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Sein letzter Sprung - „Einer nach dem anderen ist gestorben – und mich hat d ...

Sein letzter Sprung - „Einer nach dem anderen ist gestorben – und mich hat das kaltgelassen“

News Team
23.02.2018, 08:20 Uhr
Beitrag von News Team

Dieser Sport ist nicht nur extrem, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit tödlich. Allein von Anfang 2013 bis Mitte 2017 starben 117 Basejumper beim Sprung in die Tiefe. Alle zwei Wochen erwischt es einen. Eine Dokumentation über den Rosenheimer Extremsportler Maximilian Werndl - hier exklusiv in voller 7-Minuten-Länge - zeigt die Faszination des Fliegens im Wingsuit-Anzug, vor allem aber wie sehr Freunde und Familie bei jedem Sprung leiden und die Angst sie fertigmacht. Von Christian Böhm

Von zehn Freunden und Bekannten, die mit ihm die Leidenschaft der Schwerelosigkeit teilten, sind noch vier am Leben. In „Last Exit“ erzählt der 29-jährige Maximilan Werndl, wie er mit seinem letzten Sprung wahrscheinlich sein Leben rettete. Trotzdem war aufzuhören die wohl schwerste Entscheidung seines Lebens. "Es hat mich innerlich zerrissen“, sagt Werndl rückblickend. „Meine extreme Seite war für mich alles, was mich ausmacht. Dafür haben die Leute mich bewundert.“


Diese Seite gibt es nicht mehr. Am 9. April 2017 absolvierte er am Monte Brento am Gardasee seinen letzten Sprung – mit 200 Stundenkilometern in einem Flügelanzug an der Steilwand entlang Richtung Tal.

Extrem tödlich

„Um mich herum sind die Basejumper gefallen wie die Fliegen“, berichtet Werndl, Spross einer angesehenen Rosenheimer Unternehmerfamilie und mittlerweile selbst mit eigener Firma erfolgreich tätig. Warum machte er trotzdem immer weiter?

„Es ist Freiheit“, sagt Werndl. „Als würde ich vom Schwarz-Weiß-Film in einen Farbfilm eintauchen.“ Diese Adrenalinausschüttung war für ihn eine Art Selbstvergewisserung. „Eine Droge, die mich am Leben gehalten hat.“ Um die gefühlte Leere im Innern zu füllen. „Diese Angst um das eigene Leben war das einzige Gefühl, das ich noch wahrnehmen konnte.“

Immer knapp am Fels entlang
Immer knapp am Fels entlang

Der sieben Minuten lange, extrem dichte Dokumentarfilm „Last Exit“ begleitet ihn zum letzten Sprung. Wie er den Berg hochmarschiert, an der Kante steht, nach unten blickt, die Arme wie Flügel ausbreitet und sich ins Ungewisse stürzt. Nur wenige Wochen vorher war sein Mentor, der unter Wingsuit-Jumpern als Ikone gilt, bei einem Sprung gestorben.

„Last Exit“ ist das Gegenteil all dieser heroisch angehauchten Extremsportler-Videos, wie sie auf YouTube millionenfach geklickt werden. Beim Internationalen Bergfilmfestival in Tegernsee wurde die Doku im vergangenen Herbst als bester Alpinfilm in der Kategorie „Erlebnisraum Berg“ ausgezeichnet.

Mutter und Freundin rühren zu Tränen

Besonders intensiv ist der Film, wenn Mutter Annette ihre Gefühle zum Ausdruck bringt. „Hätte ich ahnen können, dass du dich in solche Gefahr begibst? Hätte ich ahnen können, dass du so viel riskierst? Immer wieder. Der Gedanke daran ist unerträglich.“

Fliegen wie ein Vogel
Fliegen wie ein Vogel

Sie fühle sich so hilflos, ihr Herz blute. „Warum tust du das?“ Dieselbe Frage stellt seine Freundin Claudia Salm. „Welche Leere musst du fühlen? Warum kann ich sie nicht füllen? Reicht dir dein Glück nicht? Wieso setzt du alles aufs Spiel? Dein Leben, deine Zukunft, unsere Zukunft.“

Für Regisseur ein Herzensthema

Für den Regisseur Puria Ravahi (Beech Studios) war der Film ein Herzensprojekt, wie er sagt: „Der Maxi ist mein Freund, und wie alle seine Freunde und seine Familie will ich, dass er nicht mehr springt.“

Ravahi sieht „Last Exit“ als Gegenbewegung zu den Extremsportfilmchen. „Für mich sind das Heldengeschichten mit Borderlinern!“ Die Szene rede über Tod und Verlust, wie Fußballerspieler über eine Zerrung, kritisiert Ravahi. Er wollte die Schattenseite zeigen. Denn im Netz sehe man nur die Erfolgsgeschichten. „Uns gefällt der Trend nicht, für mediale Reichweite das Risiko immer noch weiter zu erhöhen“, erklärt Ravahi. Das sei Schwachsinn.

Letzter Sprung am Gardasee
Letzter Sprung am Gardasee

„Für mich war’s zum Schluss völlig normal am Felsen zu stehen“, sagt Maximilian Werndl. „Das war wie Radfahren.“ Aus der Normalität hat sich aber schnell eine gewisse Dynamik entwickelt. „Das Gefährlichste war, dass ich irgendwann versucht habe, immer noch einen draufzusetzen.“

Einfach "mega" durch die Wolken zu gleiten

Rund 1300 Sprünge hat er absolviert. Wie viele genau, weiß Werndl nicht. „Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen.“ An die Anfänge im Alter von 24 Jahren erinnert sich der Bauingenieur jedoch genau. „Meine ersten Wingsuit-Flüge waren einfach mega, den horizontalen Flug zu spüren, wie man durch die Wolken gleitet.“

Doch das Hochgefühl verfliegt schnell, wenn der Adrenalinpegel sinkt. „Dann braucht man den nächsten Kick“, erklärt Werndl. Bei Drogen-Junkies ist es ähnlich.

Auch die ständigen Todesnachrichten lösten nichts in ihm aus. „Einer nach dem anderen ist gestorben – und mich hat das kaltgelassen“, lässt er tief in sein früheres Ich blicken.

Schock über Teilnahmslosigkeit

Heute schockiert es Werndl, wie wenig ihn das berührte. Auch die Unzufriedenheit mit sich und seinem Leben wuchs, obwohl es ihm objektiv an nichts mangelte, im Gegenteil.

Werndl nahm sich einen Coach, der ihm klarmachte: Deine extreme Seite ist eine Kompensation, eine Flucht aus deiner Realität. Ihm gefiel die Diagnose nicht, er brach ab.

„Aber der Gedanke war gesät und hat zu gären begonnen.“ Wenn auch nur langsam. Schließlich begann Werndl mit einem zweiten Coach von vorn. „Der hat mich dann emotional geknackt!“ Ein Jahr dauerte es aber, bis er den Entschluss fasste: „Ich höre auf, sonst werde ich sterben, so sicher wie das Amen in der Kirche.“

Kamerad stirbt vor seinen Augen

Schließlich schlug in Chamonix vor seinen Augen ein Kamerad, mit dem er abends zuvor noch gemeinsam essen war, im Berg ein. „Dann lande ich unten und ein anderer Basejumper kommt auf mich zu und sagt: Er habe jetzt den Heli gerufen, der berge die Leiche und dann kann’s in einer Stunde wieder weitergehen. Treffen wir uns oben?“

Maximilian Werndl stieg nicht wieder nach oben, um sich ins Tal zu stürzen, sondern setzte sich ins Auto und fuhr nach Hause. „Zum ersten Mal habe ich diese Gefühllosigkeit an jemand anderen gesehen“, erzählt er und wirkt dabei heute noch schockiert. So durfte es nicht weitergehen. Und tat es auch nicht!

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28 Kommentare

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mit s o l c h e n anscheinend "hirnlosen" Idioten habe ich nicht das
geringste Mitleid. Einen Adrenalin Schub, sofern ich danach "süchtig" bin,
kann in mir anderswo , bei anderen Gelegenheiten und Sportarten auch
holen. Wenn es erforderlich wäre, das wir "fliegen wie ein Vogel", so
hätte die Evolution uns neben den Armen auch Flügel entwickeln lassen.
  • 28.02.2018, 11:49 Uhr
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Fliegen wie ein Vogel geht anders... wize.life/fotowand/foto/5934fa22297b502e57140fe0
  • 25.02.2018, 20:26 Uhr
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...denn sie wissen nicht was sie "Anderen" antun! (Gemeint sind Verwandte, Bekannte und Freunde)
(in Abwandelung eines bekannten Filmtitels)
  • 24.02.2018, 12:59 Uhr
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entsetzlich und berührend werten möchte ich es nicht... und ich kann es (das gefühl der ohnmacht der menschen drumrum) nur im ansatz nachvollziehen, weil mein sohn im vergangenen herbst einen vergleichsweise harmlosen klippensprung ins meer machte, der mir den atem stocken ließ...
  • 24.02.2018, 10:53 Uhr
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Da gibt es nix zu diskutieren.. Wie schon das Wort "Adrenalinkick" sagt..
Ein Drogenerlebnis höchsten Grades...
  • 24.02.2018, 10:35 Uhr
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Adrenalin fließt in uns allen, es muss nur richtig eingesetzt werden. Es ist uns Menschen von Mutternatur so gegeben, das wir uns an unsere Grenzen herantesten, Frauen haben da meistens andere wie Männer, Hochachtung, wer erkennt, wann seine/ ihre Grenzen erreicht sind, Leider gibt es nicht mehr viele, da dem Menschen, der Intinkt genommen wurde, oder den meisten der Mut fehlt ein Risiko einzugehen.
  • 23.02.2018, 23:01 Uhr
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... immer noch einen draufsetzen - das ist der Adrenalinrausch beim Extremsport. Wir haben auch einen Bergtoten in der Familie. Ein sehr geübter Bergkletterer - aus purem Übermut noch einen draufsetzen. Das Ergebnis war leider tödlich.
Sie fühlen sich vom Leben nicht ausgefüllt, ein Kick muss her. Dann fasziniert eine Sportart bei der "mehr" drin ist. Sehr viele Extremsportler enden tödlich.
  • 23.02.2018, 18:08 Uhr
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es ist eine Sucht..und viele haben sich dies auch noch von dem Getränkehersteller mit der beflügelten Dose gut bezahlen lassen
  • 23.02.2018, 15:42 Uhr
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Die Jumper sind erwachsen. Sie können und müssen selbst entscheiden was sie tun. Sie wissen sehr genau, was sie riskieren, bei jedem Sprung. Der ist für sie DER Kick. Es ist ein Extrem-Sport mit extremen Risiko.
Aber sie denken nicht an ihre Familien, Partner oder Kinder und die Folgen für die Hinterbliebenen. Sie verdrängen es.
Wer sich in Gefaht begibt......die Redensart ist bekannt.
Sie fragen sich wohl kaum, wie ihre Liebsten im Unglücksfall damit klarkommen müssen, lebenslang......
  • 23.02.2018, 14:52 Uhr
Es ist schrecklich was Menschen sich antun das ist verantwortunglos welche sinnentlehrte Tat anders ist das nicht zubegreifen .
  • 25.02.2018, 21:02 Uhr
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