Die Schiedsrichter mal wieder!
Die Schiedsrichter mal wieder!

Die Schiedsrichter mal wieder!

Beitrag von wize.life-Nutzer

Bei der Fußball-WM stehen die Schiedsrichter derzeit im Blickpunkt. Der Tenor in den Medien und den sozialen Netzwerken ist den Unparteiischen gegenüber negativ gestimmt. Ist das berechtigt oder wird mal wieder über das Ziel hinausgeschossen?

Richtig ist, dass die WM-Schiedsrichter sich gegen Konkurrenten durchgesetzt haben müssen. Man könnte nun anmerken, dass in solchen Fällen ja nicht immer nur sachliche Argumente zählen. Der Bundesliga-Schiedsrichter Babak Rafati, der damals vor einem Spiel einen Selbstmordversuch begangen hatte, beschrieb ja in seinem Buch die teilweise ungerechte Behandlung und die Vetternwirtschaft im Bereich des Schiedsrichterwesens. Aber das war alles nicht neu, so ticken die Menschen einfach. Überall da wo Macht im Spiel ist, findet sich auch jemand, der dies ausnutzt.

Da ich selbst lange Fußball-Schiedsrichter und auch Beobachter war, kann ich beurteilen, dass die Schiedsrichterleistungen bei der WM nicht so schlecht sind, wie sie dargestellt werden. Das gleiche gilt übrigens auch für alle anderen Fußballspiele, bis hinunter zur Kreisklasse oder der Reserverunde.

Die offiziellen Schiedsrichter sind stets diejenigen, die sich mit den Fußballregeln am besten auskennen. Dafür wurden sie ausgebildet und dafür müssen sie regelmäßig an Fortbildungen teilnehmen. Auch in der untersten Klasse pfeift also ein Schiedsrichter, der sein Handwerk im Prinzip versteht. Dass ein Schiedsrichter nie jede Situation hundertprozentig richtig beurteilen kann, liegt am Wesen des Fußballspiels, es geht nunmal oft sehr schnell. Aber selbst Zeitlupenaufnahmen hinterlassen gelegentlich ja zwei Meinungen, wie sollte also ein Schiedsrichter es immer jedem Recht machen?

Als Schiedsrichter-Beobachter, der ja ebenfalls bei den meisten Spielen völlig neutral ist, kannich beurteilen, dass die Schiedsrichter in 99% der Fälle auch dann richtig entschieden haben, wenn diemeisten Zuschauer das anders sehen. Natürlich spielt die "Vereinsbrille" die entscheidende Rolle. Die Psyche spielt einem dann einen Streich, man sieht, was man sehen will.

Am meisten ärgern mich aber Zuschauer, die offensichtlich keine Ahnung vom Regelwerk haben, trotzdem aber lautstark und in beleidigender Form ihre Ansichten rausposaunen. So war zuletzt bei einem Jugendspiel der Fall, dass ein junger, von mir beobachteter und bewerteter Nachwuchsschiedsrichter das Spiel, zurcht, weiterlaufen ließ, obwohl die Menge laut "Abseits" reklamierte. Eine Frau ließ sich sogar zu der Aussage hinreißen: "das habe ja sogar ich gesehen, dass das Abseits war". War es aber nicht, der Spieler, der den Ball erhielt, startete erst nach dem weiten Pass, als dieser schon gespielt war. Dann war der Spieler sehr viel schneller als sein Gegenspieler und lief alleine mit dem Ball aufs Tor zu. Die gegnerischen Zuschauer waren sich einig, dass es eine Fehlentscheidung des jungen Schiedsrichters war und beschimpften ihn von da ab dauernd. Nahezu jede Entscheidung gegen ihr Team wurde hämisch kommentiert. Die Zuschauer gingen mit der Überzeugung nach Hause, einen schlechten Schiedsrichter gesehen zu haben. Ich konnte dem jungen Mann eine hervorragende Leistung bescheinigen und erteilte ihm eine sehr gute Bewertung.

Bei der Fußball WM gibt es eine besondere Sachlage. Der Fußball Weltverband, FIFA, hat den Schiedsrichtern eine großzügige Handhabung was die gelben Karten angeht auferlegt. Das wurde publik gemacht, dass die Schiedsrichter sich zurückhalten sollen und die Karten sparsam verteilen sollen. Dabei kann ein Schiedsrichter durch gezielten Einsatz dieses Mittels ein Spiel zu Beginn beruhigen. Aber natürlich kommt es dann auch zu Härtefällen, wenn ein Spieler für scheinbar harmlosere Fouls verwarnt wurde und nach der zweiten Karte für ein Spiel gesperrt wird. Die FIFA hatte sich also etwas bei ihrer Vorgehensweise gedacht, allerdings ging das deutlich schief und viele Spiele wurden etwas zu hart geführt. Bestes Beispiel ist das Foul am brasilianischen Superstar Neymar, der sich einen Lendenwirbel brach, als sein Gegner überhart mit dem Knie voraus in dessen Rücken sprang. Dies war eine Situation, die immer mit Gelb bewertet werden muss, da die Gesundheit des Gegners massiv gefährdet wird, völlig egal in dem speziellen Fall, ob vorsätzlich oder "nur" fahrlässig.

Doch auch bei der WM entscheiden die Schiedsrichter in den allermeisten Fällen korrekt. Was der Zuschauer meist erst nach der zweiten oder dritten Wiederholung in Zeitlupe erkennt, hatten die Top-Schiedsrichter bereits in Echtzeit richtig erkannt. Auch wenn nicht alle Schiedsrichter aus Ländern kommen, in denen sie ständig Spiele auf höchstem Niveau pfeifen, so gehören sie doch immer zu den Besten ihres Heimatlandes.

Vielen Zuschauern, die über die Schiedsrichter schimpfen, würde ich raten, einmal einen Schiedsrichterlehrgang zu besuchen, die Prüfung abzulegen und ganz klein anzufangen, bei einem Jugendspiel und dieses zu leiten. Da würden sich die meisten umschauen und ihre Meinung zu den Schiedsrichtern ändern.

Auch ich ärgere mich über echte Fehlentscheidungen und bin mit dem Auftreten mancher Schiedsrichter nicht ganz zufrieden. Aber das sind wirklich Ausnahmefälle, Spieler und Trainer machen stets sehr viel mehr Fehler und sehen auch sehr viel mehr falsch als die Schiedsrichter. Von den Zuschauern ganz zu schweigen, allerdings haben deren Fehlinterpretationen auch keinen unmittelbaren Einfluss auf das Spiel, zum Glück!