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Karin Thiel führt vor, wie man sich gegen einen Würgeangriff zur Wehr setzen ...

Im Rollstuhl, aber nicht wehrlos

Von Sozialverband VdK Bayern e.V. - Mittwoch, 20.05.2015 - 16:36 Uhr

Karin Thiel zeigt Menschen mit Behinderung, wie sie sich verteidigen können

Auch wenn Karin Thiel im Rollstuhl sitzt – wehrlos ist sie nicht. Die 48-Jährige aus Bamberg hat viele Kurse in Selbstverteidigung absolviert und ist bayernweit die erste Trainerin für Menschen mit und ohne Behinderung. „Es gibt viele Möglichkeiten, wie ich mich wehren kann, sogar wenn ich keine Kraft mehr in den Armen hätte“, sagt sie selbstbewusst.

Zwei Judomatten und eine dicke Tasche hat Thiel mitgebracht zur MS-Selbsthilfegruppe in Coburg, mit Schlagstöcken drin und Schwimmnudeln, um Abwehrbewegungen einzustudieren. Thiel ist selbst seit 20 Jahren an Multipler Sklerose erkrankt, sitzt seit zehn Jahren im Rollstuhl. Die Gruppe kennt sie schon lange, regelmäßig gibt sie dort Trainings in „Selbstverteidigung und Selbstbehauptung“, wie sie es selbst bezeichnet.

Viele der Techniken, die Thiel den rund 40 Teilnehmern der Selbsthilfegruppe zeigt, stammen aus „Kae-In-Sog-In“, eine in den 1990er-Jahren entwickelte Kampfsportart für Menschen mit Behinderung, die Elemente aus Ninjutsu, Jiu Jitsu, Taekwondo, Karate und Judo übernommen hat. Andere hat sich Thiel selbst ausgedacht. Dazu greift sie auch gerne in die Trickkiste. „Fiese Hilfsmittel“ nennt sie Kugelschreiber und Feuerzeug, die im Ernstfall als Waffe dienen können. Thiel kam per Zufall zur Selbstverteidigung: Ihren ersten Kurs machte sie 2004 bei einer Mutter-Kind-Kur.

„Interessiert hat mich das schon immer, aber getraut hab ich mich das lange nicht“, sagt die temperamentvolle Frau. Früher habe sie kein Selbstbewusstsein gehabt, heute müsse sie aufpassen, dass sie nicht zu frech werde, sagt sie und lacht. Nach ihrem ersten Kurs trainierte Thiel weiter, erst in Ulm, dann in Kitzingen, wo der VdK-Kreisverband 1996 eine Selbstverteidigungsgruppe ins Leben gerufen hat. Drei Jahre lang fuhr sie jeden Montag die mehr als 80 Kilometer lange Strecke nach Unterfranken, um üben zu können. Als erste Frau und als erste Rollstuhlfahrerin in ganz Bayern machte sie schließlich den Übungsleiterschein und den C-Trainerschein im Behindertensport. Heute trainiert sie ehrenamtlich Menschen mit und ohne Behinderung in ganz Bayern.

Das Training in Coburg beginnt mit Abwehrbewegungen: Thiels Trainingspartner Christoph Ernst, ein kräftiger junger Mann, greift Thiel mit dem Schlagstock an. Die Trainerin zeigt, wie man sich vor den Schlägen schützt. Ihre Arme schwingen mal nach rechts, mal nach links, wie bei einem Scheibenwischer. Nur vier trauen sich auf die Matten, um zu üben. Der Rest der Gruppe schaut lieber zu.

Weiter geht es mit einem Schulterwurf: „Wenn mich einer angreift, dann gehe ich reflexartig nach oben“, erklärt Thiel und packt ihren Partner am Genick. „Ich lass den nicht mehr los – erst wenn ich weiß, dass er mir nichts mehr tut“, sagt sie entschlossen und gibt den Teilnehmern klare Anweisungen. „Schultern hochziehen, dann die Hand greifen und mit der anderen Hand nach hinten schlagen.“ Geduldig zeigt sie mehrere Male den Griff für den Hebel, mit dem sie ihren „Angreifer“ auf die Matte wirft. Ihr ist wichtig, dass die Teilnehmer langsam und konzentriert üben, damit die Bewegungen nicht falsch einstudiert werden.

Es kommt nicht auf Kraft an

Selbstverteidigung macht selbstbewusst. „Man sitzt aufrechter im Rollstuhl und ist schlagfertiger. Und man kriegt eine große Klappe“, sagt Thiel. Ihre Botschaft: Menschen im Rolli sind nicht wehrlos. Man könne den Rollstuhl sogar als Waffe einsetzen, „man muss nur wissen, wie“. Bei der Selbstverteidigung komme es ohnehin nicht auf die Kraft an, sondern auf Technik und Übung: „Mit einem Kurs allein ist es nicht getan. Wer sich wirklich verteidigen können will, muss viele Monate regelmäßig trainieren.“

Die Teilnehmer hören der Kursleiterin aufmerksam zu. Das liegt nicht nur daran, dass Thiel ihr Wissen mit viel Begeisterung und Humor vermittelt, sondern auch, weil sie selbst im Rollstuhl sitzt. „Wenn man selbst betroffen ist, wirkt man glaubwürdiger“, ist Thiel überzeugt. „Wir können ja nicht aufstehen, wenn‘s mal brenzlig wird.“ Allerdings würde sie nicht in jeder Situation auf ihre Techniken und Tricks vertrauen. Wenn es sich um mehr als zwei Angreifer handelt oder eine Waffe im Spiel ist, rät Thiel, lieber keine Konfrontation zu suchen.

Sind Menschen in der Nähe, empfiehlt sie, diese gezielt anzusprechen und um Hilfe zu bitten. „Wenn einer bereit ist, einzugreifen, steigt die Bereitschaft von anderen, zu helfen, ebenfalls.“ Und wenn ein Auto direkt auf einen Rollstuhlfahrer zusteuert, rät sie, die Flucht zu ergreifen. „Mit Selbstverteidigung ist man nicht zu hundert Prozent geschützt“, warnt Thiel. Das seien auch Menschen ohne Behinderung nicht. „Aber man ist in der Lage, dem Angreifer etwas entgegenzusetzen und einigermaßen gesund aus der gefährlichen Situation wieder herauszukommen.“

Info

Angeboten wird Kae-In-Sog-In in Dachau/Schönbrunn (www.so hai-dojo.jimdo.com), in Kitzingen (www.bvsv-kitzingen.de/kae.html) und in Coburg (www.kae-in-sog-in.de).

Karin Thiel unterrichtet als freie Trainerin und ist unter Telefon (09549) 980 836 erreichbar.

Weitere Kampfkünste, die auch für Menschen mit Behinderung geeignet sind, kann man hier erlernen: Ingolstadt (www.bvsv-ingol stadt.de/die-abteilungen/jugend/selbstverteidigung), Schweinfurt und Gesdorf/Wiesentheid (www.kampfsportschule-sw.de), Sonthofen (www. mse-allgaeu.de), Gögglingen (www.kolibri-dojo.net) sowie Dachau (www.ninpo-dachau.de).

Ein Film über Selbstverteidigung für Menschen mit Behinderung ist im VdK-TV, dem Videoportal des Sozialverbands, unter www.vdktv.de online abrufbar.

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