Licht für Marie
Licht für MarieFoto-Quelle: Inga Scheer-Ruhland

Licht für Marie

Beitrag von wize.life-Nutzer

Marie entzündete den Kienspan am offenen Herdfeuer und steckte ihn in die dafür vorgesehene eiserne Halterung, die in der Wand eingemauert war. Sie ertastete diese mehr, als sie sie sah. Wirklich hell wurde es durch den Kienspan nicht. Die gekalkte Wand um die Kienspanhalterung war russgeschwärzt, ebenso die gewölbte Decke in dem niedrigen Raum. Das sah Marie aber nicht - nicht mehr.

Dann machte sie sich im Halbdunkel der Küche daran, das einfache Essen zu kochen. Dazu hackte sie Brennesseln, Giersch und allerhand Kräuter, die in ihrem Garten wuchsen. Marie erkannte sie am Geruch und konnte fühlen, welches Kraut sie pflückte. Die Form und Beschaffenheit der Blätter und Blüten kannte sie in- und auswendig, sie musste sie nicht sehen, sie konnte sie ertasten. Manche fühlten sich glatt und kühl an, andere waren behaart, hart oder zart, stachlig oder fleischig. Marie konnte sie gut unterscheiden, da auch jede Pflanze ein eigenes Aroma verströmte.

Das gehackte Grünzeug mischte Marie unter den frisch gekochten Hirsebrei. Salz gab es in ihrem Haushalt nicht. Salz konnten sich nur die Reichen leisten, die Bischöfe, Fürsten und Kaufleute. „Wie das wohl schmeckt, das Salz?“, dachte sie und konnte es sich ebensowenig vorstellen wie den Geschmack des rubinroten Weines, den der Bischof jeden Abend trank. Das hatte ihr eine Marktfrau erzählt, deren Neffe Diener im Hause des Bischofs war.

Wenn es nur heller wäre! Ihre Augen hatten sich im Laufe der Jahre getrübt. Sie wusste, was das bedeutete: sie würde langsam, aber sicher erblinden. Dann würde sie zu nichts mehr nütze sein, der Familie zur Last fallen. Sie versuchte, so gut es eben ging, ihre beginnende Blindheit zu verbergen. Doch vorgestern erst hatte sie eine irdene Schüssel zerschlagen, weil sie diese einfach übersehen hatte, als sie den großen Holztisch scheuerte.

Seitdem tastete sie erst alle Flächen ab, bevor sie etwas hin stellte oder abwischte. Sie dachte an Barbara, ihre Nachbarin. Seit sie blind war, saß sie im Sommer den ganzen Tag auf dem Schemel neben der Haustüre. Ihre Enkel führten sie morgens hinaus und holten sie zu den Mahlzeiten zurück ins Haus. Im Winter konnte sie das Haus gar nicht mehr verlassen. Barbara hatte es gut, ihre Familie ließ sie noch bei sich wohnen und gewährten ihr Gnadenbrot. Den Nachbarn von gegenüber hatte seine Familie ins Armenhaus am Stadtrand gebracht, als er aufgrund seiner Erblindung nichts mehr arbeiten konnte.

Auch sein Augenlicht war im Laufe der Jahre trübe geworden. Man sah es sogar an seinen Augen, die Pupillen waren wie grau überzogen. Das sah gespenstisch aus. Marie hoffte, dass der Quacksalber, der jedes Jahr zum großen Kirchenfest kam, dieses Jahr auch wieder kommen würde. Anläßlich des Kirchenfestes fand immer ein Jahrmarkt statt, zu dem viel Fahrendes Volk anreiste, Händler, Gaukler, Wahrsager und Heiler kamen von weit her. Und eben dieser Arzt, der erblindeten Leuten in die Augen stach, damit sie wieder sehen konnten. Bei vielen funktionierte es tatsächlich. Nicht bei allen, aber bei vielen.

Marie hatte sich ein paar Kreuzer vom Munde abgespart und wollte es versuchen. Angeblich war der Schmerz erträglich. Natürlich hatte sie Angst davor. Aber die Angst zu erblinden war größer. Sie wollte sich behandeln lassen und sie wollte zu denen gehören, die danach ihr Augenlicht wieder zurück hatten. Marie straffte ihren von jahrzehntelanger, harter Arbeit gebeugten Rücken und atmete tief durch. Dann wischte sie die abgearbeiteten Hände an ihrer Schürze ab, bevor sie die krummen Finger faltete und ihr Gebet sprach: „Herr, gib mir mein Augenlicht zurück“.

Nächste Woche würde der Jahrmarkt stattfinden. Dann würde sie ihre Enkel, die Blumen und alles andere wieder sehen können. Es würde wieder Licht in ihr Leben kommen ...

© Inga Scheer-Ruhland, 27.7.2014
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