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Parallelwelten / Zwei Frauen
Parallelwelten / Zwei FrauenFoto-Quelle: © pictoores - www.Fotolia.com

Parallelwelten / Zwei Frauen

Beitrag von wize.life-Nutzer

Parallelwelten - zwei Frauen

Madame erwachte mit diesem pochenden Schmerz in den Schläfen, den sie immer dann verspürte, wenn sie nach einem einsamen, alkoholschwangeren Abend keinen Schlaf finden konnte und mit einer Tablette nachgeholfen hatte.
Dagegen gab es nur eines: Eine kalte Dusche. Aus dem Spiegel ihres marmornen Badezimmers blickte ihr aus verquollenen Augen ein blasses, nicht mehr ganz jugendfrisches Gesicht entgegen. Nach der Dusche, einer Anti-Aging-Pflegemaske und einem großen, schwarzen Kaffee fühlte sie sich schon erheblich besser. Sie überlegte, womit sie sich heute langweilen sollte. Ihr Mann war seit drei Tagen auf Geschäftsreise in Dubai. Oder war es New York oder St.-Petersburg? Sie wusste es nicht, es lohnte auch nicht, sich das zu merken. In ein paar Tagen würde er sowieso schon wieder ganz woanders sein: in Rio oder Tokio oder sonst wo. Es spielte keine Rolle, war egal. Sie war alleine, ständig. War er zu hause, so musste sie für seine Geschäftspartner die Supergastgeberin mimen, hübsch aussehen und lächeln. Dem perfekten Menü folgte stets der obligatorische Espresso. Danach pflegten sich die Herren in das „Herrenzimmer“zurück zu ziehen und sie parlierte mit den Damen über die Sehenswürdigkeiten der Stadt, die angesagtesten Modedesigner und ähnlich „wichtige“ Themen. Das war ihr „Job“: gut aussehen, repräsentieren, lächeln, die Gäste bei Laune halten. Dafür hatte sie Germanistik studiert?
Manchmal staunte sie, wie sie dieses Leben aushielt. Dieses langweilige, sinnfreie Leben, welches sich nach den Regeln ihres Mannes abzuspielen hatte. Ihr war nur die Nebenrolle zugedacht, sie war quasi die „Dekoration“ in seinem minutiös verplanten Leben. Nur eine Marionette, die zu funktionieren hatte.
Sie versuchte, die Bitternis weg zu scheuchen, die in ihr hoch kam.
Der Gedanke an die Zwanzig-Zimmer-Villa, die Ferienwohnung in St. Moritz, die Finca auf Mallorca, die ansehnliche Kreditkartensammlung, den erlesenen Schmuck, den sie ihr eigen nennen konnte und einige andere Annehmlichkeiten bewogen sie stets, diese Gedanken schnell wieder zu verdrängen. Resigniert zuckte sie mit der Schulter, seufzte und legte ein dezentes, sehr gekonntes Make up auf.
Ihr blondiertes Haar, welches gestern in den Genuss von Pierres Zauberhänden gekommen war, glänzte wie Gold. Pierre war zur Zeit der begehrteste Coiffeur der ganzen Stadt. Sie hatte jede Woche einen festen Termin bei ihm.
Im Ankleidezimmer musste sie trotz - oder gerade wegen - der Riesenauswahl lange suchen, bis sie etwas fand, das zu ihrer Stimmung passte.
Achtlos wühlte sie in den Designerkleidern und konnte sich lange nicht entscheiden. Dann wählte sie ein zart roséfarbenes Sommerkostüm, eine cremeweiße Seidenbluse, eine Akojaperlenkette und hochhackige, creme-weiße Pumps. Der passende Hut und die Perlenohrstecker rundeten ihr angenehmes Erscheinungsbild ab. Nur noch ein Hauch ihres Lieblingsparfums und sie war fertig. Prüfend betrachtete sich in dem wandhohen Spiegel und fand, sie sei immer noch eine attraktive Frau, auch wenn ihr viertes Lebensjahrzehnt sich langsam in Richtung „halbes Jahrhundert“ bewegte.
Wenn sie daran dachte, schauderte ihr. Schnell schob sie auch diesen Gedanken beiseite, griff hastig zu ihrer Designer- Handtasche, dem Wagenschlüssel und schritt zum Foyer. Im Gehen steckte sie noch kurz ihren Kopf in die riesengroße Küche, um der Haushälterin zu sagen, dass sie heute nicht zum Essen zu hause sein würde. Der sauber geharkte Kies knirschte dezent, als sie ihre Luxuslimousine zum Tor lenkte. Geräuschlos öffnete sich das riesige, schmiedeeiserne Tor und sie bog in die Straße Richtung City ab.
Ein Einkaufsbummel würde ihre Laune deutlich verbessern, hoffte sie. Danach wollte sie sich mit einem neuen Buch in eine öffentliche Anlage setzen, um ungestört zu sein. Sie hätte sich genausogut in den wunderschönen Park, der ihr Anwesen umgab, setzen können. Doch die Einsamkeit dort hätte sie heute nicht ertragen. Im Stadtpark würde niemand sie erkennen und sie konnte Menschen beobachten, sich dabei weniger alleine fühlen, so etwas wie Leben spüren.

Zur selben Zeit, als Madame zu erwachen geruhte, erhob sich eine andere, etwa gleich alte Frau von ihrem Nachtlager. Auch sie hatte einen alkoholschwangeren Abend hinter sich, aber nicht aus Langeweile. Einige ihrer Kumpels, die wie sie immer unter derselben Brücke schliefen, hatten ein paar Literflaschen Rotwein und Bier organisiert und in der Runde kreisen lassen. Es war ein friedlicher Abend gewesen, ohne Kontrollen der Stadtsheriffs oder der Polizei.
Sie hatten nicht einmal Feuer machen müssen, weil es so warm gewesen war. Feuer war immer schlecht: Es lockte Neugierige oder Polizisten an, was stets dazu führte, dass sie ihr Lager räumen mussten. Gestern abend hatten sie Glück gehabt, niemand hatte ihre Ruhe gestört.
Weil die Nacht lau war, hatten ihr die paar Tageszeitungen, die sie aus einem Papierkorb gefischt hatte, als Zudecke gereicht.
Sie hatte prompt verschlafen. Zwar hatte sie keine Termine, doch es war ihr zu einer lieben Gewohnheit geworden, in der Isar zu baden, bevor es hell wurde.
So konnte niemand sie beim Bade beobachten. Sie hatte einen ganz bestimmten Platz für ihr morgendliches Baderitual auserkoren.
Das war ihr „Badezimmer“. Eine umgestürzte Weide diente ihr als Hocker, Klei- derablage und Sichtschutz. In dem Wurzelgewirr der Weide hatte sie, in einer Plastiktüte verpackt, Seife, Zahncreme und Zahnbürste sowie einen Kamm, ein Handtuch, einen angelaufenen Handspiegel und eine Tube Allzweckcreme versteckt. Damit sie das nicht auch noch ständig mit sich schleppen musste, verbarg sie es hier, mit einem großen Stein beschwert.
Nach dem Baden, oder wenn sie ihre Wäsche gewaschen hatte, hängte sie ihr Handtuch oder die Kleider in das Geäst des Baumes zum trocknen.
Sie war so froh, dass endlich Sommer war, denn in der kalten Jahreszeit musste sie immer warten, bis das große Kaufhaus am Marienplatz öffnete. Dort konnte sie sich auf der Damentoilette nur kurz das Gesicht und die Hände waschen.
Im Sommer war das besser, da war die Isar ihre Badewanne, ihr „Whirlpool“,
Sie blickte sich um: ihre Kumpels schliefen noch. Also konnte sie es wagen, ihr allmorgendliches Bad in dem kalten Fluß zu nehmen ohne beobachtet zu werden. Spaziergänger gab es zu dieser Stunde kaum.
Nach dem Bad kämmte sie sorgfältig ihr früh ergrautes Haar, das schon seit Jahren keinen Friseur mehr gesehen hatte.
Ihr prüfender Blick in den halbblinden Spiegel zeigte ihr eine Frau mittleren Alters, die wohl einmal schön gewesen war. Doch das harte, entbehrungsreiche Leben unter den Brücken der Stadt hatte Spuren hinterlassen. Deutliche Linien zeichneten es und feine Knitterfältchen, die es wie ein Spinnennetz überzogen, sprachen eine deutliche Sprache.
Nach der Morgentoilette machte sie die „große Runde“. Das bedeutete, dass sie im gesamten Uferbereich von Spaziergängern achtlos weg geworfene Pfandflaschen aufsammelte und sie im nahen Supermarkt zu Geld machte. Wenn sie einen guten Tag hatte, konnte sie sich damit ein Frühstück kaufen. Heute war so ein guter Tag.
Sie leistete sich eine Butterbreze, und einen „Coffee to go“. Ihre paar Habseligkeiten hatte sie in Plastiktüten immer bei sich. Sie suchte sich eine Parkbank aus, die sonnenbeschienen und von Rosen umrankt war. Sie liebte Rosen. Als junges Mädchen.... aber diese Gedanken verjagte sie schnell mit einer unwirschen Handbewegung. Vorbei, es war vorbei...
Gerade, als sie es sich mir ihren Tüten auf der Bank gemütlich gemacht hatte, kam eine etwa gleichaltrige Frau in den Park. Ihre Blicke trafen sich nur kurz, zufällig.
Hastig sahen sie weg, alle Beide.
Auch diese Frau war, genau wie sie, mit Einkaufstüten bepackt. Allerdings handelte es sich dabei keineswegs um Diskounter-Plastiktüten, sondern um edle, mit angesagten Labels bedruckte Stücke. Sie enthielten wohl auch nicht die gesamte Habe der Dame, welcher sie gehörten, sondern lediglich die Ausbeute von deren Einkaufsbummel. Zwei Frauen im Park, zwei Frauen im etwa gleichen Alter, zwei Frauen aus dem selben Kulturkreis, zwei Frauen, deren Träume und Hoffnungen auf den Klippen des Lebens zerborsten waren wie Glas. Zwei Frauen, die zur selben Zeit am selben Ort das gleiche taten - und die trotzdem zwei Welten, wie sie unterschiedlicher kaum sein können, verkörperten.

Copyright © Inga Scheer-Ruhland

Ich freue mich über Kritik und Kommentare, danke!!!


43 Kommentare

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eine tolle Geschichte bin ganz fasziniert.!
Herzlichen Dank, liebe Christa!
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guten morgen inga,

eine geschichte, die mich in ihren bann gezogen und sehr nachdenklich gemacht hat. spannend geschrieben und bilder gemalt. du lieferst ein (vielleicht das) realistische abbild unserer gesellschaft.....leider....oder ist es einfach so, weil es schon immer so war.....die parallelen welten von arm und reich....wie auch immer ....danke für diesen lesegenuss,

cara!
Hallo Cara!

Es wird wohl schon immer so gewesen sein in unserer Gesellschaft und es wird sich leider nie etwas ändern. Man kann nur selber hin sehen und versuchen zu helfen, wo es geht. Ein Einzelner kann nichts ausrichten und diejenigen, die genug Geld hätten es zu tun, interessiert es nicht.
Ich danke Dir für Deine gute Beurteilung meiner Geschichte, herzliche Grüße,
Inga
Hallo Inga,

ja sicher hast Du recht, es wird ihn wohl immer geben diesen Unterschied im Leben der Menschen, den Du mit Deiner Geschichte thematisiert hast.
Damit hast Du dann ja auch etwas unternommen, indem Du unsere Gedanken dahin gelenkt hast und uns zum Nachdenken gebracht hast.

Ich denke nicht, dass diejenigen, die genug Geld haben, aber ich sehe unsere gewählten Vertreter in der Verantwortung ........zumindest ein Auge darauf zu haben und zu unterstützen, wo es erforderlich ist.

naja....

lg Cara!
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Sehr gut hast die diese beiden sehr unterschiedlichen Frauentypen umschrieben. Sehr lebensnah und tragisch. Knitterfältchen wie ein Spinnennetz ist auch ein sehr schönes Bild. Bei der ersten Frau zerbröckelt die Fassade des schönen Scheins. So etwas gefällt mir.
Danke Martin!
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Beim lesen Deines Gesellschaftskritischen Beitrages,dachte ich"Inga du
wirst dich doch nicht auf hollywoodniveau begeben",wo sich die beiden
Frauen in einer Schicksalsgemeinschaft zusammenfinden,und die
Ärmere Dame der Wohlhabenden Dame die wahren Werte des Lebens vermittelt,und ihr Denken und Ihre Lebensweise total umkrempelt.
Auf diese Weise will man dem gemeinen Volk weismachen,das es
denen da oben zeigt was wirklich zählt im Leben.Schlußendlich
den " Reichen"sogar moralisch überlegen sei.
Aber im wahren Leben sieht das ganz anders aus.Die Reichen werden
immer reicher,und denken garnicht daran von ihrem Wohlsstand
etwas abzugeben.
So gesehen hast Du eine realistisch Zustandsbeschreibung und Befindlichkeit
unserer Gesellschaft beschrieben.
Gut beobachtet Inga.
Schöne Grüße von J.Kribbel
Jakob,
ich danke Dir herzlich für Deinen positiven Kommentar"
Liebe Grüße, Inga
Hallo Jakob,
gestern hatte ich wenig Zeit und konnte nicht näher auf Deinen Kommentar zu meiner Geschichte eingehen.
Ich hatte nicht vor, die Geschichte mit einem Happy End á lá Hollywood zu versehen. Meine Absicht war lediglich, die krassen Gegensätze unserer Gesellschaft - "Parallelwelten" - auf meine Weise darzustellen und freue mich, wenn es mir etwas gelungen ist.
Dir ein schönes Wochenende, liebe Grüße, Inga
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Mich macht es nachdenklich und betroffen.
Sehr gut geschrieben
Danke, dass du es hier gepostet hast.
Vielen Dank, Bea!
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Danke, Kunigunde!
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das Schicksal kann den Menschen schon übel mitspielen. Liebe Inge, Du hast diese beiden Frauen, trotzdem sehr liebenswert beschrieben
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...tja ,so ist das leben...aber "lebenswert"???
Genau, Marlies!
Lieber Harry,
das ist genau die Frage der Fragen!
Ich möchte das eine ebenso wenig wie das andere.
So dazwischen ist wohl o.k.?
Obwohl wir für unseren Komfort und "Fortschritt" schon sehr viel Freiheit und Unabhängikeit aufgeben müssen.
Irgendwie habe ich auch so ein grummelndes Gefühl, das mich davor warnt, aus lauter Bequemlichkeit fremdbestimmt und sogar entmündigt zu werden.
Vielleicht bin ich aber auch überkritisch?
...war kurzfristig außer gefecht gesetzt mit meinem www...deshalb erst jetzt meine antwort :also klipp undklar: unter der brücke wohnen zu müssen ist menschenunwürdig...und am "goldenen käfig" kann man doch was ändern,aber die GEWOHNHEITEN bremsen einen oft aus...
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Gut beobachtet und sehr gut geschriebenZwei verschiedene Frauen haben die gleiche Einsamkeit jede auf ihre Art.Diese Geschichte gefällt mir sehr
Danke, Maria!
Ich beobachte oft Menschen in der Stadt und stelle mir dann vor, wie sie wohl leben. Wenn mir die Darstellung hier gelungen ist, freut mich das!
Sehr gelungen
Danke, Maria!
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Inga, was ich mich beim Lesen Deiner Geschichte gefragt habe, gibt es für die beiden Protagonistinnen auch so etwas wie Glücksgefühle, oder Zufriedenheit? Für die "bessere" Dame wäre es doch leicht, sich aus ihrer Situation zu befreien, bei der anderen dürfte das schon bedeutend schwieriger werden. Leider sieht die Realität genau so aus. Du hast es sehr beeindruckend beschrieben.
Ursula, ich danke Dir für Deinen Kommentar und dass Du meine Geschichte gut findest. Deine Überlegung ist gut!
Ob diese beiden Frauen Glück empfinden können? Bei der reichen Dame in meiner Geschichte bezweifle ich das. Sie sucht wohl nur Ablenkung und Vergessen. Für die andere Frau ist es wohl (leider) schon ein Glücksgefühl, satt zu essen zu haben und - wenn auch nur im Fluß - ein Bad nehmen zu können.
Ich weiß es nicht (zum Glück!), aber ich stelle mir das so vor.
Menschen, die alles haben können, stumpfen gefühlsmäßig fast immer ab, habe ich feststellen müssen. Arme Menschen haben (oft) die Gabe, sich auch über Kleinigkeiten freuen zu können. Das kann man jedoch nicht verallgemeinern, jeder Mensch ist anders.
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