Der Traum / Parallelwelten
Der Traum / ParallelweltenFoto-Quelle: Foto: Inga Scheer-Ruhland

Der Traum / Parallelwelten

Beitrag von wize.life-Nutzer

DER TRAUM

Da war er wieder, dieser Traum und schon in den ersten Sekunden wußte sie bis ins Detail, wie er weiter gehen und wie er enden würde. Wie oft hatte sie ihn wohl schon geträumt? Hundertmal, fünfhundert- oder tausendmal? Sie träumte ihn, seit sie ein junges Mädchen war und er stellte für sie einen Teil ihres Lebens dar. Wenn sie nur wüsste, ob er eine Botschaft sein sollte oder nur ein Produkt ihrer Fantasie war, ob sie ein „Parallelleben“ führte oder ob es sich bei diesem Traum um eine Erinnerung an ein früheres Leben handelte. Woher kam er? Der Traum war so real, dass sie manchmal dachte, es sei kein Traum, sondern ein echtes Ereignis. Nur, dass sich ein Ereignis nicht zig-fach wiederholt, immer wieder kehrt. Die Zeit kann doch nicht stehen bleiben oder sich zurück drehen! Oder etwa doch? Das dachte sie noch, während sie in ihren Traum hinein glitt. Immer weiter, immer tiefer, bis sie merkte, sie träumte diesen Traum nicht, sie lebte ihn:

Es war dämmrig und sehr warm, feuchtwarm. Die Luft war durchdrungen von dem Fäulnisgeruch verrottender Pflanzen, dem Duft überreifer Früchte und dem Geruch stehenden Wassers. Sie stieg eine schmale, sehr steile und lange Treppe hinab. Wo diese hinführte, konnte sie nicht sehen, nur, dass sie sehr weit nach unten in die Tiefe führte. Tiefer, immer tiefer stieg sie abwärts. Erst etwas zögerlich, weil sie ein leises Bangen vor dem hatte, was da wohl kommen würde. Je wärmer und feuchter es wurde, je schwerer die Düfte wurden, um so schneller und sicherer stieg sie hinab. Sie hörte Vögel kreischen und sah dann plötzlich, wo sie sich befand: In einem dämmrigen Urwald. Die Sonne schaffte es nicht, das Dickicht zu durchdringen, obwohl es früh am Morgen war. Nur vereinzelte Sonnenstrahlen drangen zwischen dem Gewirr aus Pflanzen und Bäumen herab und tanzten auf den sich sacht bewegenden Blättern.



Sie stand barfuß auf einem sehr schmalen Weg, der Richtung Osten führte. Rechts neben ihr bewegte sich träge, kaum merklich, ein breiter Fluss. Sein Wasser schien ganz schwarz zu sein, es spiegelten sich die Urwaldriesen darin, die zu ihrer Linken in einem Geflecht aus über haushohen Bäumen, armdicken Lianen, riesenhaften Farnen und bunt blühenden Büschen wuchs. Die von Schwärmen von Kolibris umschwirrten Blüten waren größer als ihre Hände, blühten überschwänglich in Farb- kombinationen und Formen, die sie niemals vorher gesehen hatte. Der betörende Geruch, den sie verströmten, war sehr intensiv, schwer und süß. Er vermischte sich mit dem köstlichen Aroma der exotischen Früchte, die an anderen Büschen und Bäumen hingen.
Manche Büsche und Bäume hatten gleichzeitig Blüten und Früchte. Auch die Früchte waren aussergewöhnlich groß und sehr saftig. Das erkannte sie an den überreifen Früchten, die bereits zu Boden gefallen und aufgeplatzt waren. Einige davon hatten schon zu gären begonnen. Kleine Affen schwangen übermütig an Lianen, ließen sich plötzlich fallen und naschten von dem gärenden Fruchtbrei am Boden. Ihr Geschrei und das Gekreische der bunten Papageien mischten sich mit anderen Tierlauten und ergaben ein ohrenbetäubendes Urwaldkonzert. Trotzdem war die ganze Szenerie durchdrungen von einer Ausstrahlung aus Ruhe und Frieden.

Der Fluß bewegte sich kaum merklich in die Richtung, in die sie ging. Man hätte meinen können, es sei ein See, so träge lag er in dem dämmrigen Licht. Sein Ufer und der Weg lagen auf gleicher Höhe, es gab keine Böschung. Beide gingen ineinander über, verschmolzen miteinander.
Der Weg war so nahe am Wasser, dass er feucht und leicht matschig war. Sie spürte, wie angenehm sich der warme Schlamm zwischen ihren nackten Zehen anfühlte.
Jeder ihrer barfüßigen Schritte verursachte ein leise schmatzendes Geräusch. Ob das Gewässer tief oder flach war, konnte sie nicht erkennen. Es war irgendwie unheimlich, ohne ihr Angst zu machen. Ein merkwürdiges Gefühl: etwas unheimliches, das keine Angst macht?
Doch, genau so war es.
Die Blätter der überdimensionalen Büsche, die in dem undurchdringlichen Gewirr aus Bäumen und Lianen standen, waren so groß wie Zimmerfenster.
Die Duft- und Feuchtigkeit geschwängerte Luft ließ sich trotz allem erstaunlich leicht atmen.

Ohne Eile schlenderte sie leichtfüßig den schmalen Weg entlang, der sich als Bindeglied zwischen Fluß und Urwald dahin schlängelte. Sie fühlte sich wohl in ihrem kurzen Lederkleid, welches aus zwei weich gegerbten, ungefärbten Tierhäuten bestand und ihr bis knapp an die Knie reichte. An einem schmalen Lederband, das sie um die schlanke Taille gewunden hatte, hing ein relativ großer Lederbeutel. Was sich darin befand, wusste sie nicht, doch sie sah auch nicht hinein. Ihr fast hüftlanges Haar war glatt und dunkelbraun glänzend. Sie war noch jung, ihre Gestalt schlank und nicht besonders groß gewachsen, aber muskulös und beweglich. Ihre Haut schimmerte in einem hellen Bronzeton.
Sie empfand eine tiefe innere Ruhe und genoß jeden Schritt durch diese besondere Landschaft. Geschmeidig bewegte sie sich vorwärts. Sie war eins mit der Natur um sich herum, kein Fremdkörper, sondern Teil von ihr.

Mit der Zeit, es mochten viele Stunden vergangen sein, wurde es allmählich immer heller.
Der Urwald lichtete sich nach und nach, um dann vollens zurück zu treten. Der breite Fluß, dessen Wasser sogar im hellen Sonnenlicht noch schwarz aussah, machte eine Biegung nach rechts, Richtung Süden, während sie geradeaus weiter ging. Der Boden unter ihren Füßen war jetzt nicht mehr durchfeuchtet und weich, sondern trocken und hart.

Plötzlich stand sie auf einer sehr großen Lichtung. Ungehindert konnte die Sonne nun hernieder brennen. Direkt vor ihr reckte sich ein großes Gebäude, eine Art Pyramide oder Sonnentempel, in die Höhe. Die majestätische Ruhe, die davon ausging, nahm sie in ihren Bann. Die Kakophonie der Tierlaute, die eben noch lebensfroh lärmend einen krassen Gegensatz zu dem ruhigen Gewässer und den üppigen Pflanzen gebildet hatte, war nur noch gedämpft zu hören, blieb mit dem Wald hinter ihr. Sie ging auf die mit seltsamen Ornamenten, Tierköpfen und
Schlangendarstellungen geschmückte Steinpyramide zu, setzte sich auf den Boden und lehnte sich mit Rücken an die von der Sonne erhitzte Steinwand. Ein glückliches Gefühl von heimkommen durchflutete ihren Körper und ihre Seele. Sie fühlte die kraftvolle Ausstrahlung des uralten Gebäudes auf sich über gehen, etwas heilendes. Trotzdem hatte sie nicht das Bedürfnis, in das Innere des Tempels zu gehen. Es genügte ihr, an seine Mauer gelehnt einfach nur so da zu sitzen. Nach einer langen Weile stand sie auf und hielt sich nun links.

Der Urwald lag hinter ihr, die Landschaft hatte sich kolossal verändert. Der Boden war nun gelbllich, hart, mit Steinen übersät. Nur noch vereinzelt wuchsen spärliche Büsche.
An einem der letzten Obst tragenden Büsche pflückte sie sich eine dieser herrlich duftenden Früchte und verspeiste sie mit großem Genuß. Nie zuvor in ihrem (realen) Leben hatte sie etwas derart köstliches gegessen, der Geschmack war unvergleichlich. Die Frucht war süß und so saftig, dass sie ganz klebrig davon wurde. Glücklicherweise befand sich zu ihrer linken Seite ein kleiner See mit klarem Wasser, in dem sich der tiefblaue Himmel spiegelte. Sie wusch sich darin, schwamm eine Weile und fühlte, dass das Wasser extrem weich war.
Als sie ihren Weg wieder aufnahm, bemerkte sie, dass das Gelände langsam, aber stetig anstieg. Es wurde immer steiler und bergiger. Während sie nach oben stieg, sank die Temperatur merklich ab. Die Luft war nun klar und wurde immer kühler, je höher sie kam.

Als sie das Tal schon ein ganzes Stück unter sich gelassen hatte und der steiler werdende Weg nur noch aus Geröll und Felsbrocken bestand, drangen plötzlich laute Geräusche an ihre Ohren. Es hörte sich ganz anders an als die Urwaldgeräusche, es war rhytmisch, hämmernd, von Menschen verursacht. Es kam aus den dunklen Felsen, die links von ihr hoch auf ragten.
Männer arbeiteten in den Felswänden. Sie schlugen Gesteinsbrocken heraus, die sie in Tücher steckten, welche sie sich umgebunden hatten, eines links über die Schulter, das zweite rechts. Waren beide Tücher voll, leerten sie den Inhalt in geflochtene Körbe, die unterhalb der fast senkrechten Bergwände bereit standen. Andere Männer waren damit beschäftigt, diese Körbe weiter nach unten zu einem Sammelplatz zu bringen und sie dort zu entleeren.
Ein steter Strom von Männern, der sich auf und abwärts bewegte. Wieder andere Männer, offenbar die älteren, sortierten die Steine. Ob es sich dabei um Edelsteine, Mineralien oder Salzsteine handelte, konnte sie nicht erkennen.

Am Fuße der Felswand hatten die Männer ihr Lager aufgebaut. Es bestand aus niedrigen Holzpfählen, die in den Boden gerammt und mit schön gewebten Decken zum Schutz vor der Sonne behangen waren. Darunter waren ebensolche Decken auf dem Boden ausgebreitet. Die Lager waren niedrig, man konnte sie nur in gebückter Haltung betreten. In den Lagerstätten, die rund um eine Feuerstelle aufgebaut waren, gab es allerlei Gerätschaften und hübsche Tongefäße in verschiedenen Größen sowie noch mehr der sehr schön gewebten Decken, die zu zusammengerollt ordentlich aufgereiht lagen. An der Feuerstelle war einer der Männer damit beschäftigt, Gemüse in einen großen, über dem lodernden Feuer an einem Gestell hängenden Topf zu geben. Zwischendurch rührte er mit einem langen Holzstock darin. Die Speise duftete würzig nach Kräutern.
Als sie an dem Lager vorbei kam, grüßten die Männer sie sehr freundlich, ja ehrerbietig.

Ohne sich aufzuhalten, ging sie weiter. Der steinige Weg wurde immer steiler und anstrengender.
Je höher sie stieg, um so weiter fiel die Temperatur. Das Atmen wurde anstrengend, denn die kalte Luft war dünn. Plötzlich war sie umgeben von Nebelschwaden und Wolkenfetzen.
Die Sonne hatte den Zenit schon längst überschritten und es würde nicht mehr lange hell sein. Sie fröstelte in der nun kaltfeuchten Luft und überlegte, ob sie es vor dem Dunkelwerden über den Berg schaffen würde. Nein, es war schon zu spät.
Deshalb entschied sie, dass es vernünftiger sei, umzukehren. Also trat sie den Rückweg an.

Als sie wieder am Lager der Männer angekommen war, luden diese sie zum Essen ein.
Sie setzte sich zu ihnen auf die Decken und genoß den gut mit Chillies gewürzten Eintopf, der aus vielen verschiedenen Gemüsen, Kräutern, Mais und Süßkartoffeln bestand und in mit dekorativen Mustern verzierten, irdenen Schüsseln serviert wurde. Eine wohlschmeckende, wärmende und kräftigende Mahlzeit.
Sie unterhielt sich mit den Männern, die offensichtlich einem anderen Stamm als sie selber angehörten, sie aber denoch als eine höher gestellte Person behandelten. Die Männer waren kleiner im Wuchs und etwas dunkelhäutiger als sie, sprachen aber die gleiche Sprache, allerdings mit einem Dialekt. Sie begegneten ihr sehr respektvoll und erwiesen ihr große Achtung. Eingehend erkundigte sie sich nach dem Befinden der Männer und ihrer Familien und hörte aufmerksam den Berichten zu.

Als die Dunkelheit den Tag endgültig besiegt hatte, boten ihr die Männer einen Schlafplatz an.
Sie erhielt eine der Lagerstellen für sich alleine und fiel augenblicklich in einen tiefen, erholsamen Schlaf, aus dem sie am frühen Morgen erfrischt erwachte. Das ihr mittlerweile vertraute Geräusch der Steinhämmer hatte sie geweckt. Mit den ersten Sonnenstrahlen hatten die Männer ihr
Tagwerk wieder aufgenommen.
Sie bedankte und verabschiedete sich von ihnen und nahm ihren Weg zurück in Richtung Pyramide wieder auf. Sie hatte beschlossen, nicht mehr auf den Berg zu steigen, sondern in den Urwald zurück zu kehren. Auf dem Rückweg aß sie noch einmal eine der köstlich schmeckenden Früchte, die sie am Tag vorher schon genossen hatte. Erneut nahm sie ein Bad in dem kleinen See mit dem weichen, klaren Wasser. Als sie die Pyramide erreicht hatte, setzte sie sich wie am Vortag auf die Erde und lehnte sich mit dem Rücken an die warme Wand. Sie schloß die Augen und ließ sich von der Sonne bescheinen. Die Situation hatte etwas meditatives, fast entrücktes. Lange saß sie so da, mit geschlossenen Augen, das Gesicht der Sonne zugewandt.
Sie fühlte sich wohl, sehr wohl, hatte kein Empfinden mehr für Zeit und Raum. Sie wollte hier bleiben, für immer. Einfach so da sitzen und die Sonne, die Wärme, und die Ruhe genießen.

Doch da ertönte wieder, wie jedes mal an dieser Stelle, die mahnende Stimme, die sie zurück rief. Die Stimme, die ihr sagte, dass sie gebraucht würde und noch einiges zu erledigen habe, bevor sie hier, an dem geliebten Ort, bleiben könne. Folgsam, doch mit Bedauern stand sie zögernd auf und langsam, sehr langsam, machte sie sich auf den Rückweg durch den Urwald.
Als sie wieder an der Treppe angekommen war, hätte sie sich am liebsten umgedreht und wär zurück gelaufen.
Langsam, Schritt für Schritt, stieg sie die steile Treppe wieder nach oben in ihr „wahres Leben“.

Als sie erwacht war, fühlte sie noch ein Stück dieser großen, inneren Ruhe, des Glückes, das sie während des ganzen Traumes empfunden hatte. Warum nur hatte sie diese Stimme zurück gerufen? Wieso konnte sie nicht einfach da bleiben, wo sie so zufrieden und glücklich war?
Wer brauchte sie? Was war ihre Bestimmung in dieser Welt, derentwegen sie immer wieder aus dieser wunderbaren Parallelwelt zurück kehren musste?
Sie fand die Antwort nicht, doch sie hatte die Befürchtung, dass sie erst dann wirklich glücklich und frei sein würde, wenn sie ihre Bestimmung erkennen und leben würde.

© Copyright: Inga Scheer-Ruhland

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