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„Jeder Mensch hat etwas, das ihn antreibt“ – oder: Was ist Ermutigung?

„Jeder Mensch hat etwas, das ihn antreibt“ – oder: Was ist Ermutigung?

Von wize.life-Nutzer - Dienstag, 14.07.2015 - 14:44 Uhr

Es waren 19 Tage am Stück, an denen ich fast 3000 km per Fahrrad in den tiefsten Süden Europas zurücklegte. Unterwegs erreichten mich auf dem Mobiltelefon Kurznachrichten, die mir helfen sollten, durchzuhalten und das gesteckte Ziel, der Südzipfel Siziliens, zu erreichen. „Halte durch“, „gib alles“ und ähnliche Formulierungen sandten meine Bekannten. Grund dazu war vor allem, dass ich diese Radtour zum Sammeln von Spenden für gemeinnützige Projekte nutzte. Bekannte sollten pro Kilometer spenden, was zu 100 Prozent den Projekten zugutekommen sollte.
Nicht wenige ließen sich dazu anregen und ermutigen und verfolgten die Reise via Internet, wo ich täglich berichtete. Aber wer ermutigte mich und würde ein bloßer Aufruf durchzuhalten eine echte Ermutigung sein? Oder war das gar nicht nötig, weil nur noch „höhere Gewalt“ oder Zwischenfälle die Umsetzung und den festen Entschluss verhindern könnten? Die Kondition selbst – zur Überraschung aller, einschließlich mir selbst – war besser als gedacht. Oder lag es ganz einfach daran, dass man im Alter besser mit seinen Kräften haushalten kann? Oder brauchen Erwachsene im fortgeschrittenen Alter weniger Ermutigung als junge Menschen?

Was ermutigt wirklich?

Es war eine der wesentlichen Fragen, die mich bewegten: was ermutigt mich? Wer – dieses Fragewort tauchte dabei gar nicht auf. Ohnehin sind es nur positiv eingestellte Personen, die überhaupt ein Signal von Ermutigung senden. Andere mögen darüber geredet, ja vielleicht gelästert haben, als müsste sich da ein Herr im fortgeschrittenen Alter nochmal etwas beweisen. – Dabei mache ich Ähnliches jedes Jahr – für mich ganz persönlich, weil es mir (fast immer) gut tut. Mal Paris, mal Stockholm oder andere Städte waren Ziel- oder Durchgangsorte früherer Touren, bei denen mir immer nur eines wichtig war: die Zeit zu haben, über Gott und meine Welt nachzudenken - ganz alleine, ohne darüber gleich reden zu müssen – und nebenbei auch ein paar Kilo Gewicht zu verlieren, weil sitzende Tätigkeit ihren Tribut fordert.

Ein Antrieb zu bremsen?

„Jeder hat etwas, das ihn antreibt“ Ja, auch ein Antrieb zu bremsen? Vergraben wir nicht manchmal unsere kühnen Pläne mit den Argumenten: Vernunft, Bescheidenheit, Grenzen einhalten etc. Jeder hat etwas, das ihn auch bremst. Oder sind es eher andere, deren Bedenken wir allzu schnell zu unseren machen? Doch darüber hinaus muss man auch aufpassen, nicht zu kopieren und Pläne, die andere ermöglichen können, nicht einfach zu übernehmen.
Zum Glück habe ich eine liebe Frau, die mich problemlos auch mal für ein, zwei Wochen ziehen lassen kann – in Ausnahmen auch mal länger. Mit anfeuernder Ermutigung hielt sie sich zurück, weil sie eher die verständnisvolle und barmherzige Person ist, die einen Abbruch der Tour jederzeit akzeptiert hätte. Als ich meinte, dass ich auf meiner ganzen Reise nicht einen einzigen Esel angetroffen hätte, meinte sie, dass ich wohl einen, mich selbst, übersehen hätte. Aber was hat diesen „Esel“ bewegt, durchzuhalten? Die Spendenprojekte? Und wenn ja, sollte uns das gerade im Alter mit Lebenserfahrung anregen, sich sozial und im gemeinnützigen Bereich zu engagieren? Oder geht es uns ein Leben lang um Selbstbestätigung, selbst wenn wir, vordergründig gesehen, nächstenliebend handeln? Was sind das für Motive, die den Menschen bewegen, auch das zu tun, was er sonst nicht tun würde? Und ändern sich die Motive mit dem Alter?
Natürlich haben meine Erfahrungen der Jahre zuvor solch eine Tour leichter gemacht. Aber die Frage bleibt ernsthaft bestehen: Was ist es wirklich, das einen ermutigt? Das Prinzip „cheerleader“, z.B. am Spielfeldrand eines Sportturniers, empfinde ich als nicht mehr ganz junger Mensch eher wie einen psychologischen Trick. Was aber hat Extremsportler bewegt, Strapazen auf sich zu nehmen und – vielleicht immer wieder – über die eigenen Grenzen hinweg zu gehen? Eine Siegesprämie? Ruhm? Wofür lohnt es sich, 19 Tage lang schweißtreibenden Aktionismus zu veranstalten und das Ganze dann auch noch „Urlaub“ zu nennen?
Was bewegt und ermutigt, in fortgeschrittener Lebensphase über die Grenze vermeintlicher Vernunft hinaus etwas anzupacken. Oder ziehen wir es vor, nicht nur nichts zu wagen, sondern auch ständig „vernünftig“ oder zurückgezogen zu bleiben, dabei vielleicht unbewusst Rückschritte zu machen in der Persönlichkeit und vielleicht den Rest des Lebens als recht intensiver TV-Konsument zu enden, der sich unendlich vieles „reinzieht“, auf das man im Leben und zur Lebensqualität absolut verzichten kann?

Wer kennt schon sein Motiv wirklich?

Könnte es sein, dass – ob unternehmenslustig oder träge – wir uns über unsere Motive nicht unbedingt wirklich im Klaren sind? „Wie unergründlich ist doch, was im Innern eines Menschen vorgeht, in der Tiefe seines Herzens!“ – sagt die Bibel schon im Alten Testament und hat m.E. auch in den Zeiten moderner Tiefenpsychologie nach wie vor recht, auch wenn uns moderne Erkenntnisse leicht dazu verführen zu glauben, wir stünden kurz vor der Allwissenheitsgrenze.
Was bewegt dein Leben? Die neue Erfahrung? Der Kampf gegen Langeweile? Die Neugierde? Neues Wissen als verstecktes Motiv von Macht und Beherrschbarkeit? Anerkennung, Nächstenliebe, der Machbarkeitswahn, der keine Grenzen kennen will oder der Kampf gegen Lebensmüdigkeit, Zerfall und Gesundheitsverlust?
„Jeder Mensch hat etwas, das ihn antreibt!“ Aber was? Was ist eine krisenfeste Ermutigung zum Leben?

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