Szenen einer Ehe

Beitrag von wize.life-Nutzer

Die Sonne scheint warm vom blauen Himmel und ein paar kleine Wolken ziehen vorüber.
Ich bin gerade dabei die schweren Einkaufskörbe aus dem Auto ins Haus zu schleppen. Einkaufen… das war wieder mal ätzend. Zuerst bin ich durch die endlos langen Regalreihen gerannt, um meinen „kleinen“ Wochenendeinkaufszettel abzuarbeiten. Dann bin ich noch einmal, jetzt im Schnelldurchlauf durch den Markt, Sonderangebote , ein Muss. Zum Abschluss suchte ich noch einen leichten Sommerwein für heute Abend auf unserer Terrasse. Vielleicht ist es ja der letzte warme Abend um draußen zu sein und diesen herrlichen Altweibersommer zu genießen.
Altweibersommer…..ja wie ein altes Weib, genau so fühle ich mich heute nach diesem anstrengendem Tag in der Klinik, alt…müde und kaputt. In meinem Rücken zieht es heftig als ich den Korb, den schweren mit den Getränken die letzten Stufen hinauf wuchte…….
Beschwingt kommt Paul um die Ecke. Auf dem Arm balanciert er einen enormen Stapel bunter Kataloge. Mit einem gekonnten Schwung landen sie auf dem Küchentisch….inmitten meiner Einkäufe. Paul angelt sich die Weinflasche heraus und holt zwei Gläser und den Korkenzieher ……
„Hallo Schatz, stell Dir vor, gerade als ich am Reisebüro vorüberging wurden die Kataloge geliefert. Sie riechen noch ganz frisch. Und ich hab Frau Müller angefleht. Glaub mir richtig angefleht. Und es hat genutzt……ich konnte Sie alle gleich mitnehmen…….“ Die Worte sprudeln nur so aus Ihm heraus………..im Vorbeigehen drückt er mir einen leichten Kuss auf die Wange…….“Komm mit in den Garten, lass uns den schönen Abend genießen. Dabei können wir gleich unsere Urlaubsreise für das kommende Jahr heraussuchen. Es gibt gerade richtig gute Frühbucherrabatte…..“
Aha
Schon ist er wieder aus der Küche. Wie macht der Mann das nur? Er ist 5 Jahre älter als ich. Er kommt nach einem anstrengenden Tag nach Hause, wirbelt durch das Haus……..und ich stehe müde und erschöpft vor dem großen Küchentisch…….Soll ich das alles jetzt hier einfach so liegen lassen und mich zu Ihm setzen ? Soll ich das wirklich?
Die Frage erübrigt sich als Paul hereinkommt, mich bei der Hand nimmt und energisch hinter sich her zieht, hinaus in den Garten……mit einem sanften Druck, der keinen Widerstand gestattet schiebt er mich auf unsere Gartenbank. Fürsorglich legt er meine Beine auf den roten Hocker und rückt mir ein Kissen im Rücken zurecht.
Oh, ist das angenehm.
Noch ist der übervolle Küchentisch nicht vergessen, aber in meiner Hand halte ich bereits das Glas mit dem funkelndem Wein. Die Sonne lächelt mir verschmitzt zu…“Komm bleib hier sitzen. Schließe Deine Augen. Genieße meine warmen Strahlen und diesen schönen Abend. Es ist Herbst und wer weiß schon, wie oft Du das in diesem Jahr noch so haben kannst.“
Ah, ein warmer Strahl tanzt in meinem Gesicht.
„Sieh einmal hier….“ Paul ist ganz in der Katalogwelt gefangen und sucht nach unserem Urlaubsziel. Ich möchte gerade nicht hinsehen….“hmmm“
Ach ja?
Paul hat mich durchschaut. Wie in jedem Jahr hat er als erstes eine gottverlassene Einöde im Blick. So eine alte Holzhütte mitten in den Bergen, in der wir mit den Mauleseln unser Gepäck transportieren müssen. In der ich wieder jeden Tag am Herd, nein wohl eher am Feuerhaufen (Scheiterhaufen?) das Essen rösten werde. Irgendwann wird er mit einem Steinzeitfell als Urlaubskleid für mich nach Hause kommen.
Nein, nicht schon wieder.
Ohne die Augen zu öffnen fahre ich ihn an „Nein Paul nein…..und im nächsten Jahr fahren wir endlich in ein Luxushotel, so ein richtiges Schickimicki Hotel mit einem großen Luxuswellnessbereich. Dort werde ich keinen Finger rühren. Nein Paul nein….ich werde auch nicht diesen Outdoorüberlebenstrip mit Dir machen. Nein Paul nein….“
Oh…
Wütend beginne ich in der Küche für Ordnung zu sorgen. Durch das Fenster schiele ich hinaus. Paul sitzt nicht mehr wie ein begossener Pudel am Tisch. Still und zufrieden grinst er in sich hinein. Am Himmel ziehen dunkle Wolken auf und schieben die Sonne beiseite.
Mit den ersten Regentropfen steht Paul hinter mir. „Ich hab ein richtig nettes kleines Hotel gefunden. Sieh einmal, es liegt wunderschön. Dort musst Du nicht in der Küche stehen und kannst morgens und abends im Schwimmbad……..“
Ja Paul und dazwischen laufen wir in aller Ruhe durch die Wälder…..
„Paul, sieh den Regenbogen, sieh wie schön er ist. Komm, lass uns hinausgehen und uns unters Dach setzen. Es riecht gerade so frisch.“ Ich greife nach seiner Hand und ziehe Paul energisch hinter mir her.