eine dichte Staubwolke ein und ließ uns fortan die Landschaft wie durch einen gelben Nebel sehen. Der Sand drang durch alle Ritzen in das Wageninnere. Er legte sich auf das Armaturenbrett, auf unsere Kleider und unsere Haare, war in Augen, Ohren und Mund. Da unser Auto nicht mit einer Klimaanlage ausgestattet war, waren wir schweißbedeckt, denn das Thermometer im Wagen zeigte weit über vierzig Grad Celsius an. Der feine Sand, dem wir uns trotz geschlossener Fenster nicht entziehen konnten, klebte auf der Haut wie Panade auf einem Stück Fleisch.

Wo mochte der Pfad hin führen?

Die Straße - nein, der Weg, denn als Straße konnte man diese steinige Piste wirklich nicht bezeichnen, war so schmal, dass unmöglich zwei Autos nebeneinander Platz gefunden hätten. Tiefe Schlaglöcher reihten sich aneinander und erforderten großes Fahrgeschick. Geröllbrocken und scharfkantiges Gestein erschwerten die Fahrt zusätzlich. In Haarnadelkurven wand sich der Pfad steil abwärts. Auf der einen Seite, etwa eine Handbreit vom Wagen entfernt, reckten sich schroffe Felsen himmelwärts. Unmittelbar auf der anderen Seite des Weges fielen die Steilwände an die fünfzig Meter in die Tiefe.

Kurve um Kurve, Kehre um Kehre immer das gleiche Bild: Felsen, Gestein und die große Staubwolke, die unser ständiger Begleiter geworden war. Keine Ausweichmöglichkeit, nirgends ein Platz, an dem man anhalten oder gar hätte wenden können. Kein Baum, kein Strauch fand hier Lebensraum. Lediglich hin und wieder wuchs an einem der raren Schattenplätze etwas unscheinbares Gestrüpp kümmerlich zwischen Steinen. Trotzdem lag ein intensiver, sehr angenehmer Blütenduft über der hitzeflirrenden Karsteinöde. Ständig waren wir auf der Hut. Was würde uns nach der nächsten Biegung wohl erwarten? Wo mochte der Pfad hin führen? Wo mochte er enden? Würde am Ende ein Wendeplatz sein, oder brach die Piste plötzlich ab und wir stürzten ins Meer?

Still saßen wir im zum Backofen mutierten Wagen. Unsere Nerven waren angespannt. Doch keiner von uns sagte ein Wort. Schweigend ließen wir die Wasserflasche kreisen. Das lauwarme Getränk schmeckte fad und neigte sich ausgerechnet jetzt dem Ende. "Das fehlt uns noch, dass wir hier in der staubigen Steinwüste hängen bleiben und nicht einmal etwas zu Trinken dabei haben", dachte ich. Die Anderen hatten wohl ähnliche Gedanken, doch keiner sprach sie aus.

Vom wolkenlosen Himmel brannte gnadenlos die mittlerweile fast senkrecht stehende Sonne. Nicht der leiseste Windhauch regte sich. Trotz größter Vorsicht schlingerte das Auto im Schritttempo von einem Schlagloch in das nächste.

Blütenpracht als Kontrast

Plötzlich, als wir wieder einmal aus einer der zahlreichen Kehren heraus kamen, erblickten wir tief unter uns das Meer. Silbrig-blau glänzend erstreckte es sich bis zum Horizont, wo sich seine Kontur im Dunstschleier auflöste. Endlich, das Meer! Bald hatten wir es geschafft. Aber noch waren wir nicht unten angelangt. Eine ungeduldige Erregung bemächtigte sich uns. Führte der Weg an das Meer, oder endete er abrupt im Nichts? Eine letzte, scharfe Rechtskurve und die "Straße" mündete in einen kleinen Hafen.
Auf den ersten Blick lag er menschenleer in der Glut der Mittagshitze in völliger Ruhe direkt vor uns.
Das dazu gehörende Dorf umfasste nur wenige, winzig kleine Häuser. Sie waren in pastelligen Bonbonfarben gestrichen. Die Ziegel, mit denen sie gedeckt waren, hatten ihre ursprünglich wohl kräftig-rote Farbe verloren, waren ausgeblichen, was sehr gut zu den aquarellfarbenen Häusern aussah.
Alle Häuser hatten zur Meerseite hin große Terrassen, die über und über mit großen, mittleren und kleinen Blumentöpfen geschmückt waren. Die überschwängliche Blütenpracht bildete einen starken Kontrast zu den die Häuser umgebenden, kahlen Felsen. Die ebenfalls bunt gestrichenen, hölzernen Fensterläden waren, wohl wegen der sengenden Mittagshitze, geschlossen.
Die Gebäude waren an den den Hafen dicht umschließenden, steilen Berg gebaut. Sie wirkten beinahe wie Vogelnester und standen versetzt, eines diagonal über dem nächsten. Sie waren nur durch einen schmalen Fußweg verbunden, der sich vom Hafen bis hinauf zum letzten Haus wand und sich dort irgendwo im Geröll verlor.

Dorfplatz und Hafen

Auf der höchsten Stelle des kahlen Berges konnten wir die fast völlig verfallene Ruine eines ehemaligen Castells erkennen. Der kleine Dorfplatz, der sich am Fuß des Berges ausbreitete und sich zum Hafen hin weit öffnete, wurde von einem üppig grünen Maulbeerbaum mit mächtiger Krone dominiert. Seine Schatten spendenden Äste ragten wie schützend über den Dorfbrunnen. Unter seinem ausladenden Blätterdach hielten ein paar alt Männer auf dem Boden sitzend und an den Stamm gelehnt, ihren Mittagsschlaf. Die Hüte hatten sie sich tief in ihre Gesichter geschoben, die Beine von sich gestreckt. So dösten sie vor sich hin. Drei Hunde lagen zusammengerollt zu ihren Füßen und taten es ihnen gleich.
Sie kümmerten sich nicht um uns. Kein Laut störte die mittägliche Ruhe. Es schien, als wären wir mitten in einem pittoresken Gemälde gelandet. Das einzige Geräusch, das wir hören konnten, war der gedämpfte, ruhige Wellenschlag des Meeres. Gelegentlich schlug eine größere Welle gegen die Hafenmauer und schwappte mit einem schmatzenden Geräusch auf den glühheißen Beton. Sonst herrschte absolute Stille. Die Netze der Fischer hingen an Stangen zum Trocknen und bewegten sich leicht in dem sanften Wind, der vom Meer her wehte und der einen würzigen Duft mitbrachte. Ein paar Boote lagen im Hafenbecken. Mit Seilen an rostigen Eisenringen vertaut, schaukelten sie sacht auf den flachen Wellen. Die Stellen, an welchen die Eisenringe im Beton verankert waren, hatte der Rost bräunlich verfärbt.
Am Dorfeingang überragte eine alte Barockkirche alle anderen Gebäude. Ihre hellgelbe Farbe und die weißen Stuckverzierungen hatten schon bessere Zeiten gesehen. Die Vorderseite mit dem wunderschön geschnitzten Portal wandte sich der Hafeneinfahrt zu. Ein schöner Willkommensgruß an die heimkehrenden Fischer und Seeleute. Stuck, Putz und Farbe bröckelten und die Fassade wies Einschußlöcher größerer Kaliber auf. Stammten diese vom letzten Weltkrieg? Oder waren sie noch älter, vielleicht von Piratenüberfällen früherer Zeiten? Auf dem Glockenturm gab es keine Glocke mehr. Wahrscheinlich hätte er deren Last nicht mehr tragen können. Ob die Glocke auch dem Krieg zum Opfer gefallen und eingeschmolzen worden war? Die rund um die Kirche stehenden, großen, alten Bäume hätten es wohl erzählen können. Ihr sattes, grünes Laub wisperte leise im schwachen Wind und bot Vögeln großzügigen Lebensraum.

Niemals zuvor hatten uns Speisen besser geschmeckt

Etwa in der Mitte der um den Dorfplatz gruppierten Häuser stand ein kleines Wirtshaus. Auf dem Platz vor dem Dorfgasthaus luden ein paar Tische und Stühle zum Verweilen ein. Es duftete verführerisch nach mit Knoblauch und Kräutern zubereitetem Essen. Da sich mittlerweile bei uns außer brennendem Durst auch nagender Hunger eingestellt hatte, nahmen wir Platz. Die Erleichterung, diese abenteuerliche Fahrt gut überstanden zu haben, stand uns allen ins Gesicht geschrieben. Eine freundliche Wirtin mittleren Alters in einem blauen Kleid und tadellos weißer Schürze, mit sehr dunklem, sorgfältig zum Knoten frisiertem Haar begrüßte uns. Es gab keine Speisekarte, wir hätten sie sowieso nicht lesen können. Fremde verirrten sich normalerweise nicht hierher.
So bestellten wir gestikulierend Essen und Trinken. Zwar verstanden wir nicht, was die freundliche Frau uns zu erklären versuchte, aber wir nickten trotzdem begeistert zu allem, was sie sagte und erwarteten gespannt das Mahl. Es übertraf unsere kühnsten Hoffnungen: Gegrillter, würziger Fisch, gegrilltes, zartes Fleisch, wohlschmeckender Gemüsereis, ein Schälchen mit rohen Zwiebelringen, eines mit scharfem Paprikamus und eine große, irdene Schüssel mit dem herrlichsten Tomatensalat, den wir je gegessen hatten. Dazu ein Korb mit dicken Weißbrotscheiben und köstlicher, kalter Weißwein. Niemals zuvor hatten uns Speisen besser geschmeckt. Spätestens nach dem starken, bittersüßen Mokka waren wir sicher, im Paradies gelandet zu sein. Wir hatten sogar unsere Sprache wieder gefunden. Lachend durcheinander schwatzend kommentierten wir den Weg zu diesem Dorado und die zwiespältigen Gefühle, die uns dabei begleitet hatten.
Später, als wir uns übermütig in den angenehmen Meeresfluten tummelten und die Kühle des Wassers uns erfrischte, waren die Anspannung und alle Strapazen vergessen. Wir waren angekommen. Unser Urlaub konnte beginnen.

Epilog: Diese Geschichte trug sich im Juni 1968 im damaligen Jugoslawien Titos zu. Zu einer Zeit also, als es noch kein GPS, Navis, Handy´s, oder Klimaanlagen gab. Autos waren noch PKW und keine Geländefahrzeuge. Airbag, ABS, Servolenkung, Sicherheitsgurte und dergleichen waren noch unbekannt.
Das malerische Fischerdörfchen ist inzwischen ein stark frequentierter Urlaubsort und hat dadurch seinen Charme verloren. Von dem ehemaligen Castell ist nichts mehr übrig. Die Straße wurde befestigt, ist aber nach wie vor sehr schmal und steil und nur routinierten Fahrern mit starken Nerven zu empfehlen.