Das Licht der Welt
Das Licht der WeltFoto-Quelle: Inga Scheer-Ruhland

Das Licht der Welt

Beitrag von wize.life-Nutzer

Das Licht der Welt
ich versuchte, mich zur Seite zu drehen, doch es gelang mir nicht. Ein irrsinniger Schmerz durchzuckte meinen Körper. So, als würde mir jemand glühende, mit Widerhaken versehene Eisenstäbe durch den ganzen Leib jagen. Was war da los? Als ich meine Hand zum Bauch führen wollte, gehorchte sie mir nicht. Ich konnte sie nicht bewegen. Allein schon der Versuch jagte mir neue Schmerzwellen durch den Körper. Die Hand war irgendwo fixiert und jeder Versuch, mich zu bewegen, scheiterte und schmerzte höllisch. Ich versuchte zu schreien, doch auch das war unmöglich. Etwas befand sich in meinem Mund, das schreien unmöglich machte.
Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Was um Himmels willen war los?

Panisch schnappte ich nach Luft und merkte, dass es leichter war zu atmen, wenn ich versuchte, ruhig zu bleiben. Furcht kroch in mir hoch. Und dann hörte ich auf einmal diese Geräusche: was war das? Dieses regelmäßige Zischen, das von einem durchdringenden Piepston übertönt wurde, machte mir Angst. Irgendwo klirrte es metallen. Jetzt meinte ich, gedämpftes, menschliches Gemurmel zu vernehmen. War da jemand? Konnte mir jemand sagen, was los war, konnte mir jemand helfen? Es war dunkel um mich herum.

Plötzlich hörte ich ganz deutlich, dass ein Mann ziemlich hektisch rief: “Sie wacht auf, beeilt euch, ich kann ihr nicht mehr davon geben, sonst verlieren wir sie!“ Von wem sprach der Mann da, er sollte sich doch bitte auch mal um mich kümmern! Da erschien ein halb von einer grünen Maske und einer grünen Kappe verdecktes Gesich mit Brille über mir. „Gleich haben sie es geschafft, halten sie durch!“ Das hatte er zu mir gesagt? Was durchhalten? Aua, jetzt spürte ich deutlich, dass sich da jemand in meinem Bauch zu schaffen machte. IN meinem Bauch! Warum?

In dem Moment, in dem die Erkenntnis kam, hörte ich ein Baby schreien und Menschen aufgeregt durcheinander reden, dann lachen. Das Gesicht erschien wieder, an den Augen konnte ich erkennen, dass der Mann lächelte, erleichtert aussah. „Gleich, gleich haben sie es hinter sich“, sagte er und streichelte über den Teil meiner Hand, in dem keine Nadel steckte. Plötzlich wurde es ganz hell über mir, grelles Licht schmerzte in meinen Augen, weil jemand die grünen Tücher weg nahm.

Ein paar Leute, alle in grünen Verkleidungen, gratulierten mir. „Ihr Sohn Andreas ist gesund, kräftig und ein hübsches Kerlchen“ sagte eine weibliche Stimme zu mir. Wie durch einen Nebel bekam ich mit, dass man meinen Bauch abwischte, mich zudeckte und auf eine andere Liege hob. Das tat höllisch weh. Dann legte mir jemand mein Baby in den Arm. Man schob mich aus dem OP in den Flur. Das grelle Licht verschwand, dafür hatte mich das Tageslicht wieder.
Und ich meinen gesunden Sohn. Dass ich während des Kaserschnittes aufgewacht war, weil man mir meines Herzens wegen keine starke Betäubung geben konnte, hatte ich schon wieder vergessen.
Mein Kind lebte und war gesund, das alleine zählte. Andreas hatte das Licht der Welt erblickt.

© Inga Scheer-Ruhland

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