Bergschuhliebe
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Bergschuhliebe

Beitrag von wize.life-Nutzer

Also, wenn wir noch lange hier im dunkeln stehen müssen, kriegen wir die Krise. Finster, eng, staubig und stickig ist es hier drin, nicht zum aushalten. Diese Luft! Wir wollen raus! Uns bleibt nur noch die Erinnerung an die letzten Herbstwanderungen.

Ach, war das immer schön. Jeden Morgen holte sie uns aus diesem Verlies und dann ging es los. Forschen Schrittes über taufeuchtes Gras, über Stock und Stein. Es tat so gut, sich zu bewegen, sich zu recken und strecken. Die Luft war frisch und klar, an den Sträuchern neben dem Weg gab es viele Spinnennetze. Der Tau hatte lauter kleine Tropfen darauf gezaubert. Im Sonnenschein sah es aus, als würden tausende Diamanten funkeln. Gemütlich wiederkäuende Kühe sahen uns mit ihren großen, braunen Augen erstaunt an. Die wunderten sich wahrscheinlich, warum wir so zielgerichtet aufwärts strebten. Hinauf zum Gipfel, immer höher, immer steiler. Jeder Schritt eine Wohltat.

Doch bei einer unserer zahlreichen Wanderungen haben wir uns einen Bänderriß zugezogen, links. Das war übel, kann ich Euch sagen! Es ging nur noch mühsam voran. Zum Glück war es nicht mehr allzu weit bis zur Alm. Die nette Sennerin hatte Gott sei Dank ein paar Ersatzbänder für uns und sie passten! Seitdem hat unsere Besitzerin auch immer ein paar Reservebänder dabei, besser ist besser.

Einmal ist unsere Besitzerin böse gestolpert. Wir haben Schrammen davon getragen, die Narben sieht man bis heute. Trotzdem war gerade diese Wanderung eine unserer schönsten. Denn als unsere Besitzerin stolperte, fing sie ein Wanderer auf - ein Mann. Seither wandern sie immer zusammen und wir haben Freunde gefunden, dunkelgrau, Größe 46, zwiefach genäht, mit gutem Profil. Die Ösen blinken und manchmal zwinkern sie uns zu. So stehen wir also seither zu viert im Schuhschrank, wenn wir nicht unterwegs sind. Das ist schön, denn wir haben uns viel zu erzählen und die Zeit zwischen zwei Wanderungen in dem öden Schuhschrank ist nicht gar so lang. Wir unterhalten uns oft über gemeinsame Wanderungen oder erzählen uns aus der Zeit, als wir uns noch nicht kannten.

Eigentlich haben wir vier es gut getroffen: Unsere Besitzer bürsten uns liebevoll nach jeder Wanderung und massieren uns mit Pflegecreme. Ah, das tut gut! Es ist so schön entspannend, nach einer Wanderung massiert zu werden. Hinterher noch die Prozedur mit der weichen Bürste und wir glänzen wie neu. Das ist wirklich das höchste der Schuhgefühle.

Was ist das? Oh, die Schranktüre geht auf, wir dürfen raus! Endlich! Also dann servus, bis demnächst, Berg Heil!

(c) Inga Scheer-Ruhland